Selbstversuch

24. Dezember 2017 17:33; Akt: 25.12.2017 09:37 Print

So schwierig ist es, ohne Palmöl zu leben

von Isabel Strassheim - Essen oder Shampoo ohne Palmöl zu kaufen, scheint zunächst einfach. Nach ein paar Tagen aber zeigt sich beim Selbstversuch der Haken.

In Indonesien sind die Palmöl-Planatagen inzwischen so gross wie die Schweiz. Video: Walhi Indonesia
Zum Thema
Fehler gesehen?

Fast überall ist Palmöl drin. Egal, ob in Lebensmitteln, Waschmitteln oder Zahnpasta. Organisationen wie Brot für Alle und Fastenopfer raten vom Kauf der Produkte ab, weil selbst Palmöl mit Nachhaltigkeitszertifikat zu Hunger und Umweltzerstörung in den Anbaugebieten führt.

Umfrage
Versuchen Sie auf bestimmte Produkte zu verzichten?

Doch wie schwierig ist ein palmölfreies Leben wirklich? 20 Minuten wollte es ausprobieren und hat seine Wirtschaftsredaktorin zum Selbstversuch motiviert. Eines schon vorweg: Besonders schwierig wurde es für sie im Bioladen und im Restaurant.

#showid=225968&index=0

• Überraschung im Supermarkt: Von wegen, ich könne beim Palmöl-Experiment kein Fertigessen mehr kaufen: Die M-Classic Ravioli alla napoletana liegen durchaus noch drin. Die gibts sogar mit supergesundem Rapsöl. Auch andere schnelle Lebensmittel wie einige Pizzas von Dr. Oetker, Buitoni oder Aldi kommen ohne aus. Aber ich muss genau hinschauen, denn es gibt auch viele Palmöl-Pizzas. Genauso Panettone oder anderes Weihnachtsgebäck, das es sowohl mit als auch ohne das umstrittene Öl gibt. Überhaupt wird es bei allem Süssen kompliziert: Die Sondey-Biscuits von Lidl muss ich meistens liegen lassen, genauso wie das Gebäck von Markenherstellern. Und Nutella oder andere Schoggicremes kommen ohnehin nicht mehr infrage.

• Wut im Bioladen: Der Ärger-Pegel steigt ausgerechnet im Bioladen – gefühlt jedes zweite Fertigprodukt hat dort Palmöl drin. Da hilft es auch nicht mehr viel, dass sie aus biologischem Anbau stammen. Selbst die Demeter-Brezeln kommen nicht ohne Palmöl aus. Ich streike und kaufe im Bioladen nur noch Rohprodukte.

•Verzicht am Kiosk: Kompliziert wird es auch an der Tankstelle oder am Kiosk: Jeder Stopp dort wird zur Verzichtsübung, wie ich nach einigen Tagen merke. Wenn ich an der Kasse stehe und die Schoggiriegel vor mir liegen sehe, muss ich meinen Zugriffreflex unter Kontrolle bringen. Denn hier geht gar nichts mehr: Kinderschokolade, Kitkat, Mars oder Snickers, M&Ms, Kägi fret, Maltesers: Sie alle enthalten Palmöl. Die Welt der Riegel verschliesst sich komplett. Eine sichere Ausnahme ist das Schweizer Ragusa.

• Kein Fastfood mehr: Auch beim Fastfood für unterwegs wird es mühsam. Denn von den Verkäufern beim Bäcker, bei der Sandwichbude oder am Kiosk weiss niemand, ob die belegten Laugengipfeli oder das Triple-Choc-Cookie ohne Palmöl auskommen. Meistens wühlen sie dann unter der Theke nach einer Liste mit Inhaltsstoffen, auf der aber nur Gluten, Nüsse und Ähnliches für Allergiker aufgeführt sind. Will ich sicher sein, wirklich kein bisschen Palmöl zu essen, fällt auch die Schnellverpflegungs-Welt ganz weg. Also habe ich jetzt meistens Cracker in der Tasche – natürlich solche ohne Palmöl.

• Zwischenbilanz: Die Welt erscheint mir am Anfang wie ein Meer aus Palmöl, weil ich mich voll auf dieses Thema fokussiere. Das Einkaufen ist nervig und kostet mehr Zeit. Aber schon nach einer Woche legt sich das und die Produktedschungel im Supermarkt lichtet sich: Ich gewöhne mich daran, dass rund jedes sechste Produkt nicht mehr infrage kommt. Das gilt aber nur für mich, der Rest der Familie will weiter sein Lieblings-Palmöl-Müesli essen. Denn: Ohne eine gewisse Haltung geht eben kein Wechsel.

• Nervenprobe im Restaurant:Es macht mir wenig Spass, im Restaurant zu fragen, ob sie Palmöl verwenden oder mit Fertigprodukten arbeiten. Die Bedienung macht ein entnervtes Gesicht und muss in der Küche nachfragen, wo oft auch niemand Bescheid weiss. Das kostet Zeit und muss auch nicht unbedingt verlässlich sein. In der Pizzeria kann auch in der Tomatensauce Palmöl stecken. Bei den Fastfood-Ketten kann man sich wenigstens im Internet schlaumachen: McDonald's verwendet nach eigenen Angaben kein Palmöl. Aber: Bei Produkten, die McDonald's von Dritten bezieht, kann der Konzern das nicht ausschliessen.

• Überraschung bei den Kosten: Etwas Gutes hat das Experiment dann doch: Unter dem Strich ist das palmölfreie Leben klar billiger. Einfach, weil ich weniger einkaufe. Mindestens die Hälfte der Süssigkeiten fällt weg und eben fast sämtliche Sandwiches oder Salate, die ich sonst hie und da unterwegs gekauft habe. Und: Die Sachen ohne Palmöl sind gar nicht nicht unbedingt teurer. Es gibt aber Ausnahmen: Qualité&Prix-Salzstangen kosten zwar nur 1.95 Franken (250 Gramm), sind aber mit Palmöl produziert. Die Roland-Salzstängli ohne Palmöl dagegen kosten 3.50 Franken (200 Gramm). Tröstlich, dass die Qualité&Prix-Chips ohne das böse Öl auskommen.

• Regeln für Drogerieprodukte: Hier bin ich nur noch auf wenige Marken angewiesen: Gerade bei Seifen oder Waschpulver werde ich nämlich aus der Zutatenliste nicht schlau, weil sich Palmöl hier hinter chemischen Namen versteckt. Deshalb kaufe ich einfach nach einer Liste von palmölfreien Produkten ein, wie es sie zum Beispiel bei Utopia.de gibt. Zum Selbermachen von Lotionen oder Kosmetik habe ich weder Zeit noch Lust. Und Teekerzen sind gestrichen.

• Hilfsmittel: «Palmölfrei»-Kleber wie in Italien oder Frankreich darf es in der Schweiz nicht geben. Das hat das Palmöl-Label RSPO verhindert. Leider – denn das würde meinen Einkauf super einfach machen. Dafür gibt es inzwischen eine spezielle Deklarationspflicht für Palmöl. Wo in der Zutatenliste «pflanzliche Öle» genannt werden, ist kein Palmöl drin. Dennoch ist es mühsam und manchmal fast unmöglich, die meist winzig gedruckten Zutatenlisten durchzugehen. Die App Codecheck vereinfacht das – aber auch das Scannen des Barcodes kostet Zeit und nicht alle Produkte sind aufgeführt. Dagegen listet die App ZeroPalmöl alle Alternativprodukte auf, sie ist aber vor allem auf den deutschen Markt ausgerichtet.

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Reto am 24.12.2017 17:43 Report Diesen Beitrag melden

    Import verbieten

    Man muss einfach nur den Import endlich verbieten von Dingen, welche an anderen Orten die Umwelt zerstören. Palmöl ist ganz schlimm und bis vor ein paar Jahren was es kinderleicht ohne Palmöl und ohne Sojaöl zu leben. Jetzt ist das verfluchte Zeug überall drin weil es billig ist und es die Grosskonzerne wie Nestlé, Migros oder Coop einen Dreck schert wie etwas gewonnen wird, so lange der Profit möglichst gross ist.

    einklappen einklappen
  • KometvonHelvetien am 24.12.2017 17:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nestle

    Bezüglich der Umfrage, ich meide so gut es geht Nestle Produkte. Ist auch nicht so einfach wie es scheint.

    einklappen einklappen
  • xxx am 24.12.2017 20:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Endlich mal ein sinnvoller Bericht... Vielen Dank hierfür!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nachsehen am 25.12.2017 19:45 Report Diesen Beitrag melden

    èberprüfen

    Ich habe auf Hygieneartikel ohne umgestellt und war erschrocken wieviel schädliche Hormone etc. überall drin ist. Habe alles auf der Seite https://überprüft. Man kann auch Lebensmittel dort überprüfen. Die Industrie ist nicht an unserer Gesundheit, sondern an unserem Geld interessiert.

  • Stefan am 25.12.2017 18:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gewisse Frage Palmfett

    Das macht doch selbst einen krank wenn man immer wieder aufs Produkt schauen müsste wo Palmfett es hat. Da verzichte ich doch lieber gerne auf eine Schokolade anstatt auf ein Shampoo Produkt trotz Palmfett Inhalt. Ganz boykottieren geht es bestimmt nicht so gut den wir haben uns daran leider gewöhnt. Aber einen kleinen Beitrag zumindest zum Umwelt beigetragen!

  • Jacqueline am 25.12.2017 17:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Palmöl und Co

    Und genauso ist es mit dem Zucker / Fruchtzucker. Bei Fructoseintoleranz wirds genauso schwierig. Sogar in Fleischprodukten wird Zucker beigemischt.....

  • Jorge am 25.12.2017 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Seit 2000 Jahren

    verwandeln die Europäer ihre Naturlandschaft in Kulturlandschaft, von der Natur ist nix übrig, jetzt ziehen die Menschen aus anderen Erdteilen nach. Diese haben das gleiche Recht dies für ihren Wohlstand zu tun wie es die Europäer bis heute tun. dies den Menschen in den Tropen zu verbieten ist unerträgliche Arroganz! Klar Orang Utans und viele andere Tiere verschwinden, was unglaublich schade ist aber viele Mammuts, Säbelzahntiger, Bären und Wölfe gibt es in Europa auch nicht mehr!! Ich lebe in naher Umgebung einer solchen Palmölplantage und das wird hier sehr ökologisch betrieben.

  • sandro lutz am 25.12.2017 14:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwiizer Gheimniss

    In jeder Schokolade ist mitlerweile Palmöl drinn. Ausser bei der weltweit beliebten schweizer schoggi. Palmöl schmeckt schlecht und zerstört unseren planeten. Wiso tun wir das?