Burkaverbot

23. September 2013 17:48; Akt: 23.09.2013 17:54 Print

Touristiker fürchten um Schweizer Image

von V. Blank - Das Burkaverbot im Tessin wirft nicht nur politisch Wellen. Die Tourismusbranche sorgt sich wegen der Wirkung auf die zahlungskräftigen arabischen Gäste.

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Das Tessin hat sich als erster Schweizer Kanton für ein Burkaverbot ausgesprochen. Das hat nicht nur innenpolitische Konsequenzen, sondern auch eine Signalwirkung im Ausland.

Vor allem in der Tourismusbranche wartet man mit gemischten Gefühlen auf die Reaktionen aus der arabischen Welt. Die finanzkräftigen Gäste aus den Golfstaaten sind für den Schweizer Fremdenverkehr in den vergangenen Jahren zu einer immer wichtigeren Gästegruppe geworden.

Gästeverlust im Tessin wahrscheinlich

Urs Wagenseil, Tourismus-Professor an der Hochschule Luzern, ist jedenfalls wenig erfreut. «Das Ja zum Burkaverbot im Tessin ist eine ganz schlechte Botschaft der angeblich so offenen Schweiz an die muslimische Welt.» Es gehe nicht an, dass ausländische Gäste während ihrer Reise wegen ihrer Religion brüskiert würden – «gerade auch, weil die Schweizer Toleranz und Offenheit als wichtiges Verkaufsargument bei arabischen Touristen verwendet wird».

Im Tessin reagiert man derweil gelassener. Die Konsequenzen des Burkaverbots seien derzeit schwer abzuschätzen, sagt Omar Gisler von Tessin Tourismus. Dass es Auswirkungen auf die Gästeankünfte haben wird, sei aber klar. «Einen Teil der Gäste werden wir höchstwahrscheinlich verlieren», so Gisler. Von Januar bis Juli zählte das Tessin 11'200 Logiernächte von Gästen aus den Golfstaaten. «Aber nicht alle Frauen aus diesem Gästesegment verhüllen sich», relativiert Gisler. Darum sei anzunehmen, dass nur wenige die Schweiz in Zukunft meiden könnten.

Auch beim Schweizer Tourismus-Verband sorgt das Burkaverbot für Bauchweh. «Gewisse Nachwirkungen wird es sicher geben», sagt Verbandsdirektorin Barbara Gisi. «Vor allem die Frauen, die zum Shoppen in die Schweiz kommen, werden sich beeinträchtigt und im schlimmsten Fall nicht mehr willkommen fühlen.» Dennoch glaubt sie nicht, dass die Zahl der arabischen Touristen in der Schweiz von heute auf morgen einbricht.

Schlimmer als Minarettverbot

Das Tessiner Burkaverbot weckt Erinnerungen an das Minarettverbot, das das Schweizer Stimmvolk Ende 2009 angenommen hatte. Damals war der Aufschrei in der muslimischen Welt gross – auf den Tourismus in der Schweiz hatte es aber nur marginale Auswirkungen. Die Anzahl der Logiernächte von Touristen aus den Golfstaaten ist zwischen 2009 und 2010 sogar von knapp 375'000 auf 423'500 gestiegen – ein Plus von über 10 Prozent.

Dass der Schweizer Tourismus auch diesmal so glimpflich davonkommt, bezweifelt Tourismusexperte Wagenseil. «Es geht nicht einfach um ein Bauwerk, sondern um Alltagskleidung, die Ausdruck des Glaubens und tief verwurzelt in der muslimischen Kultur ist.» Deshalb sei ein Burkaverbot so heikel.

Auch dass sich nur ein einziger Kanton für ein Verhüllungsverbot ausgesprochen hat, entschärfe die Lage nur unwesentlich, sagt Wagenseil. «Im Ausland unterscheiden die Menschen nicht zwischen einem einzelnen Kanton und dem ganzen Land.»

Marketing wird torpediert

Negative Konsequenzen könnte das Abstimmungsergebnis auch auf die Bemühungen von Schweiz Tourismus in den arabischen Ländern haben. Die Tourismusorganisation hat das Marketing im arabischen Raum in den vergangenen Jahren verstärkt. «Das wird nun ziemlich torpediert», so Wagenseil. Er befürchte sogar, dass die Marke Schweiz in der islamischen Welt als Ganzes leide und die Schweiz an Beliebtheit einbüsse.

An der Strategie von Tessin Tourismus wird der politische Entscheid vorläufig nichts ändern. Man werde in den arabischen Märkten präsent bleiben, so Sprecher Gisler. Wichtig sei nun, wie das Gesetz in der Praxis umgesetzt werde. «Erst dann können wir abschätzen, ob Handlungsbedarf besteht.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin Meier am 23.09.2013 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anpassung

    Liebe Leute, geht einmal nach Saudiarabien dort darf keine Frau Autofahren und muss sich verhüllen. Wer dort hin geht passt sich an. Ich lebte 5 Jahre in Westafrika und musste (darfte) mich den Gepflogenheiten anpassen, das ist für mich als Schweizer eine Selbstverständlichkeit. Die Moslimen sollen sich hier anpassen wie wir uns auch in ihren Länder anpassen. PUNKT.

  • stop am 23.09.2013 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ?!

    Wieso dieses unnötige verbot? Wir müssen doch nicht "probleme" beheben, die nicht mal vorhanden sind!

  • Urs Schl. am 23.09.2013 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    beunruhigend

    Zum Beispiel gilt das Burkaverbot seit 1923 in der Türkei, ebenso gibt es ein Kopftuchverbot an Schulen. Da kräht kein Hahn nach. Gerade hier, wo so etwas überhaupt nicht hin gehört, wird ein riesem Affentheater veranstaltet. Lächerlich. Das Volk hat gesprochen, punkt

Die neusten Leser-Kommentare

  • Beat S. am 24.09.2013 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    Immer wird alles aufgeputscht

    Habt doch keine Angst ihr lieben Touristik-Verantwortlichen. Die kommen nach wie vor in Scharen. Wir gehen ja auch nach Agypten obwohl das EDA eine Empfehlung rausgegeben hat nicht hin zu gehen. Der Multi-Milliardär-Scheich intressiert unsere Abstimmungen einen feuchten Furz!

  • Captain_Ahab am 24.09.2013 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Auch wir passen un s an

    Auch wir müssen uns in den arabischen Länder anpassen!!!

  • hans am 23.09.2013 23:32 Report Diesen Beitrag melden

    Vermummungsverbot

    In der schweiz gibt es das vermummungsverbot und dazu gehört die burka (oder wie auch immer man das kind nennen will) dazu! Wer sagt mir, dass immer eine frau unter einer burka ist? wer sagt mir, ob ich einer solchen person trauen darf, wenn ich deren gesicht nicht erkennen kann? für mich geht ganz klar das erkennen eines gesichtes von einem anderen menschen vor jeder religion.

  • Reto Eggenberger am 23.09.2013 23:04 Report Diesen Beitrag melden

    Ich trage gerne eine Burka!

    Ich trage gerne eine Burka - und werde jetzt sicherlich nicht mehr ins Tessin reisen! Diese Muslimophobie geht mir doch zu weit!

  • Argus am 23.09.2013 22:37 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Forderung des Islam

    Das Burkatragen ist keine Forderung des Islam, sondern eine regionale Tradition. Somit ist ein Burkaverbot keine antireligiöse Handlung.