Lohn-Check 2019

19. September 2019 08:20; Akt: 19.09.2019 08:24 Print

So schlecht zahlen Modefirmen die Arbeiter

C&A, H&M oder Tchibo: Auf dem Papier verpflichten sich viele Modefirmen zu fairen Löhnen für Näherinnen. Doch die Realität sieht laut einer Studie anders aus.

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Viele Modefirmen bezahlen den Arbeiterinnen und Arbeitern in den Produktionsstätten bislang keinen Existenzlohn. Ein Existenzlohn muss gemäss der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign die Grundbedürfnisse der Angestellten und von deren Familien abdecken und darüber hinaus ein frei verfügbares Einkommen übriglassen. Auf dem Papier vepflichten sich viele Modehersteller zu existenzsichernden Löhnen. Doch die Schweizer NGO Public Eye hat in einer Befragung herausgefunden, dass von 45 internationalen Modefirmen nur zwei ihren Arbeitern einen existenzsichernden Lohn zahlen. Das Ergebnis der Umfrage von Public Eye zum existenzsichernden Lohn. Die meisten Modefirmen zahlen nur einen Mindestlohn. Mindestlöhne sind laut Public Eye aber viel zu niedrig angesetzt, um Arbeitern ein Leben ohne Armut zu sichern. Neun Firmen, darunter C&A, H&M, Inditex, Mammut, Nile und Tchibo haben sich zu einem existenzsichernden Lohn verpflichtet. Um die Arbeitsbedingungen in den Lieferketten systematisch zu verbessern, trat Mammut als erste Outdoor-Marke überhaupt im Jahr 2008 der Fair Wear Foundation bei. Vertreiber wie Chicorée, Calida, PKZ, Migros und Coop haben sich hingegen zu keinem Existenzlohn verpflichtet. Die Modehauskette Chicorée hat die Bezahlung von existenzsichernden Löhnen trotzdem als Voraussetzung für eine Zusammenarbeit mit Produktionspartnern und Lieferanten definiert. Calida produziert die Produkte fast ausschliesslich über die eigene Produktionsplattform in Osteuropa. Langfristige Partnerschaften und wöchentliche Besuche ermöglichen dem Modevertreiber ein Maximum an Kontrolle. Auch PKZ möchte seine Verantwortung bei der Beschaffung ihrer Modekollektionen wahrnehmen. Deshalb hat die PKZ-Gruppe entschieden, keinerlei Produkte für die eigene Marke Paul Kehl in Bangladesch herstellen zu lassen, «weil dort die relevanten Standards, nicht zuletzt auch lohntechnisch, oft nicht eingehalten werden». Bereits 2018 wollte H&M 850'000 Arbeitnehmern einen existenzsichernden Lohn zahlen. Das hat nicht geklappt. Trotzdem arbeitet das Unternehmen immer noch darauf hin, dass Arbeitnehmern im Textilbereich ein existenzsichernder Lohn bezahlt wird. Viele Modefirmen sind also bestrebt, die Lohnverhältnisse der Arbeiter in den Produktionsstätten zu verbessern. Doch die freiwilligen Massnahmen reichen laut Public Eye dafür nicht aus. Die NGO schlägt rechtsverbindliche Vereinbarungen vor.

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Wenig Geld für den neusten Trend: Grosse Modeketten locken gern mit günstigen Angeboten. Auf dem Papier wird den Schnäppchenjägern dann oft versichert, dass die Arbeiter in den Produktionsstätten faire Löhne erhielten. Kein Grund für ein schlechtes Gewissen also, oder?

Umfrage
Faire Löhne bei der Kleiderproduktion ...

Nicht ganz. Meist sei das Ganze ein leeres Versprechen, sagt die Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye in ihrem neuen Firmencheck 2019. Die Organisation hat 45 internationale Modefirmen, darunter 19 Schweizer Firmen, unter die Lupe genommen. Das Resultat ist ernüchternd: Gerade einmal zwei Firmen zahlen einem Teil der Beschäftigten in der Produktion ihrer Eigenmarken einen existenzsichernden Lohn:


Die Ergebnisse der Umfrage. (Bild: 20 Minuten / Public Eye)

Ein Existenzlohn muss gemäss der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign die Grundbedürfnisse der Angestellten und deren Familie abdecken und darüber hinaus ein frei verfügbares Einkommen übriglassen.

Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten erhält aber gerade einmal den Mindestlohn. Der ist laut Public Eye in Produktionsländern wie Indien, Bangladesch und China viel zu niedrig. Folglich leben die Arbeiter weiterhin in bitterer Armut.

Durch Kooperationen die Löhne verbessern

Neun Firmen, darunter C&A, H&M, Inditex, Mammut, Nile und Tchibo haben sich zu einem existenzsichernden Lohn verpflichtet. Doch nur Nile zahlt einem Teil der Produktionsarbeiter tatsächlich einen Existenzlohn.

Zwar hatte H&M angekündigt, bis 2018 850'000 Arbeitnehmern einen existenzsichernden Lohn zu zahlen, passiert ist das aber nicht. Gemäss H&M arbeitet das Unternehmen immer noch darauf hin, dass Arbeitnehmern im Textilbereich ein existenzsichernder Lohn bezahlt wird.

So ist der Moderiese Mitglied des freiwilligen Programms ACT, das die Löhne in der Textilindustrie erhöhen soll. Auch Tchibo macht dort mit, wie ein Sprecher sagt: «Aber momentan kommen wir mit der Umsetzung von existenzsichernden Löhnen leider nicht so schnell voran, wie wir uns das wünschen würden.» Das Problem: Die Lieferketten seien komplex und die niedrigen Löhne ein systematisches Problem. Das verhindere einfache und direkte Lösungen, heisst es vonseiten Tchibo.

Ein Mitglied von ACT ist auch Zalando. Allerdings erwähnt der Kleiderhändler in seinen Dokumenten für Lieferanten keinerlei Verpflichtungen für einen Existenzlohn. «Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Beziehungen zu unseren Lieferanten auszubauen und Programme aufzubauen, die für Verbesserungen in den Fabriken sorgen», teilte eine Sprecherin mit.

Freiwillige Massnahmen sind nicht genug

Vertreiber wie Chicorée, Calida, PKZ, Migros und Coop haben sich hingegen zu keinem Existenzlohn verpflichtet. Sie verweisen lediglich auf die freiwillige Firmeninitiative Amfori Bsci, die die Zahlung von existenzsichernden Löhnen als erstrebenswert beschreibt.

Die Modehauskette Chicorée hat die Bezahlung von existenzsichernden Löhnen trotzdem als Voraussetzung für eine Zusammenarbeit mit Produktionspartnern und Lieferanten definiert. «In unseren Produktionsstandorten in Bangladesch, Indien und China bezahlen wir bereits jetzt Mindestlöhne, die deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn der jeweiligen Länder liegen», sagt ein Sprecher zu 20 Minuten.

Viele Modefirmen sind also bestrebt, die Lohnverhältnisse der Arbeiter in den Produktionsstätten zu verbessern. Doch die freiwilligen Massnahmen haben laut Public Eye kaum konkrete Ergebnisse gebracht. Auch fehle es an Transparenz: Die meisten Unternehmen veröffentlichen nur ihre Lieferanten, aber keine Daten zu den Löhnen der Arbeiter in der Kleiderproduktion.

Deshalb schlägt Public Eye vor, dass Modefirmen vermehrt auf rechtsverbindliche Vereinbarungen setzen. Nur so könne ein Existenzlohn garantiert werden.

(bsc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jasmin am 19.09.2019 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufpreis

    Ich verstehe nicht, weshalb das nicht umsetzbar ist. In den Läden hängen Kleider, da kann ich manchmal gar nicht fassen wie spottbillig das ist! Für ein 10.-T-Shirt kann man auch locker 15.- zahlen und es wäre immer noch billig. Und wenn ich dafür existenzsichernde Löhne unterstütze wäre das für mich kein Thema. Das gilt auch für teurere Kleidung! Dieser Aufpreis sollte es allen Kunden wert sein!

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  • Go4itakb am 19.09.2019 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geiz ist Geil?

    Immer noch billiger muss alles sein... Flug nach London für 40.-, die Jeans für 20.- (was wohl die Näherinnen dabei verdienen!) ... - aber dann am Wochenende zur Klimademo. Sorry, das geht einfach nicht zusammen! Jeder sollte sich zu seinem Konsumverhalten Gedanken machen.

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  • Richi B. am 19.09.2019 09:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und hier?

    Und was ist mit den Löhnen der Arbeitnehmenden in der CH? Abgesehen von wenigen Ausnahmen sind die auch grottenschlecht. Mindestlohn mag vernünftig tönen. Aber da eh viel auf Stundenlohnbasis und Abruf läuft, alles Andere als existenzsuchernd.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sibylle Dachsler am 19.09.2019 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    Der Zug ist abgefahren...

    Der Zug für faire Löhne in der Kleiderproduktion ist bereits abgefahren. Die Produktion wird langfristig nach Europa zurückverlegt mit automatischen Nähmaschinen, die keine Näherinnen mehr brauchen. Dort braucht es qualifizierte Mitarbeiter, die die Maschinen warten können.

  • Rolf Fleix am 19.09.2019 12:13 Report Diesen Beitrag melden

    Existenzsichernder Lohn auch für mich

    Dieser Vergleich nützt mir rein gar nichts, denn von meinem existenzsichernden Lohn kann ich es mir schlicht nicht leisten, Gucci oder Nile einzukaufen. Das trifft vermutlich nicht nur auf mich zu.

  • Marcus Severus am 19.09.2019 12:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ich verstehe es nicht

    Der Lohnanteil an einem Kleidungsstück liegt vermutlich bei 1-5% des Verkaufspreises. Jeder Hersteller könnte den Näherinnen auch gut das doppelte Zahlen ohne dass es spürbar teurer wird.

    • uhe am 19.09.2019 18:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Marcus Severus

      eeehm, leider nein! ich finde das auch völlig daneben. die wahrheit ist jedoch leider, dass die selben konsumenten die am lautesten schreien für nachhaltigkeit, die ersten sind die tiefe preise wollen....warum glaubt ihr rennt denn alles ins nahe ausland wo stdlöhne von 4-11 bezahlt werden im verkauf?! ider ins internet zu aliexpress, zalando & co?!... eben..

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  • War Besser am 19.09.2019 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir waren viel glücklicher ohne Marken.

    Unsere Mutter nähte unsere Kleider noch fast alle selber. Schuhe und Pelerinen wurden eingekauft. Natürlich trugen wir diese Kleider viel länger und anschliessend wurden sie vom kleinen Bruder ausgetragen.

    • uhe am 19.09.2019 18:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @War Besser

      klar und mehrfach waschwindeln sind auch richtig toll und schlau... ich liebe übrigens all diese anonymen pseudonym schlaumeier...man könnte ja erkannt werden...come on!..

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  • Rosi am 19.09.2019 12:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit Boykott auf die Sprünge helfen

    Wieso nicht einmal einen dieser Moderiesen einen Monat lang boykottieren? Ob das wohl Wirkung zeigen würde.

    • uhe am 19.09.2019 18:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rosi

      bestimmt super erfolgreich in der ch...und noch mehr vk personal nach hause schicken...super idee, gratuliere

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