Offene Verfahren

22. Mai 2018 10:59; Akt: 22.05.2018 17:53 Print

Whistleblower Quadroni soll selber getrickst haben

Der Whistleblower um das Kartell der Bündner Baumeister könnte laut Medienberichten selbst keine saubere Weste haben. Es laufen Verfahren gegen Quadroni.

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Bei der Verhaftung des Whistleblowers Adam Quadroni soll die Polizei brutal vorgegangen sein. Jetzt laufen Ermittlungen. Er brachte das Baukartell im Unterengadin zu Fall: Doch es gab auch Vorwürfe gegen den Whistleblower selber. Quadroni soll laut «Blick» die Liquiditätsplanung seiner Firma Linard Quadroni SA frisiert haben, weswegen ein Treuhänder Millionen in die Firma investiert habe in der Hoffnung, sie vor dem Konkurs retten zu können. Der neue Bericht stellt Quadronis Märtyrerstatus in Frage. Bisher hiess es, Quadroni habe wegen der Aufdeckung des Kartells alles verloren: Firma, Frau und Kinder. Ein Student richtete aus Mitleid für den Mann eine Crowdfunding-Kampagne ein, die bis jetzt über eine Viertelmillion Franken Hilfsgelder sammelte. Bis 2012 sollen sich Baufirmen im Unterengadin abgesprochen haben. Das Kartell wird nun von der Weko gebüsst. Die am meisten betroffene Firma soll bis zu 5,5 Millionen Franken Sanktionen bezahlen. Das Online-Magazin «Die Republik» hat Details des Falls recherchiert. Neben den Bauunternehmern spielen auch diverse Politiker und die Kantonspolizei eine Rolle. Letztere hatte den Whistleblower mit einem Sondereinsatzkommando zwangsweise in eine Klinik eingeliefert. Involviert ist auch der BDP-Regierungsrat Jon Domenic Parolini. Er soll schon 2009 vom Kartell gewusst und nichts unternommen haben. Zur «Republik» sagt er, der Whistleblower habe ihm die Unterlagen nicht aushändigen wollen. Der WEko-Präsident Andreas Heinemann sagt zu den Absprachen: «Dass Kartelle illegal sind, ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen.»

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Adam Quadroni, der das Kartell im Engadin aufdeckte, wird Betrug vorgeworfen. Wie der «Blick» berichtet, läuft gegen den Whistleblower seit 2014 ein Verfahren. Es sei damit zu rechnen, dass der Fall noch 2018 vors Gericht kommen werde.

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Quadroni soll die Liquiditätsplanung seiner Firma Linard Quadroni SA frisiert haben. Diese habe darauf hingedeutet, dass die Firma innert eineinhalb Jahren aus den roten Zahlen kommen könnte. Der Treuhänder Roger Tobler und ein Geschäftspartner, die nicht wussten, dass die Zahlen frisiert waren, schossen laut der Zeitung etwa mit Aktienkäufen einen siebenstelligen Betrag in das Unternehmen, um es vor dem Konkurs zu retten. Am 12. Mai 2014 eröffnete ein Richter trotzdem das Konkursverfahren für Linard Quadroni SA.

Fiktive Forderungen

In der Bilanz soll Quadroni angegeben haben, dass Drittfirmen seinem Unternehmen Geld schulden, obwohl das nicht der Fall war. Die Forderungen, die Tobler von Quadroni übernahm, seien «fiktiv» gewesen, zitiert der «Blick» den Treuhänder. So hätte Quadroni ihm etwa Forderungen an eine Versicherung verkauft, die längst abgewickelt waren.

Der neue Bericht stellt Quadronis Märtyrerstatus in Frage. Bisher hiess es, Quadroni habe wegen der Aufdeckung des Kartells alles verloren: Firma, Frau und Kinder. Ein Student richtete aus Mitleid für den Mann eine Crowdfunding-Kampagne ein, die bis jetzt über eine Viertelmillion Franken Hilfsgelder sammelte.

Haben Sie Quadroni über die Kampagne unterstützt? Bereuen Sie das jetzt? Oder glauben Sie eher, es ist trotz der neuen Berichte weiterhin richtig, den Whistleblower zu unterstützen?

Seitens Quadronis Anwalt Giusep Nay heisst es laut dem Bericht allerdings, diese Vorwürfe seien unhaltbar. Der Konkurs von Quadronis Firma habe vor allem mit dem Ausstieg aus dem Baukartell zu tun und nicht mit betrügerischen Machenschaften. Nay sagt zu 20 Minuten, ausserhalb des seit 2014 eröffneten Verfahren gebe es derzeit keinen Grund, weiter Stellung zu nehmen. Er betont, dass das Verfahren immer noch unbearbeitet bei der Staatsanwaltschaft liege.

2016 reichte bereits ein Zürcher Autohändler Anzeige gegen Quadroni ein: Der Whistleblower soll ihm einen Mercedes verkauft, das Geld eingesackt und das Auto nie geliefert haben. Auch dieses Verfahren ist derzeit hängig.

(rkn)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Seiler am 22.05.2018 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht vom Hauptdelikt ablenken!

    Welcher Verleger möchte jetzt ein schlechtes Bild vermitteln? Quadroni ist kein Saubermann, er war ja selber eine Weile am Kartell beteiligt. Was mich viel mehr befremdet ist, dass betroffene Politiker (RR, SR, KR) und Amtspersonen mit keiner Silbe von den grossen Verlagshäusern angeprangert werden. Was gilt es denn zu schützen? Macht? Einfluss oder geht es gar um viel mehr Geld als die Öffentlichkeit weiss?

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  • Rico am 22.05.2018 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Gleich lange Spiesse

    Dank der Sammelaktion verfügt Quadroni nun auch über die Mittel, vor Gericht zu ziehen bzw. vor Gericht bestehen zu können. Es wird sich zeigen, was tatsächlich stimmt. Und genau darum habe ich mitgemacht an der Sammelaktion. Nicht weil ich Quadroni für einen Held halte, sondern weil er sonst einfach von den grossen Fischen, die noch viel mehr Dreck am Stecken haben, gefressen worden wäre.

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  • Stefan Rüdishüli am 22.05.2018 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Crowdfunding

    Würde mich wunder nehmen, ob das Geld aus dem Crowdfunding bedingungslos ausgezahlt wird oder ob zuerst alle laufenden Verfahren abgeschlossen werden ohne Schuldspruch.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sigi leu am 22.05.2018 18:23 Report Diesen Beitrag melden

    ist ja alles im normalen Bereich

    Ich könnte mir vorstellen, dass Quadroni zu wenig Aufträge (Aussenseiter) über das Kartell erhalten hat und gezwungen war zu handeln. Ob es viele Kartells gibt, weiss ich nicht. Häufig ist aber Insiderwissen um den richtigen Endpreis zu haben. In den Städten wird oft der Name Kunst gebraucht um die Aufträge an die passenden Leute zu vergeben.

  • C.R. am 22.05.2018 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Affront gegnüber jedem Armen in CH

    Ich glaub es nicht. Da setzt mann 2-3 Firmen in den Konkurs. X-Lieferanten, Supunternehmen, verm. Löhne und Soziall. nicht bezahlt. Die Firma war schon lange vorher Pleite. Privat vermutlich (100%) auch X Betreibungen seit Jahren. Das ist ein Hohn gegenüber all die Familien in der CH die wirklich unverschuldet in Armut leben.

  • John Hugentobler am 22.05.2018 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    @ reines Ablenkmanöver!

    Herr Quadroni hat immer zugegeben, dass er auch selber an diesen Mauscheleien mitgemacht hat und Teil dieses Systems war. Dass jetzt Einzelfälle ausgegraben werden um Herr Quadroni unglaubwürdig erscheinen zulassen; respektive vom wesentlichem Thema abzulenken ist für Blick typisch und "Geschäftsmodell". Es gilt, man treibe die Sau durchs Dorf solange sie etwas hergibt. - Ich finde, man sollte Herr Quadroni in dieser Lage so gut es geht unterstützen,

  • Dr. B. Diggus am 22.05.2018 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    Ich denke...

    wenn über beide Seiten von A.Q. berichtet worden wäre, hätte niemand gespendet... laut anderen Medien hat er mehrere Verfahren ( für mich nicht überraschend) am Hals.

  • Yogi am 22.05.2018 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Vetterliwirtschaft

    Sollte Quadroni unlautere Methoden zur Rettung seines Betriebes angewandt haben, ist das nicht ok und zu bestrafen, ist aber auch nachvollziehbar. Was unentschuldbar ist, dass führende Regierungsmitglieder den Rachezug des Kartells gedeckt und unterstützt hat. Missachtung der Verhältnismässigkeit, die Verhaftung, Erniedrigungen, Entzug der Existenzgrundlage etc. Dass die Medien nicht vehement eine Untersuchung gegen die fehlbaren Politiker fordert, lässt schlechtes über die Unabhängigkeit der Medien erahnen. Willkommen im Sumpf.