Vermögensverteilung

02. November 2010 07:49; Akt: 02.11.2010 10:19 Print

Ungleich, ungleicher, Schweiz

von Gérard Moinat - Auch wenn wir in der Schule etwas anderes gelernt haben: Beim Thema Ungleichheit ist die Schweiz ganz vorne mit dabei.

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Wenn jemand alles hat: Der Gini-Koeffizient beschreibt Ungleichheiten. (Bild: Keystone)

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Die Schweiz ist top. Zumindest wenn man den von der UN-Universität erhobenen Gini-Koeffizienten als Massstab nimmt. Von 229 untersuchten Ländern schaffte es die Schweiz dort immerhin auf Platz 3. Aber nicht als faires Land, wie das Schweizer gerne von ihrem Land denken, sondern als unfaires.

Die Schweiz gehört nach Namibia und Simbabwe sogar zu den Ländern, in denen die Vermögensungleichheiten am grössten sind. Auch gemäss Daten von 2010 ist die Schweiz von 165 Ländern noch auf dem drittletzten Platz (siehe Tabelle). Verglichen mit der Erhebung des Gini-Koeffizienten von 1997 hat nun selbst Simbabwe die Schweiz mittlerweile als weniger «unfaires» Land hinter sich gelassen. Singapur ist nachgerückt. Auf der anderen Seite der Skala liegen Spanien und Finnland als Länder, in denen Vermögen fair verteilt sind. Auch der direkte Nachbar Österreich liegt deutlich vor der Schweiz.

Gründe dafür sind vielfältig, sagt Ganga Jey Aratnam, Mitautor der kürzlich veröffentlichten Studie «Wie Reiche denken und lenken». Einen Grund sieht er jedoch in der ausgeprägten Stabilität der Schweiz. Gerade weil das Land von Kriegen verschont geblieben war.

«Trickle-down-Effekt» liess viele nachholen

«Anders als in den kriegsgeschüttelten Ländern Europas wurden die Vermögen durch den Zweiten Weltkrieg nicht neu gemischt. Sondern Reiche blieben auch mit dem Krieg reich und konnten weiter Vermögen anhäufen», so Jey Aratnam. Deshalb liegt die Schweiz schon seit Jahrzehnten an der Spitze der Länder, wo Vermögen ungleich verteilt ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch schien sich die Situation zu verbessern; in den Sechziger- und Siebzigerjahren gingen die Ungleichheiten temporär zurück. Das massive Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit begünstigten den sogenannten «Trickle-down-Effekt», wie Jey Aratnam erklärt. Dieses liberale Konzept geht davon aus, dass ein solides Wirtschaftswachstum die Vermögensungleichheiten in einem Land über die Zeit ausmerzt, in dem Wohlstand von der Oberklasse zu den unteren Schichten «herabsickert».

Seit 1975 verschärfen sich Ungleichheiten

Bis Mitte der Siebzigerjahre stimmte das auch, denn der Aufschwung nach dem Krieg zog sich über Jahre hin. Und die Verteilung wurde weniger ungleich. Aber ungefähr seit 1975 stagniert der Gini-Koffizient und begann in den jüngsten Jahren wieder markant zu steigen. «Die Wirkung der Finanzkrise kann das noch verschlechtern», so Jey Aratnam.

Dass Schweizer Vermögen im Krieg nicht zerstört wurden, sei an und für sich etwas Positives, sagt Jey Aratnam. Aber heute fällt auf, dass sich Schweizer der sozialen Ungleichheit in ihrem eigenen Land zu wenig bewusst sind.

«In der Schweiz diskutieren wir immer über die Abzocker. Dabei sind die Vermögensunterschiede mittlerweile die wahren Missstände», so Ganga Jey Aratnam. Bei den Einkommensunterschieden - im Unterschied zum Vermögen - liegt die Schweiz im vorderen Drittel der Länder mit einer «fairen» Verteilung. Allerdings deutet die jüngste Entwicklung auch hier in Richtung zunehmende Ungleichheit.

Ungleichheiten in der Welt gemäss dem Gini-Koeffizient

RangLandGini-Koffizient
1.Namibia0.947
2.Singapur0.893
3.Schweiz0.881
4.Hong Kong0.856
5.Qatar0.856
6.Schweden0.853
7.Simbabwe0.852
8.Dänemark0.840

Quelle: www.reichtum-in-der-schweiz.ch/fakten

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stef am 02.11.2010 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Na Und?

    Und wo ist das Problem? Solange es dem untersten Prozent immer noch besser geht als den untersten 20% in etwa der Hälfte dieser Länder, sollte das ja wohl kein Problem sein. Ist typisches Neid-Denken: Ich bestimme mein Wohlbefinden aufgrund dessen, was mein Nachbar besitzt. Wenn ich 10.- geschenkt kriege und er 100.- ginge es mir zwar besser, ich lehne aber aus Neid auf den Nachbarn ab. Wenn wir diese Statistik als Problem anschauen, haben wir wirklich ein Problem, vernachlässigen nämlich andere Probleme (langfristige Sicherung der Sozialwerke, Mobilität, Umweltschutz)

  • Michi am 02.11.2010 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Hahahah

    Wie schnell wir Schweizer uns doch beleidugt fühlen wenn wir so was lesen. Lest es gut durch den da steht die Wahrheit,,,jeoch bezweifle ich, dass einer der reichen sich beleidigt fühlen wird hier....die wissen ja dass es wirklich so ist...und die anderen sind entweder träumer oder machen sich selbst was vor.

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  • Fritz Peier am 02.11.2010 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Jammern auf sehr hohem Niveau!

    Was soll das. In der Schweiz ist NIEMAND wirklich arm. Klar, es gibt Menschen die auf dem Existenzminimum leben. Aber das ist im Vergleich sehr hoch. Workin Poor's leben doch ganz anständig im Vergleich zu Millionen von Menschen welche sowenig haben, dass sie verschmutzte Wasser trinken müssen, sich versklaven oder sogar verhungern müssen. Ihr habe alle Überfluss. Keiner MUSS in der Schweiz im freien übernachten, keiner muss verhungern oder wegen fehlender med. sterben. Und sehr oft ist Armut halt indirekt doch selbst verschuldet. Arme reiche Schweiz wo der Neid das Herz zerfrist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • S.H am 06.11.2010 02:26 Report Diesen Beitrag melden

    Kritikfähigkeit

    Ob wir ungleich sind, ob wir unfair sind, ob wir etwas falsch oder richtig machen  wer weiss. Aber eines ist klar: Wir können nicht mit Kritik umgehen. Sobald jemand unseren Status als beste in überhaupt allem anzweifelt, weht ein eisiger Wind in den Talkbacks. Alle fühlen sich angegriffen und schiessen gleich mit allen Mitteln, die sie zur Verfügung haben. Ob das Steuern, Lohnschere, Steuer-CDs, Direkte Demokratie oder sonst was betrifft. Wehe jemand wagt an uns zu zweifeln.

  • Jacky M. am 05.11.2010 09:37 Report Diesen Beitrag melden

    Naja....

    Irgendwie muss man ja den Schweizer einreden, dass sie unzufrieden sein müssen. Hört doch endlich auf! Wir haben ein sicheres politisches System, die Finanzen unseres Landes stehen viel besser da, als bei allen EU-Ländern. Wir haben ein Mitsprache-Recht, dass kein anderes Land kennt. Wenn man aber nicht aufgibt, kann man das auch kaputtmachen...

  • some guy am 03.11.2010 20:44 Report Diesen Beitrag melden

    ungleichheit

    des weiteren ist das arguement "wenn wir uns nicht fuegen, ziehen die reichen weg" genauso ein idealistisches armutszeugniss wie das argument, dass die aufgabe des bankgeheimnisses wirtschaftlich unattraktiv erscheint. beides schadet dem globalen sozialen Frieden massiv und meiner Meinung nach sollten laenderbuendnisse wie die EU laendern die bestimmte minimalsteuern umgehen mit massiver wirtschaftlicher isolation drohen, dies wuerde das thema steueroasen obsolet machen.

  • someone am 03.11.2010 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    ungleichheit

    von allen Orten die ich bisher meine Heimat nennen durfte, laesst sich das schweizer polit-Klima nur mit den amerikanischen Republikanern vergleichen, massenweise Nachplapperer mit tiefem Bildungsniveau und durchl- / unterdurchschnittlichem Einkommen die sich hinter reiche und ihre Anliegen stellen (rein kapitalmaessig gerechnet ist Blocher ist der 2. reichste Politker weltweit), glaubt was ihr wollt, aber wer mit einem reichen Vater aufgewachsen ist, der keinen unterhalt zahlen will weiss wieviel gleicher unser gesetzbuch fur manche ist.

    • Claudia am 06.11.2010 15:58 Report Diesen Beitrag melden

      richtig

      100% Zustimmung!

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  • Silvi am 03.11.2010 12:51 Report Diesen Beitrag melden

    Gerechtigkeit ist kein Neid!

    Es geht doch nicht darum, jemanden seinen Reichtum zu neiden. Ungerecht ist aber, dass sie tiefere Steuersätze aushandeln können! Glaube kaum, dass die Reichen aus der Schweiz flüchten würden, wenn sie gerechte Steuern zahlen müssten, wohin den? Welches Land bietet ihnen denn eine so hohe Infrastruktur und Lebensqualität, ist doch eine Verarsche und Angstmacherei! Sie sollen ihren Reichtum geniessen aber keinen vergünstigten Steuersatz bekommen!!!