Überlebensstrategien

31. Juli 2018 14:52; Akt: 31.07.2018 14:52 Print

Wie sich Messen in die Zukunft retten können

von Dominic Benz - Den Messen laufen die Besucher und die Aussteller davon. Neue Konzepte sind deshalb dringend nötig.

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Messen wie die Baselworld sind laut Experten nicht mehr zeitgemäss. «Statt Wasserfälle und schöne Hostessen an den Ständen sollte wieder vermehrt das Produkt im Mittelpunkt stehen. Weniger ist mehr», sagt Marketingexperte Cry Steinmann zu 20 Minuten. Während die Baselworld nun auch Swatch als Aussteller verliert, hat auch der Genfer Autosalon mit Opel und Volvo gewichtige Kunden verloren. Mit der Swatch Group verlässt der bisher grösste Aussteller die Uhren- und Schmuckmesse in Basel. Das Unternehmen habe beschlossen, ab 2019 nicht mehr an der Baselworld präsent zu sein, erklärte Konzernchef Nick Hayek der «NZZ am Sonntag». Schon an der Baselworld 2018 waren nur noch halb so viele Aussteller zu sehen. Die Messe befindet sich in einer Krise, weil sich die Uhrenbranche verändert. Grossandrang vor der Eröffnung der Baselworld 2017. Die Besucherzahlen waren in den Vorjahren auch schon höher. Nichtsdestotrotz: Glamour ist wichtig. Bei der Eröffnung zerschnitt Bundesrat Alain Berset das Band. Auch Basler Regierungsprominenz hantierte mit den Scheren. Glamour auch im Innern der Messehallen. Jacob & Co. fuhr wie immer mit einer Gruppe von Models auf, um den Schmuck ansprechend zu präsentieren. Mit dabei war auch die amtierende Miss Moskau. Die Fachbesucher zeigten sich neugierig und kauffreudig. Allerdings waren 2017 mit 1300 insgesamt 200 Aussteller weniger präsent als im Vorjahr. Die Fachbesucher fotografierten aber nicht nur Uhren. Äusserlich war von der Baisse nichts zu spüren. An der Messe wurde wie immer dick aufgetragen.

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Das bisherige Konzept von Messen scheint ein Auslaufmodell zu sein. Nicht nur haben etliche Ausstellungen mit Zuschauerschwund zu kämpfen. Auch die Aussteller laufen davon. So kündigte Swatch-Chef Nick Hayek an, dass der grösste Schweizer Uhrenkonzern die Baselworld verlässt. Traditionelle Uhrenmessen seien für Swatch nicht mehr sinnvoll, sagte Hayek. Auch der Genfer Autosalon hat mit Opel und Volvo gewichtige Marken verloren. Der Ruf nach neuen Konzepten ist allgegenwärtig. Doch wie könnten diese aussehen? 20 Minuten blickt in die Zukunft.

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• Keine überinszenierten Stände
Unter vielen Ausstellern herrscht die Devise: Je verrückter, grösser und pompöser der Stand ist, desto besser. Doch das verschlingt Unsummen von Geld. Laut Cary Steinmann sind solche überrissenen Erlebniswelten nicht mehr zeitgemäss. «Statt Wasserfälle und schöne Hostessen an den Ständen sollte wieder vermehrt das Produkt im Mittelpunkt stehen. Weniger ist mehr», sagt der Marketingexperte zu 20 Minuten. Die Inszenierung der Marke finde am besten auf der Website oder in TV-Spots statt. An der Messe sollte hingegen das Produkt erlebbar sein. «Die Kunden sind immer noch am zufriedensten, wenn sie das Produkt anfassen und probieren können», erklärt Steinmann.

• Auf Zielgruppen zugehen
Gemäss Steinmann sollten sich Messen in Bezug auf den Standort flexibler zeigen. «Wer will heute noch extra für einen Messestand nach Genf oder Basel reisen, um dann nur einen Stand zu sehen? Im Online-Zeitalter, wo alles per Klick erreichbar ist, macht das keinen Sinn», sagt der Experte. Eine Möglichkeit sei, unter einem Messe-Label an verschiedenen Standorten präsent zu sein. So könne man auf die regionalen Bedürfnisse der Kunden eingehen. «Eine Messe für alles und jeden funktioniert in der Welt der Individualität schon lange nicht mehr», meint Steinmann.

• Als Festival inszenieren
Messen sollten in Zukunft mehr bieten als nur Stände. «Eine Möglichkeit ist der Wandel in eine Art Festival», sagt Marketingexperte Hans-Willy Brockes. Einen mutigen Weg sei etwa die Technologiemesse Cebit in Hannover gegangen. Dort werde der Messecharakter mit Konzerten oder Vorträgen durchbrochen. «Gerade bei jüngeren Besuchern punktet man mit Happenings und nicht mit klotzigen Messebauten», erklärt Brockes.

• Mehr Digitalisierung
Eine Messe sollte digital stattfinden. «Events oder Reden von Konzernchefs könnten im Internet gestreamt werden», sagt Steinmann. Das sollten vor allem Luxus-Messen wie die Baselworld beherzigen. «Heute gibt es viele junge Millionäre, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind.» Diese potenziellen Kunden müsse man auch mit entsprechenden Mitteln ansprechen. Auch Experte Brockes ist ähnlicher Meinung: «Marktplätze finden heute im Netz statt. Daher müssen auch Messen digital unterwegs sein.»

• Keine Give-aways mehr
Nicht nur mit einfacheren Ständen lassen sich Kosten sparen. Überflüssige Ausgaben entstehen durch den Druck von hochwertigen Broschüren und Artikeln, die gratis an die Besucher abgegeben werden. An Messen tummeln sich denn auch viele Besucher, die ausschliesslich auf der Jagd nach Give-aways sind. Unter den Ausstellern sind sie verpönt. Für Steinmann ist daher klar: «Da viele Besucher sowieso keine Kaufabsichten hegen, sollten Aufkleber oder ganze Geschenktüten nicht mehr gratis abgegeben werden.»

• Näher bei den Kunden
Eine andere Möglichkeit ist, dass die Unternehmen die eigenen Räumlichkeiten als Messegelände nutzen und so näher bei wichtigen Kunden sind. «Uhrenhersteller könnten für kaufkräftige Kunden in den Werken Führungen und Events organisieren», sagt Steinmann. Besucher würden so Einblicke erhalten, die sonst nicht möglich sind. Das sei persönlicher und erspare den Uhrenfirmen das Mieten von teuren Messeflächen. Für den gewöhnlichen Messebesucher würden sich hingegen Veranstaltungen in den Shops anbieten. «Das ist attraktiver als ein Messestand.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Joker am 31.07.2018 15:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht mehr aufzuhalten.

    Es herrscht Ausverkaufsstimmung. Die Ziele ins unermässliche gesteckt für unsere Verwaltungsräte. Die Messen müssen ihre Ausstellungsflächen auch maximal erwirtschaften. Jeder zockt jeden ab und niemand - ausser einer Randgruppe hat das Geld sich was zu leisten. Die nächsten, welche versagen werden Prämium Anbieter sein. Das Rad dreht sich ins negative. Nur dass die Digitalisierungsstrategie nie aufgeht will niemand kapieren.

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  • Pat Luzern am 31.07.2018 15:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So nicht!!

    Ist es ein Wunder? also mal ganz ehrlich faire Standplätze welche sich auch Kleinunternehmer leisten können und nicht nur die grossen oder solche die Ihr halbes Jahresbudget in die Standmiete einfliessen müssen, zusätzlich günstigere Eintritte-so erhalten lokale Unternehmen auch die Möglichkeit ihr Handwerk zu zeigen. und bitte nicht mehr so viele Weinstände welche der Vertreter schon mit dem Bestellblock in der Hand dich begrüsst..da spreche ich vorallem die LUGA, Muba, etc an... atraktivität für Junge Menschen..und hört mal auf mit Landeswerbung Östereich etc..und diese Wettberwerbe

  • Der echte Mike am 31.07.2018 15:32 Report Diesen Beitrag melden

    Messen - nicht mehr so wie früher

    An Messen gehe ich schon lange nicht mehr. Früher noch öfters an den Autosalon oder an die Auto Züri (obwohl ich nicht von da bin) und ganz früher noch an die FERA (wem das noch was sagt). Liegt vielleicht auch daran, dass ich älter werde, aber heutzutage mag ich diese Menschenansammlungen nicht mehr. Dazu nach Genf reisen, ist eine halbe "Weltreise" in der kleinen, überfüllten Schweiz. Informieren über neue Produkte kann man sich anderweitig. Klar, eine lokale Gewerbeausstellung im Dorf wird schon noch besucht. Aber sonst? Lieber nicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Claude am 02.08.2018 21:23 Report Diesen Beitrag melden

    Von allem zu viel!

    Es hat schon von allem zu viel. Die Welt will nicht mehr erobert werden. Es ist nur noch eine Schlacht für wer den längeren Atem hat. Was nütz mich einen tueren 3. Fehrnseher, wenn ich den billiger im Internet kaufen kann? Und eigentlich gar nicht brauche und es deshalb sein lasse?

  • Peter Fischer am 01.08.2018 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ein Quatsch

    Der Schreiber hat keine Ahnung von Messen. Z. B. Nicht die Messe bestimmt die Standgrösse das machen die Aussteller. Und die Mägr der "Schulreisen und Werbegeschenke Sammler" ist ungefähr 16 Jahre alt. Der Titel ist völlig überrissen. Nichts Neues dabei und auch gar nichts Hilfreiches

  • CMK am 01.08.2018 13:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Echte Kontakte

    Der Mensch ist ein soziales Wesen und will sich mit echtem Menschen treffen und austauschen. Insofern sind Messen ideale Plattformen um genau das zu tun. Es muss nicht zwingend und unmittelbar gekauft werden, aber eine gute Beratung oder eine spannende, entdeckte Neuheit hat schon viele Kaufentscheide ausgelöst. Insbesondere in Zeiten von schwindenden Margen zählt der echte Kundenkontakt wieder!

    • Zorro am 01.08.2018 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @CMK, im Prinzip, ja

      Aber in der Schweiz scheint das nicht so richtig zu klappen.

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  • A.F am 01.08.2018 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Swimmweek

    Auch noch so wenn man sich vorstellen könnte ein Fashion-Schiff zu betreiben mit einem Designhotel in Zusammenarbeit mit Messen wie OFFA, Olma etc..Austausch, Swimmweek mit Chanelwellenreiter, Seminarräume für Thematiken Fashion und Businessaustausch etc...keine Fantasien diese Leute

  • Anti SchniggSchnagg am 01.08.2018 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Wir brauchen nicht viel,

    biologisch gesehen, um zu überleben. Es werden immer mehr, denen dieser Überfluss nichts mehr bedeutet und verstanden haben, dass unkäufliche Werte auch oder gar mehr beglücken. Weniger ist mehr und auch eine Reaktion gegen die Vorstellung des ewigen Wachstums.