Schwierig zu messen

29. März 2011 22:46; Akt: 30.03.2011 06:28 Print

Unterschiedliche Prognosen zur Konjunktur

von Hans Peter Arnold - Wächst die Schweizer Wirtschaft in diesem Jahr um 1,5 Prozent oder doppelt so viel? Laut Prognostikern ist fast alles möglich.

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Seco-Chef Gerber. (Keystone)

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Die Konjunkturforscher sind zuversichtlich: 2 Prozent soll das Schweizer Bruttoinlandprodukt in diesem Jahr wachsen. Dies ergab eine Umfrage der Konjunkturforschungsstelle Kof bei 22 Instituten. Beachtlich sind die grossen Prognoseunterschiede der befragten Experten: Die tiefste Schätzung liegt bei 1,5 Prozent; die höchste bei 2,8 Prozent, wie Kof gegenüber 20 Minuten präzisiert. 1,3 Prozent Differenz sind kein Klacks: Auf Basis der aktuellen Wirtschaftsleistung entspricht dies 6,4 Milliarden erwirtschafteten Franken mehr oder weniger. Das Kof selbst gehört zu den grössten Optimisten: Es erwartet dieses Jahr ein Wachstum von 2,8 Prozent. Ohne Abzug der Teuerung liegt es sogar ein Prozent höher.

Generell ist das Prognosengeschäft kurzlebig: Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat seine Prognosen innert drei Monaten von 1,5 auf 2,1 Prozent angehoben. «Konjunkturprognosen sind gemeinhin schlecht», gesteht Klaus F. Zimmermann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Das Sündenregister ist gemäss Zimmermann lang: «Konjunkturforscher unterliegen dem Herdentrieb und erkennen die Wendepunkte zu spät.» Willy Roth vom Kof wehrt sich: «In Zeiten erhöhter Unsicherheit – Katastrophen und Kriege – liegt es auf der Hand, dass sich die Spannweite der Prognosen der einzelnen Institute vergrössert.» Aber nicht nur das: Auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Voraussage eines einzelnen Instituts eintreffe, verringere sich.

«Auch amtliche Schätzungen sind mit Vorsicht zu geniessen»

Der grosse Sprung nach oben der Kof ist gemäss Roth zu einem guten Teil auf eine Neueinschätzung des Konjunkturprofils für das Jahr 2010 durch das Seco zurückzuführen. Ging das Seco noch Anfang Dezember 2010 von einer sich abschwächenden Wachstumsdynamik im Jahresverlauf 2010 aus, signalisierten die neuesten Schätzungen der Amtsstelle eine sich sukzessiv verstärkende Konjunkturdynamik. Damit ergab sich laut Roth für das Jahr 2011 ein grösserer Überhang. Das heisst: Die Schweiz ist zu Jahresbeginn auf einem wesentlich höherem Niveau gestartet, was allein schon deshalb zu einer kräftigen Aufwärtsrevision der BIP-Schätzung für 2011 führte. Roth: «An diesem Beispiel zeigt sich wieder einmal deutlich, dass auch die amtlichen Schätzungen für die wirtschaftliche Vergangenheit mit Vorsicht zu geniessen sind.»