Deklarationsirrsinn

03. Mai 2014 16:44; Akt: 04.05.2014 00:33 Print

Soll das Basilikum auf der Pizza deklariert werden?

von C. Landolt - Die Herkunft aller Rohstoffe auf verarbeiteten Lebensmitteln soll aufgelistet werden. Die Branche streitet über die Praktikabilität dieses Vorschlags.

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Segnen die Räte das neue Lebensmittelgesetz ab, muss künftig die Herkunft jedes Rohstoffs deklariert werden. (Bild: Keystone)

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Geht es nach dem Nationalrat, sollen verpackte Lebensmittel verschärfte Deklarationsvorschriften erhalten. Nicht nur das Produktionsland und die Zutaten, sondern auch die Herkunft der Rohstoffe sollen künftig deklariert werden. Nach dem Wirbel um Pferdefleisch in der Lasagne brauche es neue, griffige Bestimmungen, machte die Allianz der Konsumentenschützer (ACSI, FRC und SKS) geltend. Dem Ständerat ging diese Forderung jedoch zu weit. Der Nationalrat erarbeitete daraufhin einen Kompromissvorschlag, gemäss welchem der Bundesrat bei verarbeiteten Produkten Ausnahmen vorsehen kann. Doch auch dieser neue Vorschlag ist nicht unumstritten.

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Er sieht nämlich vor, dass nur die Herkunft jener Rohstoffe deklariert werden müsste, deren Anteil mehr als 20 Prozent beträgt. «Eine solche Regelung würde auch dazu führen, dass man den Wasseranteil im Sirup deklarieren müsste», erklärt Michel Rudin, Geschäftsführer des Konsumentenforums. «Das ist doch nicht sinnvoll.» Er frage sich, ob man gesetzlich vorschreiben könne, woher die Haferflocke herkomme.

Auch die Etiketten könnten teurer werden

Verbände befürchten durch eine neue Deklarationspflicht zudem auch eine Verteuerung der Etikettierung. Dr. Ruedi Hadorn, Präsident des Schweizerischen Fleisch-Fachverbands, sagt: «Dann braucht es für das Kotelett bald eine Packungsbeilage.»

Urs Schwaller, Vizepräsident der Gesundheitskommission, ist dagegen: «Wir wehren uns dagegen, dass man gesetzlich vorschreibt, die Herkunft jeder Zutat anzugeben.» Das wäre unpraktikabel und würde nur neue Handelshemmnisse schaffen.

Das sieht die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) anders. «Es geht nicht darum, die Herkunft jeder einzelnen Nuss oder jeder einzelnen Flocke in der Müesli-Mischung zu deklarieren», präzisiert Geschäftsleiterin Sara Stalder. Es gehe vielmehr um ein gesundes Augenmass. «Die Herkunft der wichtigsten Zutaten muss angegeben werden.» Bislang waren wichtige Zutaten solche, die mehr als 50 Prozent des Produktes ausmachen. «Die Schwelle, ab wann deklariert werden soll, muss in der Verordnung bestimmt werden», hält Stalder fest. Der SKS ist es wichtig, dass die Fleischherkunft angegeben werden muss, auch wenn der Anteil nur 10 oder 20 Prozent des Produktes ausmacht. Zudem sollen charakteristische Zutaten auch dann gekennzeichnet werden, wenn ihr Anteil nur wenige Prozent am Produkt ausmacht.

Die Himbeeren im Joghurt deklarieren

«Beim Beispiel Himbeerjoghurt bedeutet dies, dass die Herkunft der Milch, aber neu auch die Herkunft der Himbeere angegeben werden muss», sagt Stalder. Bei einem Birchermüesli müssen die Haferflocken nur dann deklariert werden, wenn der Anteil an diesen auch massgeblich hoch sei. Zudem: «Der auf dem Packungsbild oder -name angegebene Rohstoff muss deklariert werden, weil er für das Produkt offenbar charakteristisch ist.» Also beispielsweise bei Ravioli alla carne das Fleisch, bei der Pizza Prosciutto der Schinken, obwohl dieser nur wenige Prozent der gesamten Pizza ausmacht.

Der neue Gesetzesvorschlag hat seinen Ursprung im Pferdefleisch-Skandal. Der Vorschlag soll helfen, kriminellen Machenschaften vorzubeugen. Laut SKS ist die Herkunftsdeklaration eine zentrale Information für einen bewussten Kaufentscheid, insbesondere bei verarbeiteten Nahrungsmitteln. Gerade dort seien die Warentransporte verschlungen und globalisiert, und die Sensibilität der Konsumentinnen und Konsumenten in dieser Frage steige entsprechend, entgegnet Stalder.

Wie die Debatte ausgeht, wird sich wohl in der kommenden Sondersession zeigen. Eine Einigung zwischen den Räten ist vorerst nicht in Sicht.