Shopping-App Wish

16. September 2019 14:41; Akt: 17.09.2019 09:48 Print

«Bei diesen Preisen wägt der Kunde nicht lange ab»

von V. Blank - Warum shoppen wir auf Apps wie Wish entgegen jeder Vernunft? Konsumforscherin Marta Kwiatkowski über impulsive Käufer – und was Wish mit Ikea zu tun hat.

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«Auf Plattformen wie Wish kommt eine Art Flohmarkteffekt zum Tragen»: Marta Kwiatkowski, Konsum- und Trendforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI). Die Billig-Shopping-App scheint den Nerv der hiesigen Konsumenten zu treffen: Der Umsatz von Wish hat sich seit 2016 in der Schweiz mehr als verdreifacht. Billigprodukte zu Billigpreisen zu verkaufen – das ist die Devise der Shopping-App. Hinter Wish steht ContextLogic, ein US-Unternehmen, das Ware von Drittanbietern verkauft. Der Onlinehandel in der Schweiz boomt: 2018 dürften Lieferanten im Schweizer Güterverkehr auf der Strasse rund 7 Milliarden Kilometer zurückgelegt haben. Allein der Versandhandel trug laut dem Verband des Schweizerischen Versandhandels mit rund 350 Millionen Kilometern zum Fahraufkommen bei. Laut Schätzungen von Ökonomen der BSS Volkswirtschaftliche Beratung und Verkehrsexperten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften dürfte die Fahrleistung im Güterverkehr mit Nutzfahrzeugen von 2018 bis 2023 um bis zu 90 Millionen gefahrene Kilometer steigen. Die Experten haben untersucht, wie man die Umweltbelastung durch den Versandhandel minimieren kann. Das sind ihre Lösungsansätze. Je mehr auf einmal ausgeliefert wird, desto weniger Fahrten braucht es. Für den Konsumenten heisst das, dass er idealerweise seine Onlinekäufe möglichst auf einmal und beim selben Anbieter tätigen sollte. Die Experten schlagen vor, dass Lieferanten auf ihren Touren kurzzeitig auf dem Trottoir oder an der Bushaltestelle parkieren dürfen: So müsse der Zulieferer nicht dreimal um den Block fahren, bis er einen Parkplatz finde. Es gilt zudem, die Erstzustellung zu verbessern, damit der Lieferant das Päckli weniger oft wieder mitnehmen muss. Das könne etwa mit grösseren Milchkästen oder zentralen Abholzentren bewerkstelligt werden. Insbesondere der Elektroantrieb wird in der Branche als nachhaltigere Alternative zum Verbrennungsmotor gehandelt. DHL etwa liefert Pakete in einigen deutschen Städten bereits heute mit E-Bikes. Würde der Gütertransport per Zug stärker gefördert, wäre es für die Versandhändler naheliegend, auf den Schienentransport zu setzen. Wie die Elektromobilität würde auch dieses Verkehrsmittel dazu beitragen, die Effizienz und Nachhaltigkeit bei der Zustellung zu erhöhen, so die BSS-Experten.

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Die Billig-Shopping-App Wish scheint den Nerv der hiesigen Konsumenten zu treffen: Der Umsatz hat sich seit 2016 in der Schweiz mehr als verdreifacht.

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Doch nicht alles, was auf der Plattform angeboten wird, erfüllt die Qualitätsstandards. Ein Test hat gezeigt, dass gewisse Produkte sogar gefährlich sind.

Auch ist vielen Konsumenten bewusst, dass Shoppen auf Wish nicht unbedingt ökologisch vertretbar ist. Ausserdem nehmen viele hin, dass die Billigware oft unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt wird.

Trotz aller Bedenken shoppen viele Schweizer munter weiter auf Wish. Warum ist das so? 20 Minuten hat eine Konsumforscherin befragt:

Frau Kwiatkowski, was reizt Online-Shopper an Apps wie Wish?
Die Plattform nutzt einen spielerischen Ansatz. Wish nutzt für die Vermarktung die sozialen Medien wie Instagram und Youtube sehr gut und versteht es dadurch auch gekonnt, die Interaktion mit dem Kunden zu fördern. So bleibt es meist nicht bei einem einmaligen Einkauf …

… der noch dazu spottbillig ist.
Ja, der Preis spielt natürlich eine grosse Rolle. Durch die Schleuderpreise empfinden die Konsumenten das Shopping als relativ schmerzfrei; es erfolgt grösstenteils intuitiv.

Was ist mit dem schlechten Gewissen? So billige Produkte werden sicher nicht unter den besten Arbeitsbedingungen hergestellt.
Wir sprechen da vom hybriden Konsumenten. Im Alltag achtet er beispielsweise darauf, Bio-Produkte zu kaufen und mit dem ÖV zu reisen. Auf Apps wie Wish legt er ein ganz anderes Kaufverhalten an den Tag. Er sieht die bunt präsentierten Waren und denkt «Ist noch cool» oder «Ach, was solls». Und dann bestellt er drauflos. Wir alle haben widersprüchliches Verhalten in uns.

Wie rechtfertigen das ansonsten verantwortungsbewusste Konsumenten vor sich selbst?
Sie legen sich unbewusst Stellvertreterargumente zurecht, warum der Billigeinkauf gerechtfertigt ist – zum Beispiel, dass man in der Schweiz das Mehrfache für ein Produkt bezahlen müsste.

Schalten Apps wie Wish das Hirn aus?
Das nicht gerade, aber die Preise und der Kaufprozess sind so niederschwellig, dass der Konsument gar nicht lange darüber nachdenkt und abwägt. Das Risiko scheint überschaubar. Auf Plattformen wie Wish kommt eine Art Flohmarkteffekt zum Tragen.

Wie meinen Sie das?
Viele Kunden besuchen den Shop, ohne etwas Bestimmtes zu brauchen. Sie stöbern rum und sehen all die billigen Waren. Das verführt sie dazu, eigentlich Unnötiges zu bestellen. Es kommt gar kein reflektierter Abwägungsprozess in Gang. Es ist wie bei Ikea: Eigentlich wollte ich nur nach einem Tisch Ausschau halten, komme aber mit vielen zusätzlichen Accessoires aus dem Laden, nach denen ich gar nicht gesucht habe.

Marta Kwiatkowski ist Konsum- und Trendforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • A. Müller am 17.09.2019 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Werbung

    Schon interessant, seit mehreren Tagen berichtet ihr nur über Wish. Irgendwie habe ich das Gefühl obwohl ihr es negativ bringen wollt, dass ihr eigentlich nur Werbung für dieses Unternehmen macht. Würdet ihr neutral über das Problem berichten hättet ihr es nicht nur auf Wish abgesehen, denn es gibt unzählige gleichwertige Apps. Was kommt als nächstes berichtet ihr über E-Zigaretten nur für eine Marke damit die Jungen die es noch nicht kannten dies ausprobieren?

  • sere am 17.09.2019 11:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    für alle

    tja die Globalisierung ist für alle da, nicht nur für Firmen und ihre Bosse. Hätte einem ja auch früher in den Sinn kommen können.

  • TongMick am 17.09.2019 11:00 Report Diesen Beitrag melden

    irgendwie tragisch

    Gebe zu selber vor einiger Zeit 2-3 Bestellungen bei Wish getätigt zu haben, jedoch hat mich die Qualität überhaupt nicht überzeugt und seither auch nichts mehr bestellt. Der Preis und das umfangreiche Angebot waren damals für mich der Reiz. Trotzdem finde ich es (auch von mir) nicht korrekt hier was gekauft zu haben, weil alles ist schlussendlich im Müll gelandet und mit etwas Verstand hätte ich das vermeiden können. Nehme mich also selber an der Nase und fühle mich hierfür schuldig.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ba Le am 17.09.2019 17:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stellvertreter

    Weshalb ist mein Argument, aufgrund der viel teureren Preise in der Schweiz ein Produkt bei Wish zu kaufen, angeblich nur ein Stellvertreterargument. Es ist mein AUSSCHLIESSLICHES Argument!

  • Mr. Spock am 17.09.2019 14:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich kann euch sagen was reizt.

    hatte hier in der CH eine Glasfolie fürs Handy gekauft, hat mich Stückpreis 31.- gekostet. Später hab ich bei Wish ein Set mit 3 Stück geordert. Ich konnte es kaum glauben, es waren dieselben wie ich hier gekauft hab. Selbe Qualität, selbe Verpackung, selbe Marke, aber halt eben 3stck. Gekostet hat mich der Spass gerade Mal ein Fünftel von dem was ich hier für eine bezahlt habe.

  • Nita am 17.09.2019 13:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Friday for Future....

    Aber dann beim Einkauf auf Bio achten und versuchen Plastik zu vermeiden. Genau mein Humor... Ich hab da nie bestellt und werde es auch nie.

  • Walter Knobel am 17.09.2019 12:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gekauft und nicht bekommen

    Ja habe schon oft gekauft. Das Problem ist man kommt nicht alles zugestellt wo man bezahlt hat.

  • Chinese am 17.09.2019 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    Du bekommst was du bezahlst

    China funktioniert simple. Du bekommst was du bezahlst. Ich habe bei wish schon so allerlei gekauft. Ja auch Schrott war dabei. Aber auch hochwertiges. In meinem Fall RC-Modellbau. Keine Fertig-Fahrzeuge für 20.- sonder Scale-Parts oder FPV-Zubehör. Auch diverse Campingartikel sind wirklich gut.