Drohender Staatsbankrott

23. Juni 2011 14:31; Akt: 23.06.2011 15:12 Print

Was wäre, wenn Griechenland pleitegeht?

von Harald Schultz, dapd - Griechenland steht am Abgrund, der Staatsbankrott hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land. Ein Gedankenspiel zu den möglichen Folgen einer Zahlungsunfähigkeit.

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Griechenland steht finanziell am Abgrund. (Bild: Keystone)

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In der Debatte um Griechenland wird immer mal wieder von einer Pleite des Staates gesprochen. Welche Folgen das genau hätte, ist unklar. So sagte Alexander Graf Lambsdorff, Vorsitzender der FDP-Gruppe im Europaparlament, am Donnerstag dem Radiosender NDR-Info: «Wir müssen die Griechen mit Kapital unterstützen, weil wir keinerlei Erfahrung damit haben, was es bedeutet, wenn ein Land in der Eurozone oder in einer Währungsunion überhaupt zahlungsunfähig wird. Das kann eine chaotische Situation werden, wie nach dem Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank. Und das will wirklich niemand mehr.»

Machen wir ein Gedankenspiel. Wirtschaft bedeutet ja, dass Geld fliesst und gegen eine Leistung getauscht wird. Ein Zahlungsstopp des griechischen Staates bedeutet ja, dass er seine Beamten und Angestellten nicht mehr bezahlen würde. Die hätten dann kein Geld mehr und müssten von ihren Ersparnissen leben. Ob und wie gut sie das über eine längere Zeit überhaupt könnten, ist unklar. Vermutlich würden diese Menschen zum Überleben auf ihre Familien und auf einen Naturaltausch zurückgreifen. Manch einer würde vielleicht auch einen Kartoffelacker anlegen.

Jedenfalls gäbe es einen erheblichen Rückgang bei der Nachfrage nach Gütern und Diensten durch die Beamten. Damit hätte dies auch einen unmittelbaren Rückgang der Leistung der Privatwirtschaft zur Folge. Hier drohen dann weitere Arbeitsplatzverluste und Unternehmenspleiten. Importe, zum Beispiel von deutschen Autos und Maschinen, könnte sich Griechenland nicht mehr leisten.

Bleiben die Beamten ohne Gehalt zu Hause?

Vermutlich würden viele Staatsbedienstete ohne Gehalt auch nicht zur Arbeit gehen. Damit würden grundlegende Dienste des öffentlichen Lebens stillgelegt: möglicherweise die Schulen, Hochschulen, die Polizei, die Gerichte, das Militär. Je nach Ausmass könnte damit die öffentliche Ordnung zusammenbrechen. Und das in einer Situation, in der vermutlich noch mehr Menschen zu Protesten auf die Strasse gehen würden als jetzt schon.

Ob dann noch viele ausländische Touristen nach Griechenland kommen würden, darf bezweifelt werden. Während und nach den Revolutionen in Tunesien und Ägypten brach dort dieser Wirtschaftszweig fast völlig zusammen. Und diese Branche ist für Griechenland extrem wichtig. Damit käme aber kein Geld mehr aus dem Ausland nach Griechenland, die Wirtschaft würde weiter schrumpfen.

Wenn der griechische Staat seine Rechnungen nicht mehr zahlt, trocknen aber auch seine Lieferanten aus. Alle Unternehmen, die für ihn Leistungen erbracht haben, kämen in die Bredouille. Möglicherweise würden sie Personal entlassen oder sogar selber Pleite gehen, wenn sie besonders stark von Staatsaufträgen abhängen. Damit würde die Wirtschaftsleistung Griechenlands weiter schrumpfen.

Unklar ist, ob die griechische Sozialversicherung keine Renten mehr auszahlen würde, keine Krankenpflege mehr übernähme oder auch das Arbeitslosengeld gestoppt würde. Wäre dies der Fall, würden auch die Rentner und die Arbeitslosen von ihren Ersparnissen leben müssen. Ärzte und Krankenhäuser in Griechenland würden wohl ihren Dienst einstellen oder drastisch einschränken.

Ausländische Gläubiger müssten Anleihen abschreiben

Sollte Griechenland seine Anleihen nicht mehr bedienen, bekämen seine Banken und die ausländischen Gläubiger nicht nur keine Zinsen mehr. Sie müssten die Wertpapiere auch sofort komplett abschreiben. Was insbesondere die griechischen, französischen und deutschen Banken treffen würde.

Anleger würden vermutlich bei einem Ausfall Griechenlands auch nicht mehr Anleihen des Euro-Rettungsschirmes EFSF kaufen, mit denen Irland und Portugal finanziert werden. Vielleicht auch nicht mehr spanische Staatsanleihen. Diese Papiere müssten dann möglicherweise auch abgewertet werden.

Sollte der Euro dann insgesamt auf den Finanzmärkten kräftig abstürzen, könnte dies zwar die Exporte aus Europa erleichtern. Aber die Importe würden deutlich teurer, also zum Beispiel beim Öl. Das würde auch die anderen Europäer viel Geld kosten.

Eine Pleite Griechenlands zöge also viele negative Folgen für das Land und für Europa nach sich. Über den Euro, die Handelsbeziehungen, den EU-Haushalt und viele andere Bänder sind die EU-Staaten so stark miteinander verflochten, dass die Regeln gelten: Mir geht es schlecht, wenn es meinem Nachbarn schlechtgeht. Und mir geht es gut, wenn es meinem Nachbarn gutgeht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Severin am 23.06.2011 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wo wird das enden??

    Ich bin sparer & Kleinanleger. Ich weiss gar nicht mehr was ich denken soll. Seit diese Finanzkriese angefangen hat habe ich Finanzwerte von nunmehr ca.50000 Fr. verloren. Das Geld hätte mein zustupf in der Pension werden sollen. Die politiker jonglieren mit Milliarden die sie nicht haben. Aber ich hatte mein Geld schon angelegt, und jetzt.Ich denke so geht es vielen. Ich habe den Glauben an unsere Finanzpolitik verloren. Der kleinste zahlt immer!!!

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  • Abbas Schumacher am 25.06.2011 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Fragt die Protesttierenten.

    Proteste bringen es nicht. Sollen die doch einmal Vorschläge machen, wie die Schulden zu tilgen sind. Da haben viele versagt! Der Staat Griechenland, der das Geld ausgab ohne die Folgen abzusehen, die Geldgeber die Kredit gaben, ohne einmal zu warnen, dass das Folgen hat.

  • 807687 am 25.06.2011 01:28 Report Diesen Beitrag melden

    Die EBZ (Europäische Zentralbank)...

    ...hat noch 82 Milliarden stille Reserven, aber 23x soviele Schulden. Ausgedeutscht: Die EBZ ist bankrott. Wie soll sie noch retten? Fazit: Der ist am Ende, die EU wird auch langsam zerbröseln, die CH wird den Gürtel auch enger schnallen müssen. Meine Voraussage: in 4 Jahren gibt's keinen mehr. Und bis es soweit ist, wird noch viel passieren. Europa wird in Unruhen (bürgerkriegsähnliche Zustände) versinken. Solches liest man nicht in den Zeitungen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • H. Beck am 26.09.2011 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    So läuft das nicht ab

    Vielleicht hätte sich der Verf. ein paar historische Beispiele zu Staatspleiten vorher ansehen sollen, so jedenfalls, wie er das beschreibt, läuft das nicht ab. Ein Beispiel: Die Schuldenpapiere eines solchen Staates werden meistens nur zu einem gewissen Prozentsatz abgeschrieben, zudem werden Zahlungen gestreckt, Zinssätze reduziert - aber fast nie die kompletten Schulden gestrichen. Und warum bei einer Pleite dann niemand mehr die AAA-Anleihen des EFSF kaufen sollte, ist unklar. Vermutlich würden die Zinsen steigen, mehr aber nicht.

  • René Widmer am 26.06.2011 17:41 Report Diesen Beitrag melden

    Vor der eigenen Türe wischen...

    Was hacken wir ständig auf den Griechen herum - schon mal überlegt, was eigentlich ein Bankrott ist: Wenn ein Staat seine Schulden nicht mehr abbauen kann - und meines wissens gehören da fast alle Staaten der Welt dazu - allen voran die USA - immer neue Verschuldung, um nur die Zinsen zu bezahlen. De Fakto auch ein Bankrott - nur wird's verdrängt...

  • Inge Chazipaaraskeva am 26.06.2011 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Misswirtschaft

    Die Zustände in Griechenland wundern mich nicht sehr. Ich war verschiedene Male in dem (sehr schönen) Land und pflege Konakte mit vielen Griechen hier in der Schweiz. Mir fiel einfach immer auf, dass sie davon schwärmten, sie müssten in GR keine Steuer zahlen und das Gesundheitswesen sei gratis. Gleichzeitig klagaten sie aber darüber, dass sie bei Aerzten und Spitälern nur bedient wurden, wenn sie unter der Hand "ena fakilaki" (ein Couvert - natürlich kein leeres!) übergaben. Da fing die allgemeine Korruption schon an. und jedermann machte mit. Es gäbe noch viel zu schreiben über den Beamtenst

  • Thomas M am 25.06.2011 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Die Frage ist wohl eher wann?

    Die Frage ist wohl eher wann und nicht ob Griechenland bankrott geht. Bis anhin wurden Schulden durch Schulden ersetzt und ein Teil der Schulden mit Steuergelder europäischer Steuerzahler abgezahlt. Das kann nicht endlos so weiter gehen.

  • Abbas Schumacher am 25.06.2011 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Fragt die Protesttierenten.

    Proteste bringen es nicht. Sollen die doch einmal Vorschläge machen, wie die Schulden zu tilgen sind. Da haben viele versagt! Der Staat Griechenland, der das Geld ausgab ohne die Folgen abzusehen, die Geldgeber die Kredit gaben, ohne einmal zu warnen, dass das Folgen hat.