Vorbildfunktion

04. November 2019 17:50; Akt: 04.11.2019 18:34 Print

Darum sind wir «glückliche Kapitalisten»

von B. Scherer - Die «New York Times» beschreibt die Schweiz als wahr gewordene Utopie und ruft sie zum Wirtschaftsvorbild aus.

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Die «New York Times» beschreibt die Schweiz als wahr gewordene Utopie und ruft sie zum Wirtschaftsvorbild aus. «Es gibt ein Land, das reicher und genauso schön ist wie eines der skandinavischen Länder Schweden, Dänemark und Norwegen», mit diesen Worten hebt der Autor und Ökonom Ruchir Sharma die Schweiz auf das Podest der Wirtschaftsvorbilder der Welt. Viele Intellektuelle hätten die Schweiz als Vorbild ignoriert. Der Grund dafür liege im früheren Image als Hort für Schwarzgeld und Nazigold. Doch die Schweiz war laut Sharma «immer mehr als ein geheimnisumwitterter Bankenplatz». Weil die Schweiz niedrigere Steuern habe umd eine offenere und stabilere Wirtschaft, schafft sie es unter die Top 20 der Wirtschaftsnationen der Welt. So liegt das Durchschnittseinkommen der Schweizer bei etwa 83'000 Franken und ist fast ein Viertel höher als in den skandinavischen Ländern. Tatsächlich sollen im laufenden Jahr die Löhne steigen – nämlich um 0,5 Prozent. Damit zeichnet sich erstmals seit 2016 wieder eine positive Lohnrunde ab. Trotzdem glauben viele Leser, dass die Lohnschere in der Schweiz weiter aufgeht. Wirtschaftspsychologe Christian Fichter sagt: «In der Schweiz geht es auch den Armen immer besser. Wenn die Wahrnehmung eine andere ist, dann auch deshalb, weil sich in den letzten Jahren dank Social Media eine Kultur des Meckerns und Jammerns ausgebreitet hat.» Mit 2,1 Porzent ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz so tief wie seit 19 Jahren nicht mehr: Laut Fichter leidet der einzelne Arbeitslose mehr unter der tiefen Quote, denn er fühlt sich noch weniger gebraucht. Einzelne Leser klagen trotz gutem Lohn darüber, dass sie Ende Monat ein leeres Konto haben. Grund dafür ist laut Fichter, dass wir uns mehr wünschen als früher. Zudem liege Sparen nicht im Trend. Besonders Rentner fühlen sich benachteiligt und glauben, dass es ihnen finanziell schlechter geht als der jüngeren Generation. Fichter sagt, dass stimme nicht: «Als Rentner geniesst man grosszügige finanzielle Privilegien.» Trotz Lohnerhöhung stellt sich die Frage, ob Niedrigverdiener wie Coiffeure oder Verkäufer sich ein gutes Leben leisten können. Fichter sagt: «Niedrigverdienern in der Schweiz geht es so gut wie in keinem anderen Land.» Von der Lohnerhöhung nächstes Jahr profitieren Berufsbranchen völlig unterschiedlich: Die Chemie- und Pharmabranche profitiert am meisten davon. Dort steigen Löhne im Durchschnitt voraussichtlich um 1,1 Prozent. Arbeitnehmer im Baugewerbe und Architektur dürfen sich auf einen Lohnzuwachs von gut einem Prozent freuen. Im Detailhandel wird ebenfalls ein Prozent mehr Lohn erwartet. 0,8 Prozent mehr Lohn ist 2020 im Gesundheits- und Sozialwesen zu erwarten. In der Nahrungmsmittelproduktion und im Konsumgütersektor ist ebenfalls eine Lohnsteigerung von 0,8 Prozent zu erwarten. Weniger rosig sieht es im Autogewerbe aus. Hier werden die Arbeitnehmer nur 0,5 Prozent mehr Lohn einsacken können. Das Schlusslicht der Lohnzuwächse für 2020 bildet der Tourismussektor, zu dem auch Bildung, Sport und Kultur gehören. Hier wird ein Anstieg von nur 0,3 Prozent erwartet, was bei einer Teuerung von 0,5 Prozent gar einem Kaufkraftverlust von 0,2 Prozent gegenüber dem laufenden Jahr entspricht.

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Hohes Lob hat der Autor und Ökonom Ruchir Sharma für die Schweiz: «Es gibt ein Land, das reicher und genauso schön ist wie eines der skandinavischen Länder Schweden, Dänemark und Norwegen.» Sharma hebt die Schweiz auf das Podest der Wirtschaftsvorbilder der Welt. In seinem Kommentar in der «New York Times» beschreibt Sharma die Schweiz als ein kapitalistisches Paradies auf Erden und bezeichnet die Schweizer als «glückliche und gesunde Kapitalisten».

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Ist die Schweiz eine wahr gewordene Utopie?

Besonders linke Politiker in den USA würden die skandinavischen Ländern als Vorbild heranziehen. Doch die Schweiz sei die «weniger sozialistische, erfolgreichere Utopie», so der Autor. Trotzdem hätten viele Intellektuelle die Schweiz als Vorbild ignoriert. Der Grund dafür liege im früheren Image als Hort für Schwarzgeld und Nazigold. Doch die Schweiz ist laut Sharma «immer mehr als ein geheimnisumwitterter Bankenplatz» gewesen. Und darum ist die Schweiz in fast allem besser als Skandinavien:

Reich und happy

Weil die Schweiz weniger Steuern sowie eine offenere und stabilere Wirtschaft habe, schafft sie es unter die Top 20 der Wirtschaftsnationen der Welt. So liegt das Durchschnittseinkommen der Schweizer bei etwa 83'000 Franken und ist fast ein Viertel höher als in den skandinavischen Ländern. Trotzdem sind die Sozialleistungen laut Sharma vergleichbar mit denen in Skandinavien. Dabei besitzen die Schweizer nicht nur Geld, laut einer Studie gehört die Schweiz auch zu einer der zehn glücklichsten Nationen der Welt, so der Autor.

Erfolgreiche Willkommenskultur

Es gibt kein skandinavisches Land, das seit 1950 mehr Einwanderer aufgenommen hat als die Schweiz, schreibt Sharma. So sei die Schweiz auf dem Weg dazu, die Bevölkerung um 3 Prozent zu erhöhen, indem 250'000 Personen zwischen 2015 und 2020 aufgenommen werden. Dabei sei es wahrscheinlicher für Einwanderer, in der Schweiz einen Job zu finden, als in anderen Industrieländern.

Ein Zuhause für Unternehmen

13 der 100 europäischen Topfirmen sind in der Schweiz zu Hause, denn die Schweiz hat sich laut Sharma auf Nischenprodukte wie technische und biotechnische Unternehmen spezialisiert. Damit haben sich doppelt so viele Topfirmen in der Schweiz niedergelassen als in Schweden, Dänemark und Norwegen zusammen. Zudem besitzen die meisten Firmen einen hohen Börsenwert. So hat Nestlé mit etwa 320 Milliarden Franken 15-mal so viel Wert wie der grösste skandinavische Konkurrent.

Wenige Staatsangestellte

In der Schweiz befinden sich nicht alle Firmen in grossen Städten, das hat seinen Vorteil: «Kleine Firmen sorgen für Stabilität in der Wirtschaft», schreibt der Autor. So arbeitet auch nur einer von sieben Schweizern für den Staat. Das sind halb so viele Personen wie in Skandinavien.

Tiefe Steuern

Obwohl die Schweiz «einen absolut kapitalistischen Kern» besitze, erhebe das Land weniger hohe Steuern auf seine Bürger und Unternehmen wie Skandinavien. 2018 sei der Schweizer Steuersatz mit 36 Prozent der tiefste in Westeuropa gewesen. Zum Vergleich: Der Steuersatz in Skandinavien lag bei durchschnittlich 52 Prozent.

Starker Export trotz starkem Franken

Die Schweiz ist laut Sharma offener für den Handel. Die Schweiz exportier wesentlich mehr als die skandinavischen Länder – obwohl der Franken immer stärker geworden sei. Denn «die Welt ist bereit, einen Premiumpreis für Schweizer Güter und Dienstleistungen zu bezahlen», schreibt der Autor.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Michi am 04.11.2019 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Der Schweiz und deren Bevölkerung geht es im Verhältnis zu den allermeisten anderen Staaten hervorragend.

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  • Mikojan-Gurjewitsch am 04.11.2019 18:52 Report Diesen Beitrag melden

    wahr gewordenen Utopie...

    Ja, die Schweiz ist eine wahr gewordene Utopie. Reisen in Ländern auf allen fünf Kontinenten haben mir das bestätigt. Aber es ist kein Grund zur Überheblichkeit, sondern zur Dankbarkeit und Demut.

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  • Henri am 04.11.2019 18:06 Report Diesen Beitrag melden

    Nestle Milliarden

    Nestle mit 320 Millionen Börsenwert. Sollte wohl Milliarden sein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schweizerin am 05.11.2019 15:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz ist beneidenswert

    Mein Vater sagte uns , wer mit wenig zufrieden ist der ist der König und sich immer mit anderen vergleichen bringt gar nichts denn es gibt immer jemand der hat mehr oder es geht denen besser . Ich bin eine bescheidene Schweizerin und mir geht's gut . Wir sind verwöhnt darum will die ganze Welt in die schöne Schweiz , denken hier sei das Paradies

  • alice am 05.11.2019 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Privilegien

    bin 78 ig und weiss nicht welche Privilegien wir haben?1740.- AHV 1300.-FR Steuern die Wohnung wird nicht günstiger? ein Abo kann ich mir gar nicht leisten und Coiffeur verschiebe ich grosszügig denn 80.- Fr, ist viel geld für schneiden Föhnen ?mit Rollator kann man nicht weit gehen ?also kei Ahnig von allem?

    • Nordkantonler am 05.11.2019 17:11 Report Diesen Beitrag melden

      @alice

      Von der 1740 Franken AHV werden Sie wohl keine 1300 Franken Steuern zahlen. Kann es sein, dass die meisten hier gar keine Ahnung davon haben, wie wenig sie effektiv an den Staat abdrücken?

    • alice am 05.11.2019 19:16 Report Diesen Beitrag melden

      zu Teuer für alter

      ja haben sie recht die hälfte da mein Mann gleichviel hat ?aber in Spanien bez, gar keine Steuern unser Schwager bez. auch kein Medikament oder Crems mehr und ab 70 keine Krankenkasse !gute Artzt versorgung ist gewährleistet

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  • KG.. am 05.11.2019 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mega Lohn.

    Wenn ich immer höre hoher Lohn kommt mir die Galle hoch . Kostet in Schweden ein mutschli auch 1.20fr ?

    • Björn L am 05.11.2019 13:56 Report Diesen Beitrag melden

      Selben Preise wie in CH

      Ja kostet es. Liebe Grüsse aus Stockholm,

    • Sven Smörebröt am 05.11.2019 17:20 Report Diesen Beitrag melden

      @Björn

      Nein kostet es nicht und die Sozialaagaben und Steuern sind auch nicht so hoch !

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  • MM Money am 05.11.2019 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz ist ein seltsames Phänomen!

    Ja, das stimmt! Nirgends hat es so viele Menschen, die so viel Geld haben, dass sie es selber gar nicht mehr ausgeben können. Aber anstatt es zu teilen, für sich auszugeben oder das Leben zu geniessen, häufen und horten sie immer noch mehr Geld. Ihr fragt euch alle wozu? Ganz einfach, damit sie es weiter vererben können, denn diese Menschen lieben die eigenen Nachkommen mehr als jeden anderen und sich selbst! Oder hat etwa jemand eine bessere Erklärung?

    • Rosa Brille am 05.11.2019 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @MM Money

      Es hat genauso viele Menschen (600'000), die sich gar nichts leisten können, weil sie weniger als 2300.- verdienen. Dann der Grossteil des Mittelstands kommt nicht über 3800.-, egal wieviele Stunden gkrampft wird und sie haben immer noch die rosarote Brille an?

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  • Hugo am 05.11.2019 12:11 Report Diesen Beitrag melden

    Rahmenvertrag

    Selbstständigkeit hat ganz klar viele Vorteile., deshalb ja nicht in die EU