Modekette vor Pleite

07. Juni 2018 18:48; Akt: 07.06.2018 19:03 Print

Wegen Gutschein-Zoff hat OVS-Kunde Polizei am Hals

von S. Spaeth - Weil der vom Konkurs bedrohte Modehändler OVS keine Gutscheine mehr akzeptiert, setzte ein Kunde auf «Selbstbedienung». OVS hat ihn nun wegen Diebstahls angezeigt.

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Sempione Fashion, dem OVS in der Schweiz angehört, befindet sich seit Anfang Juni in der Nachlassstundung. Wie aus einem an die Filialleiter verschickten Brief hervorgeht, der 20 Minuten vorliegt, hat dies negative Folgen für OVS-Kunden: Alle Geschenkkarten und sonstigen Gutscheine von OVS und Charles Vögele haben ihre Gültigkeit verloren. Sie können per sofort nicht mehr in den Filialen eingelöst werden. Der Umtausch von Waren gegen andere Waren oder die Rückerstattung von Geld sind nicht mehr möglich. Dies gilt auch für Produkte, die vor dem 30. Mai gekauft wurden. Kunden mit OVS-Karte können keine Bonuspunkte mehr sammeln und einlösen. Es werden auch keine neuen Bonuskarten ausgestellt. Mitarbeiter erhielten am Dienstag einen eingeschriebenen Brief von OVS. Der Verwaltungsrat der Schweizer OVS-Kleidergeschäfte hat beim Bezirksgericht Höfe ein Gesuch um provisorische Nachlassstundung eingereicht, wie das Unternehmen mitteilte. Die Marke OVS habe sich nicht wie gewünscht am Schweizer Markt positioniert. Die anhaltend ungenügenden Umsätze hätten daher zu massiven finanziellen Engpässen geführt, so das Unternehmen. Die rund 140 OVS-Geschäfte in der Schweiz entstanden aus den ehemaligen Filialen von Charles Vögele, die im Dezember 2016 an OVS verkauft worden waren. OVS ist an der Mailänder Börse kotiert. Damals schrieb Vögele rote Zahlen im zweistelligen Millionenbereich. Stefano Beraldo, der CEO von OVS, sagte bei der Übernahme aber, er werde das Unternehmen wieder auf Kurs bringen und wolle in der Schweiz zum Marktführer werden. Stattdessen steht der Händler hierzulande jetzt vor dem Aus. OVS dürfte den Schweizer Markt unterschätzt haben. Nur weil die Markenvielfalt kleiner sei als in den umliegenden Ländern, dürfe man nicht auf ein weniger umkämpftes Umfeld schliessen, sagt CS-Analyst Sascha Jucker zu 20 Minuten. Für ein schwächelndes Unternehmen ist es zudem schwer, in einem gesättigten Markt wieder zu wachsen. Und der Schweizer Markt war schon vor der OVS-Übernahme weitgehend gesättigt. Auch der Wechsel vom Namen Vögele zu OVS war riskant: «Ein Rebranding birgt immer das Risiko in sich, dass mehr Stammkunden der alten Marke zur Konkurrenz abwandern, als dass Neukunden gewonnen werden können», erklärt CS-Experte Jucker. Um OVS war es in der Schweiz in Sachen Werbepräsenz relativ ruhig. Charles Vögele warb früher mit prominenten Markenbotschaftern wie Penélope Cruz ... ... und Til Schweiger. Zwar half das nicht direkt gegen die roten Zahlen, immerhin dürfte heute aber vielen der Name Charles Vögele noch geläufiger sein als OVS.

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Die Tage der Modekette OVS in der Schweiz sind gezählt. Zwar sind die Läden noch geöffnet, doch vieles deutet auf ein rasches Ende hin: So wurden die Mitarbeiter über die bevorstehende Massenentlassung informiert und die Store-Manager angewiesen, Ausgaben zu vermeiden und keine Gutscheine mehr anzunehmen. Letzteres musste auch 20-Minuten-Leser René Waber erfahren.

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Der Vorfall ereignete sich am Dienstagnachmittag. Weil Waber und seine Frau von den Problemen der Modekette OVS erfahren haben, wollen sie ihre Gift Card im Wert von 100 Franken in der Thuner Innenstadt einlösen. Mit Kleidung im Wert von rund 95 Franken geht das Paar zur Kasse und legt den Gutschein auf den Tisch, doch die OVS-Kassiererin weigert sich, die Geschenkkarte anzunehmen. Begründung: Die Firma befinde sich in Nachlassstundung (siehe Box).

«Ich werde die Kleider nicht zurückgeben»

Waber ist über die Haltung von OVS verärgert und sagt: «Ich werde die Kleider nicht zurückgeben, da ich im Gegenzug den Gutschein abgegeben habe.» Dann weist sich Waber mit seiner ID-Karte aus und bittet die Filialleiterin, die Polizei zu rufen. Die Angestellten bitten Waber, bis zum Eintreffen der Beamten draussen zu warten. Dies tut dieser zwar, wartet aber mit der Kleidertasche direkt unter der offenen Eingangstür, «um keinen Diebstahl zu begehen», wie er der Polizei später zu Protokoll gibt. Die OVS-Filialleiterin gibt hingegen an, Waber habe gestohlen, und macht eine Anzeige.

Auf Anfrage von 20 Minuten bestätigt OVS-Besitzerin Sempione Retail den Vorfall, der sich «bedauerlicherweise» ereignet habe. Man stehe im Kontakt mit allen Involvierten. Der Nachlassstundung unterliegen laut Sempione Retail sämtliche Forderungen, die vor dem 30. Mai 2018 entstanden sind, weshalb die Annahme von Gutscheinen nicht mehr möglich sei. Im Rahmen eines späteren Schuldenrufs könnten solche Forderungen aber angemeldet werden. Laut der Stiftung für Konsumentenschutz ist das zwar richtig, die Chance, je Geld zu sehen, sei allerdings nahezu null, sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder.

Kunde will ein Exempel statuieren

Auch die Kantonspolizei Bern bestätigt, dass sie wegen einer Streiterei zu einem Verkaufsgeschäft in der Thuner Innenstadt ausgerückt ist. Da Anzeige wegen Diebstahls erstattet worden sei, haben man Ermittlungen aufgenommen. Kleider und Gutschein befinden sich in Obhut der Polizei. «Ich bin mir im Klaren, dass ich nichts gewinnen kann. Es geht mir aber darum, ein Exempel zu statuieren», sagt Waber zu 20 Minuten. Vermutlich seien hunderte Personen in seiner Lage, doch die meisten wagten sich nicht zu wehren.

Gutscheine besser rasch einlösen

Laut Konsumentenschützerin Stalder ist klar, dass mit Gutscheinen immer ein gewisses Risiko verbunden ist, besonders von Gastrobetrieben oder Boutiquen – beides Branchen mit häufigen Wechseln oder Konkursen. «Es ist darum ratsam, Gutscheine rasch zu nutzen.» Fair wäre laut Stalder gewesen, OVS hätte die Kunden zum Einlösen der Gutscheine aufgerufen und eine letzte kurze Frist gewährt.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • sigi am 07.06.2018 19:07 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Bravo Herr Waber, ich finde Ihre Aktion richtig.

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  • Kristof am 07.06.2018 19:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    OVS soll nicht rumheulen!

    Finde ich richtig so! Hoffe der Kunde bekommt seine eingekauften Kleider. Wer Gutscheine ausstellt, die er nicht mehr einlösen kann, ist selbst schuld.

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  • Rösli Hösli am 07.06.2018 19:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sauerei

    Ich habe meine OVS Karte inkl. Gutschein schon entsorgt. Es sollte niemand mehr in diese Läden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Roland Bühlmann am 09.06.2018 16:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unnötig in allen Belangen

    Diese Geschichte ist eine unnötige Randnotiz, wenn man an das Schicksal der betroffenen Mitarbeitenden denkt. Und das Verhalten von Herrn Waber möchte ich in Anbetracht der ihm bekannten Umstände nicht kommentieren. Halt eben unnötig...

  • Elmar Sperger am 09.06.2018 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Es darf gestohlen werden

    Man sollte die Gutscheine verbieten. Ich bezahle 100.- Fr. und bekomme nichts mehr. Das Geschäft hat mir 100.- Fr. gestohlen.

  • tt am 09.06.2018 06:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    diese 100.- sind bereits bezahlt

    Ähm, ovs hat das geld von den Gutscheinen bereits, resp. Diese waren wurden bereits bezahlt und somit hat dieser herr absolut richtig gehandelt. Ausländische Firmen können in der schweiz tun und machen was sie wollen. Und unsere Regierung schaut einmal mehr einfach nur zu.

    • Sam am 09.06.2018 12:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @tt

      Hauptsache das rassistische Statement konnte auch hier abgegeben werden.

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  • Burton1224 am 08.06.2018 20:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Leser

    Gutscheine sind gesetzlich dem Bargeld gleichgestellt warum dürfen die also die Gutscheine nicht mehr annehmen in der Nachlassstundung? Bitte mur Seriöse Anworten bekomme momentan nur Behauptungen. Gesetzesartikel würde mir helfen danke

    • Tulip82 am 29.06.2018 23:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Burton1224

      Weil es die Bevorzugung eines Gläubigers wäre. Art. 167 StGB

    • Norm Alo am 30.06.2018 11:03 Report Diesen Beitrag melden

      Art. 2 WZG

      @Burton1224: Gutscheine sind gesetzlich durchaus NICHT dem Bargeld gleichgestellt, darum sind es ja Gutscheine ;-) Art. 2 WZG

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  • 807687 am 08.06.2018 20:06 Report Diesen Beitrag melden

    Ich weiss,

    warum ich nicht in solchen Läden einkaufe.