Die Angst geht um

12. August 2010 16:54; Akt: 12.08.2010 17:13 Print

War es das mit dem Aufschwung?

von D. Schnettler und F. Brandmaier, dpa - Am Konjunkturhimmel ziehen düstere Wolken auf, vor allem in den USA. Die Börsen knicken ein. Die Unternehmen bekommen es mit der Angst zu tun und drehen den Geldhahn wieder zu.

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Da sind sie wieder: Die Sorgen, dass der Weltwirtschaft die Puste ausgeht. Besonders in den USA - einst globaler Wachstumsmotor - herrscht mehr Skepsis als Zuversicht. Am Mittwoch verlor der Börsenindex Dow Jones satte 2,5 Prozent an Wert. Am Donnerstagmorgen ging es in New York um weitere 0,7 Prozent runter.

Die dröge Sprache der US-Notenbank konnte am Dienstag kaum verbergen, wie problematisch sie die Lage sieht. Das Tempo des Aufschwungs habe sich «in den vergangenen Monaten verlangsamt», schrieb die mächtigste Zentralbank der Welt in ihrem jüngsten Kojunkturkommentar. Kurzfristig werde er «wahrscheinlich moderater ausfallen als zunächst erwartet», hiess es trocken.

Die grösste Volkswirtschaft der Welt dümpelt in vielen Bereichen nur vor sich hin. Arbeitslosigkeit: auf absehbare Zeit hoch. Immobilienmarkt: weiter trübe. Kreditbedingungen: nach wie vor schwierig. Am Mittwoch schockte die Nachricht, das Handelsdefizit habe sich wieder kräftig ausgeweitet - jüngstes Zeichen für schwache Konjunktur. Vorsorglich stutzte die US-Investmentbank Goldman Sachs ihre US-Wachstumsprognose für 2011 schon einmal drastisch von 2,5 auf 1,9 Prozent.

«Ungewöhnliche Unsicherheit»

Einer, dessen Unternehmen ganz nah am Puls der Zeit ist, schockte die Börsianer zusätzlich: Der Chef des weltgrössten Netzwerkausrüsters Cisco Systems, John Chambers, stellte fest, dass sich immer mehr seiner Kunden zurückhielten. «Wir glauben, der Begriff «ungewöhnliche Unsicherheit» ist die beste Umschreibung.» Gerade Chambers hatte in der Vergangenheit mit seinen Konjunkturprognosen häufig ins Schwarze getroffen.

Cisco stellt Geräte für den Datenverkehr her, sogenannte Router und Switches. Die Technik steckt in den meisten Firmen-Netzwerken und sorgt zudem dafür, dass das weltumspannende Internet läuft. Sehen die Geschäftszahlen des Konzerns gut aus, heisst das «Daumen hoch» für die Investitionsbereitschaft in verschiedensten Branchen. Gerade senkt sich der Daumen.

Wie ernst die Anleger die Beobachtungen des Konzernchefs nehmen, zeigte die Reaktion der Aktie: Sie brach am Donnerstag um mehr als 9 Prozent ein. Dabei kamen die warnenden Worte des Cisco-Chefs eigentlich nicht ganz überraschend.

Das US-Marktforschungsinstitut Gartner hatte seine Prognose bereits deutlich nach unten korrigiert. Die Experten gehen davon aus, dass die Ausgaben der Unternehmen für neue IT in diesem Jahr um lediglich 2,9 Prozent steigen. Anfang des Jahres hatte Gartner noch an einen Zuwachs von 4,1 Prozent geglaubt.

Aufs Schlimmste gefasst

Wer noch kräftig investiert, sind die nationalen Regierungen mit ihren Konjunkturpaketen und die schwerreichen Energieversorger. Doch ob das anhält, daran hat Gartner-Analyst Kenneth Brant seine Zweifel. «Technologie-Dienstleister müssen auf das Schlimmste vorbereitet sein: Dass der privatwirtschaftliche IT-Markt stagniert und dass Regierungen zu einem Sparhaushalt übergehen.»

Selbst die mächtigste Zentralbank der Welt scheint ihre Mühe mit dem Umgang mit einem blutarmen Aufschwung zu haben. Als sie am Dienstag ein neues, geldpolitisches Manöver zur Stützung der Konjunktur ankündigte, sollte es wohl ein Signal sein, dass die Fed Gewehr bei Fuss steht. Doch der Schuss ging nach hinten los: Die Börsen erzitterten angesichts der Botschaft, dass wohl einiges mit der Wirtschaft im Argen liegt, und schmierten erst einmal ab.

Kein «Double-Dip»

Steuert nun also doch alles auf den gefürchteten «Double-Dip» zu, den zweiten Absturz der Konjunktur nach dem Desaster von 2008? Die Experten von Goldman Sachs, die ein äusserst träges zweites Halbjahr 2010 durchaus voraussahen, meinen: nein.

Zwei Gründe führen sie an: Einmal dürfte die Federal Reserve nach ihrem eher symbolischen Schritt vom Dienstag möglicherweise Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres zu schwereren Konjunktur- Geschützen greifen, sollte sich der Aufschwung weiter dahinschleppen.

Zum zweiten werden sich wohl die Ausgaben von Firmen und Haushalten für langlebige Güter fangen - weil der Gegenwind - durch die Probleme auf dem Immobilienmarkt, die Zurückhaltung bei Neueinstellungen und der neue Spareifer der Amerikaner als Folge der Wirtschaftskrise - voraussichtlich am Ende abflauen wird.