Zinsen, Kontogebühren, Frankenkurs

02. Juni 2018 15:28; Akt: 02.06.2018 15:28 Print

Was würde sich mit Vollgeld praktisch ändern?

Bei Vollgeld geht es nicht nur um die Frage, wer unser Geld herstellt, sondern auch um Zinsen, Kontogebühren oder den Frankenkurs.

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Was würde die Umstellung auf Vollgeld für Konsumenten bedeuten? Höhere Zinsen? Die Vollgeldinitianten gehen nicht davon aus.... ... die Gegner einer Reform dagegen schon. Was ist mit Kontogebühren, Krediten oder dem Frankenkurs? Der Sprecher der Vollgeld-Initiative, Raffael Wüthrich, sagt etwa zur Kreditvergabe: «Die Banken haben dafür genügend Geld: durch Eingänge aus Kredittilgungen, von Sparern, anderen Banken oder der Nationalbank.» Auch der Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, äussert sich zur Initiative. (seine Antworten haben wir aus verschiedenen, publizierten Interviews zusammengestellt.) «Unter Vollgeld fehlt für die Kreditvergabe einfach der Teil der Mittel, der heute auf den Kontokorrentkonten vorhanden ist», kontert er zum Thema Kreditvergabe. Zur Initiative gibt es eine Reihe von Streitpunkten. Bundesrat Ueli Maurer spricht an seiner Medienkonferenz zur Vollgeld-Initiative am 17. April 2018 in Bern. Die Initianten werfen ihm vor, nicht korrekt berichtet zu haben. Sie fordern die vollständige Finanzierung durch Notenbankgeld: Hansruedi Weber, Präsident des Vereins Monetäre Modernisierung (MoMo, Mitte), reicht zusammen mit als Willhelm Tell und Helvetia verkleideten Aktivisten in Bern die Vollgeld-Initiative ein. (1. Dezember 2015) Um bei der Schaffung von Geld neue Schulden zu vermeiden, würde die Nationalbank Geld ohne Gegenleistung dem Bund, den Kantonen oder den Bürgerinnen und Bürgern übertragen: Als Berufsleute, Willhelm Tell und Helvetia verkleidete Aktivisten reichen die Initiative ein. Der Bundesrat glaubt dagegen nicht, dass das Finanzsystem dadurch sicherer würde. Der Bundesrat warnt auch vor den Risiken, wenn die Schweiz im Alleingang eine weitgehend unerprobte Umgestaltung des Geld- und Währungssystems wagen würde. Es sei mit Verwerfungen im Finanzsektor und negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen zu rechnen: Ueli Maurer (r.) und Serge Gaillard, der Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, zur Vollgeld-Initiative in Bern.

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Am 10. Juni ist die Abstimmung über die Vollgeld-Initiative. Sie will der Schweizerischen Nationalbank (SNB) die volle Hoheit über die Geldmenge geben und die Geldschöpfung durch Banken abschaffen. Eine heftige Debatte ist darüber entbrannt, wer unser Geld überhaupt herstellen soll. Was aber hätte eine Annahme der Initiative für praktische Auswirkungen?

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• Würden sich die Zinsen ändern?
Das sagen die Initianten: Heute werden die Zinsen durch den Leitzins der SNB und den Wettbewerb zwischen Banken bestimmt. Das bleibt mit Vollgeld genauso. Wenn die SNB den Leitzins niedrig lässt und genügend Geld in Umlauf bringt, bleiben auch die Zinsen niedrig. Etwas höhere Zinsen wären aber für Sparer gut. Kunden hätten neu die Wahl zwischen einem sicheren Vollgeld-Lohnkonto und einem Sparkonto, bei dem sie höhere Zinsen erhalten – allerdings wäre dieses Bankguthaben in einer Krise gefährdet.
Das sagt die SNB: Die Zinsen dürften steigen. Der Grund: Weil das Geld, das Bankkunden auf Kontokorrentkonten halten, nicht mehr für Kredite eingesetzt werden kann. Es stehen somit weniger Mittel zur Verfügung, die die Bank für Kredite einsetzen kann.

• Was ist mit der Kreditvergabe?
Das sagen die Initianten: Kredite werden mit Vollgeld weiterhin von Banken vergeben. Sie haben dafür genügend Geld: durch Eingänge aus Kredittilgungen, von Sparern, anderen Banken oder der Nationalbank. Die SNB bekommt mit Vollgeld den Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft durch die Banken mit genügend Geld ausgestattet ist. Im Gegensatz dazu fliessen heute 80 Prozent des Geldes, das Banken erzeugen, in den Finanzmarkt, was zu Kreditklemmen bei KMU führt.
Das sagt die SNB: Unter Vollgeld fehlt für die Kreditvergabe einfach der Teil der Mittel, der heute auf den Kontokorrentkonten vorhanden ist. Das Geld auf diesen Konten kann nicht mehr produktiv eingesetzt werden. Die Banken müssen andere Finanzierungsquellen finden, und die fallen nicht einfach vom Himmel. Und sie sind auch teurer.

• Steigen die Kontogebühren?
Das sagen die Initianten: Banken sind im Vollgeld-System stärker auf das Geld der Sparer angewiesen. Deshalb werden Banken dafür sorgen, dass die Kontogebühren möglichst tief sind, um möglichst viele Kunden anzulocken. Der Wettbewerb würde verstärkt, was zu sinkenden Gebühren führen kann. Wer höhere Gebühren ankündigt, denkt nicht marktwirtschaftlich.
Das sagt die SNB: Weil das Geld der Kunden von der Bank nicht produktiv eingesetzt werden dürfte, würden auch die Gebühren für Bankdienstleistungen steigen.

• Gibt es Folgen für den Frankenkurs?
Das sagen die Initianten: Jede Aussage zu Währungskursen ist ein Blick in die Kristallkugel. Mit Vollgeld kann die SNB genauso wie heute den Frankenkurs beeinflussen und Devisenmarktinterventionen vornehmen. Fälschlicherweise behauptet die SNB das Gegenteil, weshalb wir beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht haben.
Das sagt die SNB: Die Nationalbank hätte dann weniger Möglichkeiten, auf Störungen aus dem Ausland und auf Schwankungen des Wechselkurses zu reagieren. Die SNB dürfte dann keine Devisenmarktinterventionen mehr vornehmen.

• Kommt es weiter zu Immobilienblasen?
Das sagen die Initianten: Vollgeld kann Immobilienblasen nicht verhindern, aber abschwächen. Wichtiger ist jedoch, dass das Geld auf Lohnkonten auch dann noch sicher ist, wenn Banken in Konkurs gehen, und der Zahlungsverkehr weiterläuft, auch wenn eine Finanzblase platzt. Das ist der grosse Gewinn für die Bankkunden.
Das sagt die SNB: Kreditzyklen und Blasen in der Wirtschaft können völlig unabhängig davon enstehen, ob wir nun Vollgeld haben oder nicht. Die Finanzkrise ist ein gutes Beispiel dafür. Es gibt in einer Marktwirtschaft immer wieder Situationen, in denen Risiken falsch eingeschätzt werden.

(ish)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 02.06.2018 15:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auf wackligen Füssen

    Wenn aus irgendeinem Grund ein Grossteil der Sparer ihre Einlagen zugleich abheben würden, müsste das gesamte, virtuelle Geldkonstrukt wie es sich heute präsentiert, in sich zusammen fallen. Dennoch hat der Bundesrat in seiner Informationsbroschüre in 20 Punkten falsche Tatsachen verbreitet. Und wenn sogar der CEO der Nationalbank gegen Vollgeld wettert, dann müssen wir uns alle sehr schnell fragen, für wen diese Leute politisieren. Sicher nicht fürs Volk.

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  • Linda am 02.06.2018 15:44 Report Diesen Beitrag melden

    Kapier's immer noch nicht

    Also ehrlich ich kapiere das immer noch nicht und ich habe jetzt so viel gelesen und im TV geschaut. Aber für mich ist die Abstimmung trotzdem ganz einfach. Wenn die Banken dagegen sind, bin ich dafür. Damit fährt man immer goldrichtig.

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  • Soel F. am 02.06.2018 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    SNB ist nicht mehr neutral

    Die SNB ist leider nicht neutral was dieses Thema angeht. Viele in den höheren Rängen der SNB kriegen später lukrative Verwaltungsratsmandate bei Banken. Deshalb argumentieren sie vehement gegen die Vollgeldinitiative.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Thomas Jefferson I am 08.06.2018 20:02 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat 3. Präsident der USA (1801-1809)

    Falls das amerikanische Volk jemals die Kontrolle über die Herausgabe ihrer Währung auf Banken übertragen sollte, werden diese und die Firmen, die sich um sie bilden, unter dem Einsatz von Inflation und Deflation, dem Volk solange ihr Eigentum wegnehmen, bis die Kinder obdachlos auf dem Kontinent, den ihre Väter einst in Besitz nahmen, aufwachen.

  • Philosoph am 08.06.2018 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    Die Herrschaft des Nichts...

    ...über das Sein bestimmt unser aller Leben!

  • Herr Jesses am 08.06.2018 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    NEIN

    kommt sowieso nicht... denn das CH Volk behält glücklicherweise bei solch unsinnigen Abstimmungen ncoh einen kühlen Kopf..

  • Bürger2 am 08.06.2018 07:08 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat

    " Ich hab unbeabsichtigt mein Land ruiniert. Eine große Nation wird nun durch das Kreditsystem kontrolliert, in den Händen weniger. Wir sind keine Regierung der freien Meinung, der Wahlmehrheiten, sondern eine , die von einer kleinen Gruppe mächtiger Männer kontrolliert wird"... Zitat. Woodrow Wilson, Expräsident USA, nach Einführung der Finanzordnung, erarbeitet von den Bankenbesitzern.

  • Mardith am 06.06.2018 15:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stimmen nicht gern

    Seit ich in der Schweiz lebt, ich habe noch nicht stimmen gegangen. Meine Ehemann hat für mich immer stimmen gemacht.

    • Solothurner Schweizer am 07.06.2018 10:36 Report Diesen Beitrag melden

      Integration?

      Das heisst gut integriert, aktiv in der Gesellschaft und mit den Verältnissen vertraut?

    • Beat Imgleit am 12.06.2018 11:40 Report Diesen Beitrag melden

      Immer sstimmen machen

      Jetzt ist klar: Wenn ein Schweizer eine Drittland-Ausländerin heiratet bekommt er auch das Doppelstimmrecht für sich ... "mein Ehemann hat immer stimmen gemacht für mich"

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