Flut an Reisenden

07. September 2018 05:45; Akt: 07.09.2018 13:47 Print

Wie Städte den Touristen-Wahnsinn stoppen wollen

von Dominic Benz - Horden von Feriengästen verstopfen Amsterdam oder Barcelona. Nun reagieren die Städte. Was das bringt, sagt ein Experte.

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Bald gehen die Herbstferien los. Dann beginnt der Reisewahn von Neuem und bringt viele Orte an den Rand des Kollapses: verstopfte Uferpromenaden, überfüllte Strände, ewige Warteschlangen vor den Sehenswürdigkeiten. Mallorca, Amsterdam, Barcelona oder Venedig können die Massen kaum mehr bewältigen. Die Einheimischen stehen kopf: Sie skandieren «Touristen nach Hause», bewerfen die Gäste wie etwa in Palma mit Pferdekot oder drängen sie in Amsterdam von den Velos.

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Doch so schnell versiegen die Touristenstörme nicht. Im Gegenteil: Jahr für Jahr bringen Billigflieger, Kreuzfahrtschiffe oder Fernbusse mehr Ferienhungrige in die Orte. Die Welttourismusorganisation UNWTO sieht die Zahl der Reisenden rund um den Globus von derzeit 1,2 Milliarden bis zum Jahr 2030 auf 1,8 Milliarden ansteigen. Einige Städte reagieren und führen Massnahmen ein. Doch was nützen sie? 20 Minuten hat sie Urs Wagenseil, Tourismusexperte an der Hochschule Luzern, vorgelegt.

•Beschränkungen für Unterkünfte
Massnahme: Gesetze sollen Hotels und Vermieter von privaten Unterkünften einschränken. Paris hat etwa Airbnb stark reguliert, Palma de Mallorca hat das Vermieten von Wohnungen über die Plattform ganz verboten. In Amsterdam dürfen ab 2019 Wohnungen nur noch für maximal 30 Tage im Jahr an Touristen vermietet werden. Im Stadtzentrum dürfen zudem keine neuen Hotels gebaut werden. Das ist auch in Barcelona der Fall.
Das sagt Experte Wagenseil: Das Hotel-Verbot ist verständlich, hat aber Nachteile. Die Hotels werden einfach an der Grenze des Zentrums gebaut. Auch Airbnb-Unterkünfte werden dann ausserhalb vermietet. Dadurch werden aber die Wege für Touristen länger und es entsteht mehr Verkehr, den keiner will. Es ist keine Lösung, sondern eine Verlagerung der Probleme. Eine drastische Erhöhung der Hotelzimmer-Preise wird nur wenig bringen, weil Reisen mehrere Kostenteile umfasst. Zu dem wäre es gegen die freie Marktwirtschaft und daher ein No-go.

• Touristengebühr
Massnahme: Feriengäste müssen für ihren Aufenhalt Gebühren zahlen. Das machen bereits viele Städte so. Seit 2016 zahlen Touristen auf Mallorca eine Abgabe. Dabei handelt es sich um eine Art Ökosteuer zur Erhaltung der Insel.
Das sagt Experte Wagenseil: Die Abgabe ist berechtigt. Doch das schreckt kaum ab. Auch eine deutliche Erhöhung würde kaum was bringen. Das hat das Beispiel in Arosa vor rund 15 Jahren gezeigt: Dort hat man die Kurtaxe im Sommer verdoppelt. Die Gäste sind dennoch gekommen. Sie nehmen die Abgaben in Kauf. Mit solchen Gebühren lässt sich der Massentourismus jedenfalls nicht stoppen.

• Teurere Flugtickets und Kerosin-Steuer
Unter den Airlines tobt seit langem ein erbitterter Preiskrieg. Die Folge: Touristen können zum Spottpreis um die Welt fliegen, was den Massentourismus befeuert. Die Vielfliegerei belastet aber auch die Umwelt. In der Schweiz fordern daher Aktivisten Ticketabgaben und eine Kerosin-Steuer. Das soll klimafreundliche Transportmittel wie Züge fördern.
Das sagt Experte Wagenseil: Ticketpreise müssten stark steigen, damit die Nachfrage spürbar sinkt. Höhere Preise sind aber kurzfristig eher unwahrscheinlich, langfristig hingegen ein denkbares und notwendiges Szenario. Nur braucht es dann eine globale Lösung. Allfällige Steuern führen zu einer Ungleichbehandlung gegenüber Touristen, welche etwa mit dem Auto anreisen. Denn auch das Autofahren und das Produzieren und Importieren von Nahrungsmitteln belastet das Klima. Man müsste also konsequent überall solche Abgaben einführen. Mit Steuern auf Flugtickets würde das Reisen sicher verteuert, aber die Problematik wäre nicht vom Tisch.

• Touristenströme umlenken
Massnahme: Horden von Touristen verstopfen Eingänge zu Sehenswürdigkeiten und überlasten Strassen. In der italienischen Cinque Terre fordern Gemeinden eine Einführung von roten Ampeln. Sie sollen die Touristenströme auf den Wanderwegen regulieren. Venedig hat Drehkreuze bei der Brücke Ponte della Costituzione installiert. Zudem gibt es Kontingente bei den Tickets für die Sagrada Família in Barcelona oder die Stadtburg Alhambra in Granada.
Das sagt Experte Wagenseil: Solche Steuerelemente bringen punktuell Entlastung. Auch dynamische Preise für Sehenswürdigkeiten können helfen. Wenn etwa der Eintritt frühmorgens billiger ist und in Stosszeiten teurer. Lenkmassnahmen haben aber auch zur Folge, dass es dann an anderen Orten und Zeiten mehr Leute hat. Das Problem wird somit nur verlagert.

• Touristen kontingentieren
Massnahme: Die kroatische Stadt Dubrovnik will mit Kontingenten die Massen in den Griff kriegen. Die Zahl der Besucher ist auf höchstens 8000 pro Tag beschränkt. Auch in Thailand oder Italien sollen an gewissen Stränden nur noch eine gewisse Zahl an Badegästen und Booten zugelassen sein.
Das sagt Experte Wagenseil: In Dubrovnik kann man das machen, weil die Stadt nur wenige Eingangstore hat. Auch bei Inseln kann man das noch recht gut steuern. Praktisch unmöglich ist das bei klassischen Städten, welche Hunderte von Zugängen haben. Zudem gäbe es einen Kampf um die Zutrittsrechte. Es ist dann vielleicht so wie bei einem Konzert von Ed Sheeran: Man muss sich zu einer gewissen Zeit ein Ticket schnappen, damit man überhaupt reinkommt. Spontanes Reisen würde so ziemlich eingeschränkt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • 50+ am 07.09.2018 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    war ja zu erwarten

    es ist wie beim Thema Umweltschutz, es gibt einfach zu viele Menschen auf diesem Planeten. Reduktion um 50% und viele Probleme lösen sich von selbst. Früher waren diese Städte froh um jeden Franken den die Touristen gebracht haben. Viele Regionen leben vom Tourismus. Jetzt jammern ist wie die Hand beissen die einen füttert. Man hätte viel früher reagieren müssen aber man war wohl gierig und wollte auch noch den letzten Rappen aus den Touristen pressen.

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  • Fluffer am 07.09.2018 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bleibt auch mal daheim

    Man könnte den Urlaub ja auch einmal zu Hause verbringen. Man reist um die ganze Welt, aber die Heimat kennt man nicht. Ein Urlaub zu Hause ist gemütlich, und man verpasst nichts, zudem kann man sich gut erholen, weil der Reise- und der Packungs-Stress wegfallen

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  • @Stefan T. am 07.09.2018 06:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Danke an das billig mus sein! Unser Untergang ist das billig! Früher musste man dafür sparen heute kann jeder Sozialempfänger da hin.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • huschmie am 08.09.2018 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz Tourismus hat nichts kapiert

    Schweiz Tourismus will immer noch mehr Besucher anlocken. Die haben noch nichts kapiert.

  • Josef am 08.09.2018 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Gäste nicht erwünscht

    Viele Touristen haben genug Geld, da kommt es um 1000 Fr. mehr oder weniger nicht an. Gutes Beispiel ist die Stadt Luzern, nicht gerade Fremdenfreundlich, teuer, mittelmässiger Service, aber die Touristen kommen trotzdem. Was sicher gut wäre, über all wo möglich zu publizieren, Gäste in Luzern, Barcelona etc. nicht erwünscht und das in möglichst vielen Sprachen. Auch ein Verbot von Souvenir-, Schmuckläden würde auch nützen.

  • Sven Huber am 08.09.2018 16:28 Report Diesen Beitrag melden

    Via Kosten kann viel gesteuert werden

    Führt eine Kurtaxe von CHF / 100/Tag zu Gunsten der Städte ein und das Kerosin der Flieger und Schweröl der Kreuzfahrtschiffe ist wie Benzin/Diesel zu besteuern. Dann hört es automatisch auf.

  • Mr. Jister am 07.09.2018 20:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ab ins Outback

    Es gibt viele Orte aber alle fliegen an die Standard-Urlaub-Destinationen wie Venedig, Barcelona, Mallorca, Rom, Paris, Rimini... Kein Wunder ist alles überfüllt.

    • Daniel2 am 08.09.2018 06:51 Report Diesen Beitrag melden

      Outback

      Nein, nicht ab ins Outback. Sonst geht dort auch noch alles kaputt.

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  • Mr. Jister am 07.09.2018 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kon Tiki

    Endlich, nach zehn Jahren sparen, gehts für zwei Monate nach Bora Bora. Zehn Jahre auf Billigferien verzichtet damit es mal einen unvergesslichen Urlaub gibt, fernab von Massentourismus.

    • Daniel2 am 08.09.2018 09:06 Report Diesen Beitrag melden

      Kreuzfahrten

      Bitte nicht enttäuscht sein, wenn ihr dort ankommt. Auch dort gings schon los. Ein Beispiel: Tausende entladen sich ab den Kreizfahrtschiffen. Siehe:

    • Mops am 08.09.2018 10:30 Report Diesen Beitrag melden

      Mr. Jister

      Ich wünsche Ihnen schöne Ferien.

    • Mr. Jister am 08.09.2018 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mops

      Danke vielmals für Ihre Worte und Ihnen wünsche ich eine tolle Zeit und dass Sie Ihr Traumziel demnächst auch bereisen können. Nochmals vielen Dank :-)

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