Cashewnüsse knacken

28. September 2018 13:44; Akt: 01.10.2018 07:39 Print

Solche Jobs stecken hinter dem Fairtrade-Label

von Isabel Strassheim, Bobo-Dioulasso - Das Knacken von Cashewnüssen in Afrika von Hand ist höchst monoton. Sonst aber landen die Nüsse zur Verarbeitung in Asien.

Immer dieselbe Handbewegung: Das Knacken von Cashewnüssen bei der Schweizer Fairtradefirma Gebana in Burkina Faso. (Video: Isabel Strassheim)
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Es geht zu wie in einer Manufaktur in Europa um 1750: Arbeiterinnen sitzen an Tischen aus Metall und knacken mit derselben Handbewegung an einem Schneideapparat Cashewnüsse. Andere entfernen die Schalen nur mit Hilfe einer spitzen Ahle. Einen Stock höher pulen Arbeiterinnen stundenlang mit kleinen Messern die Häutchen von den Nüssen. Auch nach Grösse werden die Nüsse, die als Fairtrade-Produkt in Europa verkauft werden, von Hand sortiert.

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Die Produktion der Schweizer Fairtrade-Firma Gebana ist im westafrikanischen Burkina Faso angesiedelt – dort, wo die Cashewnüsse auch wachsen. Der Vorgang ist vorindustriell und monoton. Die Alternative wäre, die Nüsse aus Afrika, die europäische Konsumenten kaufen, zum Knacken und Sortieren nach Asien zu schicken.

Von Afrika nach Asien und dann nach Europa

In Westafrika wachsen zwar die meisten Cashewnüsse weltweit, doch Vietnam ist global der grösste Cashew-Verarbeiter. Dort läuft die Produktion mit Maschinen und kommt mit weniger Handarbeit aus. Deshalb ist sie etwas günstiger, was für die Händler und Supermärkte entscheidend ist.

Gerade weil es die Verarbeitung vor Ort in Afrika praktisch nicht mehr gibt, investiert Gebana dort. Die Nüsse sollen nicht Tausende Kilometer hin- und hergeschickt werden müssen, bevor sie gegessen werden. Und weil auch in Entwicklungsländern wie Burkina Faso Arbeitsplätze und ein grösserer Anteil an der Wertschöpfung entstehen sollen.

Kaum eine Arbeiterin kann lesen und schreiben

«Die Cashew-Verarbeitung ist traditionell ein Frauenjob und es bewerben sich enorm viele», sagt Linda Dörig, Chefin von Gebana Burkina Faso, zu 20 Minuten. Im Land können 95 Prozent der Frauen weder lesen noch schreiben und suchen nach einfachen, aber sicheren Jobs. Dabei reicht ihr Lohn auch bei Gebana für eine Familie oft nicht zum Leben. Die meisten Arbeiterinnen erhalten zwar deutlich mehr als den Mindestlohn in Burkina Faso (umgerechnet rund 62 Franken im Monat). Aber anders als in der Schweiz entsprechen Mindestlöhne in Entwicklungs- und Schwellenländern kaum dem Existenzminimum.

Das Label Max Havelaar will zwar Existenzlöhne durchsetzen. Das gilt aber lediglich für die Kleinbauern und Feldarbeiter, für die Weiterverarbeitung bislang nicht – dort müssen lediglich die staatlichen oder branchenüblichen Mindestlöhne gezahlt werden. «Wenn Fairtrade die ganze Lieferkette im Fokus hätte, würde dies die Produkte weiter verteuern», erklärt Max-Havelaar-Sprecher Patricio Frei. Die grösste Herausforderung sei ganz klar der Preis- und Margendruck in der Lieferkette.

Existenzlöhne als Ziel

Das heisst übersetzt: Händler, Supermarktketten und auch die Konsumenten wollen so wenig wie möglich zahlen. «Es ist aktuell schwierig, mehr Lohn zu bezahlen, der Kostenunterschied zu Asien wäre dann noch grösser», erklärt Gebana-Chefin Dörig. Die Firma will dennoch weiter gehen, als das Fairtrade-Label vorschreibt: «Unser erklärtes Ziel sind Existenzlöhne auch in der Verarbeitung.»

Die Cashewknack-Jobs in Burkina Faso sind aber auch so sehr begehrt. Denn sie bieten etwas, was es in Burkina Faso für Menschen ohne Schulausbildung so gut wie gar nicht gibt: eine feste Anstellung sowie Sozial- und Unfallversicherung.
Dazu kommen eine firmeninterne Krankenstation, Kinderkrippe sowie bezahlter Mutterschaftsurlaub.

Der Artikel enstand nach einer Medienreise von Gebana nach Burkina Faso.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jacklyn am 28.09.2018 14:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit mehr Bedacht essen

    Ich würde sofort mehr für die Nüsse zahlen, wenn dann wirklich die Angestellten mehr verdienen würden! Respekt allen, die diese Handarbeit machen!

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  • Hr. Hubi am 28.09.2018 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Konsumenten werden hier geprellt!

    Krass, wusste ich gar nicht! Was für ein unsinniger Prozess und wie undurchsichtig :( Tolle Arbeit von Gebana!

  • Benito am 28.09.2018 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Etikettenschwindel überall

    aber die Schweizer kaufen es ja trotzdem und haben dann ein gutes Gewissen. Moderner Ablasshandel.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus Wegmann am 02.10.2018 01:47 Report Diesen Beitrag melden

    Fair Trade Preiswahnsinn

    da bekommen die Leute 0.10 mehr pro Packung aber die Packung ist gleich 1.- teurer. Wo fliesst das Geld den hin? An irgendwelche Verwalter die sich daran bereichern. Wer gutes tut will wohl auch seinen "fairen" Anteil. Fair Trade gerne, aber nicht wenn sich die "Gutmenschen" daran bereichern.

  • Celine am 30.09.2018 00:13 Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Würden diejenigen, die sich hier abschätzend gegenüber Analphabeten äussern für einen Monat die afrikanischen Arbeits- und Lebensbedingungen durchleben, würden die Kommentare ganz anders ausfallen..

  • Rachid am 29.09.2018 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Goa - Westindien

    In Goa gibts tausende solcher Cashew-Nuss Fabriken. Mit tausenden von Arbeitenden. - Aus dem Apfel, die Cashew-Nuss ist ja lediglich eine Art "Geschwür" unten am Apfel, wird der feine Feni Schnaps hergestellt.

  • Anonym am 29.09.2018 15:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überteuerter Unsinn

    für 40+jährlge Nur-Hausfrauen und -Mütter, die nach Jahrzehnten fremdfinanzierten Nur-daheim-Seins Aufmerksamkeit und Sebstbestätigung suchen, die sie zu Recht sonst nirgendwo bekommen. Völlig unnötig!

    • Celine am 29.09.2018 22:35 Report Diesen Beitrag melden

      Nö nöö

      Hausfrauen und Mütter werden eben nicht fremdfinanziert! Den Arbeitenden nennt man Ehemann und Vater.

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  • Nepo am 29.09.2018 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Tiefe Einkaufspteise

    Tiefe Einkaufspreise sind also entscheidend für die Händler und Supermätkte. Dazu kann ich nur sagen, ich zahle Höchstpteise für Lebensmittel, ungewollt. Und wie war das noch mit der jahrzehntelangen Schweizer Entwicklungshilfe die auf Burkina Faso als Primätland abzielte. Die meisten Frauen können nicht lesen und Schreiben? Da wird sich manch ein Sozifirmen-Besitzer, bzw. Pseudoenzwicklungshilfe-Firmenbesitzer, eine goldene Nase verdient haben mit dem Entwicklungshilfegeld.

    • So kann man es auch sehen, am 29.09.2018 22:02 Report Diesen Beitrag melden

      @ Nepo - weil es halt so passt...

      Die Einkaufspreise sind tief, die Verkaufspreise in der CH hoch. Wer aber macht die Preise? Sind es die Anbieter , Abnehmer, die Wiederverkäufer? Wer profitiert? Die Entwicklungshilfe, die Sozifirmen - was immer das auch sein soll? Und dann noch die Pseudoentwicklungshilfe- Firmenbesitzer. Wer sollen diese Besitzer sein, wer versteht den Interessenmix, wer versteht, was da falsch läuft. Würden Insider ihr Wissen auf einer Plattform öffentlich machen wollen?

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