Sitzwechsel

22. November 2010 07:46; Akt: 22.11.2010 12:07 Print

Vom Bundes- zum Verwaltungsrat

Sein Leben als alt Bundesrat nimmt Formen an: Moritz Leuenberger soll im Verwaltungsrat Implenia Einsitz nehmen - für rund 100 000 Franken pro Jahr.

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Ein bewegender Abschied: Am 22. September 2010 wurde Moritz Leuenberger vor der vereinigten Bundesversammlung verabschiedet. Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer würdigte im Namen aller Parlamentarier die politische Arbeit von Moritz Leuenberger. Nach über 15 Jahren in der Landesregierung hat sich der SP-Bundesrat zu seinem Rücktritt entschieden, wie er am ... ... 9. Juli 2010 an einer Medienkonferenz erklärte. Seine politische Karriere begann der gebürtige Bieler im Kanton Zürich. Hier informierte er als Präsident der Stadtzürcher SP in den 70er-Jahren über die Wahlplattform seiner Partei, der er 1969 beigetreten war. Schlagartig bekannt wurde der damalige Nationalrat 1990 als Präsident der «Parlamentarischen Untersuchungskommission EJPD» (PUK 1), die in Folge der Affäre um Elisabeth Kopp zur Aufdeckung des Fichenskandals führte. 1991 wurde Moritz Leuenberger in den Zürcher Regierungsrat gewählt. Im gleichen Jahr hielt er am Nationalen Velotag eine Rede auf dem Münsterhof. Kritisiert wurde er als Justizdirektor nach dem Mord am Zollikerberg durch einen im Hafturlaub befindlichen Sexualstraftäter. Am 27. September 1995 wurde Moritz Leuenberger in den Bundesrat gewählt, als Nachfolger von Otto Stich. Er setzte sich gegen seinen innerparteilichen Gegenkandidaten, den Freiburger Ständerat Otto Piller, durch. Nach der erfolgten Wahl wurde Leuenberger vom Gesamtbundesrat empfangen. Links von ihm sein Amtsvorgänger Otto Stich. Der neue Bundesrat übernahm das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). Am 5. Oktober erfolgte der Empfang im Kanton Zürich, begleitet von seiner Lebenspartnerin Gret Loewensberg und von Bundesrat Kaspar Villiger. Nach dem Terroranschlag in Luxor, bei dem 36 Schweizerinnen und Schweizer ums Leben kamen, sprach Bundesrat Leuenberger am 19. Oktober 1997 an einer kurzen Trauerfeier auf dem Flughafen Zürich zu den Angehörigen der Opfer. 2001 war Leuenberger erstmals Bundespräsident. Im «Katastrophenherbst» war er besonders gefordert. Nach dem Amoklauf von Zug gedachte er zusammen mit Nationalratspräsident Peter Hess vor dem Regierungsgebäude der 14 Opfer des Todesschützen Friedrich Leibacher. Das Swissair-Grounding am 2. Oktober führte zu einer emotionalen Pressekonferenz mit Finanzminister Kaspar Villiger. Dabei attackierte Leuenberger den UBS-Präsidenten Marcel Ospel, der tags zuvor mit dem Privatjet nach New York geflogen war: «Der Wirtschaftsführer fährt in der Luft, und der Bundesrat geht in die Luft.» Nach der Frontalkollision im Gotthardtunnel am 24. Oktober, bei der elf Menschen ums Leben kamen, informierte sich der Bundespräsident vor dem Südportal in Airolo. 2006 wurde Leuenberger zum zweiten Mal Bundespräsident - hier bei der Aufzeichnung seiner Neujahrsansprache im Fernsehstudio des Bundeshauses. Im gleichen Jahr feierte die päpstliche Schweizergarde den 500. Jahrestag ihrer Gründung. Während der offiziellen Feierlichkeiten im Mai wurde der Bundespräsident im Vatikan von Papst Benedikt XVI. empfangen. Mit Kollege Christoph Blocher am 12. Dezember 2007, dem Tag von dessen Abwahl aus dem Bundesrat. Leuenberger soll unter der Präsenz des SVP-«Alphatiers» in der Landesregierung gelitten haben. Ein Dauerproblem für den UVEK-Chef war das Anflugregime auf den Flughafen Zürich. Nach der Ablehnung des mit Deutschland ausgehandelten Staatsvertrags musste er Südanflüge zulassen, was von der lärmgeplagten Bevölkerung nicht goutiert wurde. Als Verkehrsminister waren ihm die Bahnen stets ein grosses Anliegen. Die Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels am 15. Juni 2007 war einer der Höhepunkte seiner Amtszeit. Umweltminister Leuenberger setzte sich für eine weltweite CO2-Abgabe ein, allerdings erfolglos. Zusammen mit SBB-Chef Andreas Meyer und VR-Präsident Ulrich Gygi reiste er in einem Sonderzug zur Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009. Ein unglücklicher Personalentscheid war die Wahl von Claude Béglé zum Verwaltungsratspräsidenten der Post im Juni 2008. Im Januar 2010 musste der forsche Waadtländer den Hut nehmen. Für Showeinlagen war sich Moritz Leuenberger nie zu schade: Am 24. Februar 2003 schnüffelte er zum Auftakt der Kampagne für die Energieetikette für effiziente Autos an einem Auspuff. Ebenfalls sehr medienwirksam war seine zweitägige Reise im Führerstand eines Güterzugs vom deutschen Ofenburg nach Gallarate in Italien im Juli 2005. Besonders gerne umgab sich der belesene Magistrat mit Grössen aus der Kultur, hier mit Schauspieler Bruno Ganz an den Solothurner Filmtagen 2005. Als begnadeter Redner erhielt Leuenberger 2007 den deutschen Cicero-Preis. Seine Vorliebe für salbungsvolle Ansprachen erzeugte oft Kritik und Spott und den Vorwurf, er vernachlässige darob sein Amt als Bundesrat. Der UVEK-Chef unterwegs auf einem E-Bike auf der Bundesrats-Reise am 2. Juli 2010 in Rottenschwil (AG). Eine Woche später erklärte er seinen Rücktritt.

Ein politisches Leben in Bildern: Moritz Leuenberger

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Noch muss sich der Zürcher gedulden: Leuenberger werde an der Generalversammlung im April 2011 zur Wahl in das Gremium vorgeschlagen, teilte das grösste Schweizer Bauunternehmen Implenia am Montag mit. «Moritz Leuenberger gehört international zu den kompetentesten Verfechtern einer nachhaltigen Entwicklung», wird der Wahlvorschlag in der Mitteilung begründet. Der ehemalige Magistrat «weiss bestens, wie Bauten und Infrastruktur realisiert werden, welche Generationen dienen müssen». Implenia ist auch am Bau des neuen Gotthard-Tunnels beteiligt.

Leuenberger sagte im Interview mit Radio 24, dass er für das Mandat im üblichen Rahemn entschädigt würde: «Ganz genau weiss ich die Summe nicht. Aber es sind ungefähr
100 000 Franken pro Jahr.»

Er freue sich auf sein künftiges Engagement, auch wenn es ihn kaum voll auslasten werde, so Leuenberger weiter. Dass es viele Verbindungen zwischen der öffentlichen Hand und Implenia gibt, ist laut Leuenberger für dieses Mandat kein Problem. «Überhaupt nicht! Ich hatte während meiner 15 Jahre im Bundesrat nie direkt mit Implenia zu tun», so Leuenberger weiter.

Bereits bei Swiss tätig

Das vorgeschlagene Mandat ist die zweite neue Aufgabe des Ende November zurückgetretenen Leuenbergers innert kurzer Zeit: Letzte Woche wurde er zum Präsidenten der Swiss Luftfahrtstiftung ernannt. Diese nimmt bei der Lufthansa-Tochter unter anderem eine beratende Funktion wahr.

Trotz seiner neuen Tätigkeit wird Leuenberger wahrscheinlich weiterhin das Ruhegehalt von rund 215 000 Fr. in Anspruch nehmen, auf das er als ehemaliges Mitglied der Landesregierung Anrecht hat. Falls sein neues Einkommen und das Ruhegehalt zusammengenommen den Bundesratslohn von 430 000 Fr. übersteigen, wird das Ruhegehalt um den entsprechenden Betrag gekürzt.

Einige Alt Bundesräte verdienen soviel, dass sie ganz auf das Ruhegehalt verzichten können: Dies war etwa bei Ruth Metzler der Fall, als sie zur Leiterin der Investorenbeziehungen von Novartis befördert wurde. Auch Kaspar Villiger verdient als Präsident der UBS wesentlich mehr als während seiner Zeit als Bundesrat.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus Berner am 22.11.2010 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    von der Freitag- zur Aktentasche

    68er,Sozi, Prediger, Parlamentarier, Bundesrat, Geldverlocher, Verwaltungsrat. Wird seit dem Studium vom Steuerzahler entlöhnt. Wie die meisten Roten und Grünen.

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  • Engster Patrick am 23.11.2010 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch Typisch

    Wasser predigen und Wein trinken. Das ist Sozialismus, auf allen anderen rumhaken und nur auf das eigene Wohl aus. Man sieht das ja in allen Sozialistischen Ländern.

  • Hans Meier am 22.11.2010 09:28 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Es ist schon erstaunlich, was so ein "Ex Bundesrat" alles kann! Ist das der Dank für die Vergabe von Aufträgen?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ostschweizer am 25.11.2010 07:50 Report Diesen Beitrag melden

    na ja

    Die Linken sind halt auch nur vom Kapitalismuss verwöhnte Menschen.

  • Heiri am 25.11.2010 07:29 Report Diesen Beitrag melden

    VR Mandate

    Erstaunlich, dass sich alt BR M.L. in unserer KMU nicht als Verwaltungsrat hat. Vermutlich, weil wir keine VR-Honorare bezahlen. Dort arbeiten wir nämlich ehrenamtlich.

  • toni müller am 23.11.2010 17:36 Report Diesen Beitrag melden

    maurer

    man muss sich mal vorstellen u. maurer würde verwaltungsrat bei der ruag. blick, tages anzeiger, baz usw. würden 3 extra ausgaben pro tag bringen um den "skandal" zu kommentieren. sf tv würde stündliche sendungen über den aether laufen lassen. tatsache ist, dass dieses vr mandat von leuenberger mehr zum himmel stinkt als die ganzen müllberge in neapel.

  • mario morcote am 23.11.2010 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    geld stinkt nicht....

    ....das haben inzwischen auch die linken gemerkt. sie wollen auch vom mamon-kuchen ein grosses stück für sich. irgendwie verständlich, aber sehr unanständig.

  • Engster Patrick am 23.11.2010 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch Typisch

    Wasser predigen und Wein trinken. Das ist Sozialismus, auf allen anderen rumhaken und nur auf das eigene Wohl aus. Man sieht das ja in allen Sozialistischen Ländern.