Katastrophenjahr

29. März 2011 09:36; Akt: 29.03.2011 13:36 Print

So viele Tote wie seit 1976 nicht mehr

Naturkatastrophen und von Menschen verursachte Unglücke haben 2010 so viele Leben gefordert wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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«Die grosse Flut am Yangtze» im Nordosten Chinas begann im Mai 1998. Nachdem auch der Songhua-Fluss und andere Nebenflüsse im Sommer über die Ufer getreten waren, verloren 4150 Menschen das Leben. Die Sachschäden wurden auf 30,7 Mrd. US-Dollar beziffert – bei weitem die teuerste Überschwemmung. Zwei Jahre zuvor, im Juni 1996, war der höchste Stand des Yangtze seit 1954 gemeldet worden. Die Schadensbilanz belief sich auf 3050 Todesopfer, vier Millionen Menschen waren damals von der Aussenwelt abgeschnitten, zwei Millionen obdachlos. Die Sachschäden wurden auf 24 Mrd. US-Dollar beziffert. Zwischen Ende Juni und Mitte August 1993 standen weite Landstriche der US-Bundesstaaten Missouri und Illinois unter Wasser. Bei der «Great American Flood» starben 50 Menschen. Die Schäden betrugen – vor allem durch Ernte- und Handelsverluste - 21 Milliarden Dollar. Nach dem Sturm «Ilse» brechen am 12. August 2002 im deutschen Sachsen die Dämme und setzen weite Landstriche unter Wasser: Die Jahrhundertflut tötet 40 Menschen, Zehntausende verlieren Hab und Gut. Das braune Wasser richtet einen Schaden von 16,5 Milliarden Dollar an und wirft mehrere Bundesländer in ihrer Entwicklung um Jahre zurück. Bei der grossen Flutkatastrophe von 1995 in Nordkorea verloren 70 Menschen das Leben. Felder wurden überschwemmt und Strassen und Brücken zerstört. Der Sachschaden betrug insgesamt 15 Mrd. US-Dollar. 1991 traten in China zehn Seitenarme des Yangtze und des Huaihe über die Ufer, 280 Wasserreservoire überfluteten das Umland, 2600 Menschen fanden den Tod, 20 Mio. Hektar Ackerland waren überschwemmt, ganze Städte waren tagelang von der Versorgung abgeschlossen. Die volkswirtschaftlichen Schäden wurden damals auf 13,6 Mrd. US-Dollar geschätzt. 1993 - wieder China: 3300 Überschwemmungsopfer und Sachschäden in Höhe von 11 Mrd. US-Dollar wurden beklagt. Nach starken Regenfälle im Juni 2008 brechen in den US-Bundesstaaten Iowa und Illinois mehr als 20 Dämme. 25 Menschen sterben und der Schaden beträgt 10 Mrd. US-Dollar. Innerhalb von 63 Stunden fallen am 4. November 1994 in der norditalienischen Region Piemont 60 Zentimeter Niederschlag. Der Po, der um rund 5 Meter ansteigt, und sämtliche seiner Nebenarme treten über die Ufer. Dämme und Brücken werden vom Hochwasser und von entwurzelten Bäumen fortgerissen, Strassen überflutet. 70 Menschen werden getötet, über 10 000 obdachlos. Die Schäden werden auf 9,3 Mrd. US-Dollar gerechnet. Sechs Jahre später stehen erneut weite Teile der Po-Ebene unter Wasser. Bei den verheerenden Erdrutschen im Aostatal und im schweizerischen Gondo verlieren Mitte Oktober 2000 insgesamt 38 Menschen das Leben. Der Schaden beträgt 8,5 Mrd. US-Dollar.

Die zehn teuersten Überschwemmungen.

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Fast 304 000 Menschen starben - das ist laut dem Rückversicherer Swiss Re die höchste Zahl seit 1976. Die meisten Opfer forderte 2010 das Erdbeben im Karibikstaat Haiti im Januar mit über 222 000 Toten. Mehr als 56 000 Menschen starben durch die sommerliche Hitzewelle in Russland, während Überschwemmungen in China und Pakistan 6200 Menschen den Tod brachten, wie Swiss Re am Dienstag im Rahmen einer Studie für die globale Versicherungsindustrie bekannt gab.

Wie verheerend das vergangene Jahr war, verdeutlicht der Vergleich mit 2009: Damals musste die Welt 15 000 Todesopfer durch Katastrophen beklagen.

Schäden verdreifacht

Die wirtschaftlichen Schäden verdreifachten sich im Vergleich zum Vorjahr auf 218 Mrd. Dollar. Der zweitgrösste Rückversicherer der Welt hat errechnet, dass den Versicherern weltweit Kosten von 43 Mrd. Dollar ins Haus stehen, womit das Niveau 60 Prozent über dem Vorjahr liegt.

Ein Drittel der Katastrophenschäden verursachten Erdbeben. Obwohl die Experten im langfristigen Vergleich nicht mehr Erdbeben als sonst beobachten, fordern sie mehr und mehr Todesopfer und verursachen auch immer höhere Kosten.

Weil gerade an den erdbebengefährdeten Punkten des Planeten die Städte wachsen, geraten auch mehr Menschen in Gefahr, wie Balz Grollimund von der Swiss Re erläuterte. Da durch wachsenden Wohlstand mehr versichert wird, muss die globale Assekuranz für mehr Schadenleistungen aufkommen.

Hohe Kosten auch 2011

Die höchsten Kosten für Katastrophen lösten 2010 im Februar die Erdbeben in Chile und Neuseeland aus, die sich im Februar resp. im September ereigneten: Für die beiden Ereignisse stehen versicherte Schäden von 8 bzw. 4,5 Mrd. Dollar.

Erdbebenschäden werden auch 2011 überdurchschnittlich sein: Nachdem Neuseeland um die Stadt Christchurch im vergangenen Februar zum zweiten Mal getroffen wurde, muss die Schadenbilanz um 6 bis 12 Mrd. Dollar erweitert werden. Die Kosten für das Erdbeben und den anschliessenden Tsunami in Japan von Mitte März werden noch weit darüber liegen.

Während Swiss Re auf Einschätzungen des Gesamtschadens in Japan verzichtet, könnten laut Risikoexperten anderer Unternehmen die Kosten für die Versicherer 30 Mrd. Dollar übersteigen. Die Weltbank hat eine Schätzung mit einer Obergrenze bei 25 Mrd. Dollar veröffentlicht.

Teure Ölkatastrophe

Auf der Swiss-Re-Liste der zehn teuersten Ereignisse rangieren nach den beiden Erdbeben der Wintersturm Xynthia in Westeuropa mit einem Schadenausmass von 2,75 Mrd. Dollar sowie Überschwemmungen, Gewitter und andere wetterbedingte Katastrophen. Diese trafen Australien und die USA, beides hochentwickelte Länder.

In armen Ländern wie Haiti und Pakistan besteht oft wenig Versicherungsschutz. Aufgrund der schlechten Bauart von Häusern und Infrastruktur treffen die Katastrophen auch viele Menschen. Die Swiss Re fordert ein weltweit besseres Katastrophenmanagement, um Menschen vor gefährlichen Naturereignissen zu schützen.

Erst auf Platz zehn der Liste der teuersten Schäden folgt ein von Menschen ausgelöstes Unglück. Die Explosion der Bohrplattform «Deepwater Horizon» vor dem US-Bundesstaat Louisiana und die darauffolgende Ölpest im Golf von Mexiko kostet die Versicherer laut der Swiss Re mindestens eine Milliarde Dollar.

(sda)