Finanzen ausser Kontrolle

01. Dezember 2016 12:49; Akt: 01.12.2016 12:49 Print

Weniger Schulden dank Lohnabzug für Steuern?

von Mira Weingartner - Steuerrechnungen bringen viele Personen aus dem finanziellen Gleichgewicht. Was wäre, wenn das Geld direkt vom Lohn abgezogen würde?

Bildstrecke im Grossformat »

Fehler gesehen?

Keine finanzielle Reserve für den Zahnarzt, fehlende Übersicht über den Konsum mit Kredit- und Kundenkarte: Laut einer aktuellen Umfrage von Intrum Justicia ist bei 14 Prozent der Befragten die persönliche Finanzlage ausser Kontrolle. Gerade bei den Steuern seien viele Bürger administrativ überfordert und würden so den Überblick verlieren, sagt auch Sébastien Mercier von der Schuldenberatung Schweiz. Dies sei einer der Gründe, wieso sich bei rund 80 Prozent seiner Klienten Steuerschulden anhäuften.

Umfrage
Sollen die Steuern direkt vom Lohn abgezogen werden?
66 %
11 %
22 %
1 %
Insgesamt 13300 Teilnehmer

Besonders Jugendliche treffe die Summe ihrer definitiven Veranlagung oft überraschend und mit voller Wucht: «Sie sind zu wenig darüber informiert, wie hoch ihre Steuerrechnung tatsächlich ausfallen wird.» Viele seiner Klienten würden darum den Wunsch äussern, dass die Steuern direkt vom Lohn abgezogen werden. «Sie sagen, so hätten sie all ihre Probleme gar nicht erst bekommen», so Mercier.

Jahrelanges Politikum

Während etwa bei den deutschen Nachbarn die Steuern bereits vom Lohn abgezogen werden, ist dies in der Schweiz erst ein vieldiskutiertes Politikum. SP-Nationalrätin Margrit Kiener Nellen setzte sich für «die Ermöglichung eines freiwilligen monatlichen Direktabzugs der Steuern vom Lohn» ein. Parteikollege und Alt-Nationalrat Rudolf Rechsteiner will in Basel-Stadt bewirken, dass Arbeitgeber Steuern direkt vom Lohn abziehen. Während die Motion von Kiener Nellen aus dem Jahr 2014 nicht fruchtete, ist bei den Baslern ein definitiver Entscheid derzeit noch hängig. «In Basel stecken jährlich 10'000 Leute in Steuerschulden», so Rechensteiner. Dies betreffe Steuerzahler aus sämtlichen Schichten – «es sind in erster Linie Personen, die finanziell nicht strukturiert denken.» Die Betroffenen gerieten so in eine echte Notlage, der Kanton gleichzeitig in einen Leerlauf, der mit viel Aufwand verbunden sei.

«Weniger Leid für Steuerzahler»

Schuldenberater Mercier unterstützt das Vorhaben der Politikerin – die Verschuldung von Privatpersonen könne somit stark reduziert werden. Auch hätte eine solche Praxis weitere positive Nebeneffekte: «Der stetige Druck, der auf vielen Steuerzahlern lastet, wird wegfallen. Viel Leid könnte so verhindert werden.»

Wer verschuldet sei, bezahle oft als Erstes seine Wohnung, das Auto und Kredite. Der Staat sei als Gläubiger in der Regel geduldiger als die Privatwirtschaft. «Dennoch gelangen die Betroffenen so in eine Negativspirale.»

Mercier geht noch einen Schritt weiter: Könnten nicht auch die Krankenkassenprämien in den Lohnabzügen aufgeführt werden? Zweitgrösster Schuldentreiber der Schweizer sind nämlich die monatlichen Rechnungen der Gesundheitsversicherungen.

«Bevölkerung nicht bevormunden»

Von bürgerlicher Seite her spricht man von «Bevormundung», oder etwa «unnötigem Mehraufwand der Arbeitgeber». FDP-Nationalrat und Mitglied der Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben (WAK) schwebt ein Mittelweg – eine optionale Lösung – vor: «Für Verschuldete wäre es sicher eine Lösung, wenn sie ihre Steuerausgaben direkt vom Lohn abziehen lassen könnten.» Doch finde er es heikel, der gesamten Bevölkerung die Herrschaft über das eigene Cash-Management abzunehmen. «Die Bevölkerung soll weiterhin die Verantwortung über die eigenen Finanzen tragen können.»

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roman am 01.12.2016 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    ÜBERFÄLLIG!!!

    Das ist längst ÜBERFÄLLIG, aber leider schlafen einige Leute in diesem Land oder sind nicht Volks nah wie Sie es immer Verakufen.

    einklappen einklappen
  • Walter Noel am 01.12.2016 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Gute alte Schweitz

    Ist in den Skandinavischen Ländern so, bekannte von dort sagen, es sei viel besser. Das Geld was man verdiene, gehöre dört auch einem :) !

  • mr. nice guy am 01.12.2016 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    wird nicht passieren

    der staat will ja dass wir die steuern zu spät bezahlen, das gibt schöne mahnzinsen, zinseszinsen, etc, etc...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Philipp am 02.12.2016 16:07 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz will Steuerverluste einfahren

    Es ist ganz im Sinner der Schweizer Politik, dass viele Leute Steuerschulden haben. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass die Schweiz freiwillig auf Steuergelder verzichtet. Und die blöde Ausrede, dass es zu kompliziert ist und Arbeitsplätze kostet, kann ja wohl kaum stimmen, denn sonst hätte Deutschland (ca. 82 Mio. Einwohner) und die USA (über 320 Mio. Einwohner) dies ja wohl auch nicht eingeführt. Aber eben: warum einfach wenn es kompliziert und mit Verlusten auch geht.

    • Michi am 02.12.2016 18:27 Report Diesen Beitrag melden

      Invasion

      "Ja,aber wir wollen doch nicht vom Staat bevormundet werden !"Darum wird es nicht eingeführt ,die Angst ist zu gross ,weshalb ist mir ebenfalls schleierhaft.Verschwörungstheorien sind wahrscheinlich der Grund! Der heimliche Übernahme unsere Gedanken,Gepflogenheiten und und und ......kann auch einiges dazuschreiben;)

    einklappen einklappen
  • Domi am 02.12.2016 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    Wäre froh drum

    Ich wäre froh, würden mir die Steuern direkt vom Lohn abgezogen. Dann müsste ich mir darum keinen Kopf mehr machen. Meine Steuerverwaltung akzeptiert nämlich keine monatlichen Akonozahlungen. Nervt mich schon länger. Klar kann ich das Geld auch sparen, aber es wäre für mich halt eine Entlastung nicht mehr daran denken zu müssen. Hab nämlich noch tausend andere Sachen im Kopf. Ausserdem, wenn die Steuern direkt abgezogen würden, wären vieleicht auch die Steuererklärungen endlich rechzeitig bei der Gemeinde. Ohne Steuererklärung, keine Rückerstattung :-) - Und keine Steuerausfälle mehr.

  • P.S. am 02.12.2016 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Kantönligeist

    Habe bei den Kommentaren gesehen, dass viele dafür oder dagegen ist. Ich denke das Hauptproblem liegt darin, dass wir kein einheitliches Steuersystem haben. Jeder Kanton rechnet den Berechnungszeitraum anders, Gemeinde habe die Hoheit über die Gemeindesteuer, Kantone über die Staatssteuer. Wir haben unterschiedliche Steuertarife. Ich denke es bräuchte ein einheitliches, gesamtschweizerisch funktionierendes System, bevor wir überhaupt von monatlichen Direktabzügen vom Lohn sprechen.

    • Soziologe Meier am 02.12.2016 12:23 Report Diesen Beitrag melden

      Manipulation Freiheit

      Dem Plebium gar keine Eigenentscheidungen mehr zugestehen, morgens mit dem Zug, abends mit dem Zug, Miete, KK, Steuern, Alles schon abgezogen, für Konsum, auch schon abgezogen, der Roboter erwacht im Menschen. Der Arbeiter wird solange gemolken, bis er nur noch knapp was hat, die Mieten werden so hoch gezogen, das gerade noch Mietfähig.

    • Phil Dill am 02.12.2016 12:30 Report Diesen Beitrag melden

      @P&S und Soz. Meier

      Und wo ist jetzt das Problem bei der Steuerhoheit?, bei der Quellensteuer gehts ja auch...und eine vereinfachte Steuererklärung müsste man ja immer noch ausfüllen Ende Jahr. Es geht hier nicht drum jemanden was wegzunehmen oder mehr zu besteuern sondern eine Hilfe für jeden einzelnen.

    einklappen einklappen
  • Walter R am 02.12.2016 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr schädlich...

    Ich bin überzeugt, Lohnabzug für Steuern wäre das schlimmste was uns passieren könnte, denn das hätte zu Folge, dass unselbständig Erwerbende, die keine Spitzenlöhne verdienen, ihren übrigen finanziellen Verpflichtungen erst recht nicht mehr nachkommen könnten und erst recht aus dem finanziellen Gleichgewicht gebracht und in die Schuldenfalle getrieben würden.

    • HR-Leiter am 02.12.2016 12:32 Report Diesen Beitrag melden

      @Walter R

      Und wie kommen Sie auf eine solche Aussage, belegen sie doch mal Ihren Standpunkt statt einfach Polemik zu betreiben ohne dass man genau versteht, wie das laufen soll.

    • Sabä am 02.12.2016 13:51 Report Diesen Beitrag melden

      @ Walter R.

      Kann ihre Aussage nicht ganz nachvollziehen. Denn die Steuern sind so oder so geschuldet, ob sie nun jeden Monat direkt vom Lohn abgezogen werden oder jeder selber die Verantwortung hat seine Steuern zu bezahlen.

    einklappen einklappen
  • Karl am 02.12.2016 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Quellensteuer ist super

    Es steht ein Nettobetrag und den hat man auch sicher, damit kann man doch sehr gut rechnen. Am Ende des Jahres kann man gewisse Dinge in einer kurzen und einfachen Steuerkorrektur zurückfordern und erhält so im besten Fall noch eine Rückzahlung. Das hat gar nichts mit Bevormundung zu tun, es ist einfach ein anderes System und hilft vor allem in Extremfällen Verschuldung zu vermeiden. Ein Beispiel sind Sozialfälle die am Ende des Jahres kein Geld mehr für die Steuer haben!

    • Ernst am 02.12.2016 10:41 Report Diesen Beitrag melden

      gar nicht super

      Dass von den mickrigen Sozialleistungen auch noch Steuern bezahlt werden müssen - zynischer gehts nicht mehr.

    • jasmin am 02.12.2016 10:44 Report Diesen Beitrag melden

      klar....

      klar hat es mit bevormundung zu tun KARL. es ist ein system bei dem das volk bevormundet wird. wissen sie was eigenverantwortung ist? schritt für schritt wird die eigenverantwortung abgebaut bis wir in einer linken dikatur sind.......

    • Karl am 02.12.2016 13:10 Report Diesen Beitrag melden

      Eigenverantwortung lachhaft

      Zunächst einmal lieber Ernst, es muss auch am Ende des Jahres die Steuer gezahlt werden. Das Problem, wer als Sozialfall kein Geld hat gerät in die Schuldenfalle und kommt nicht mehr raus. Liebe Jasmin, was hat das mit Bevormundung zu tun? Man muss die Steuer ohnehin zahlen, ob nun am Ende des Jahres oder monatlich spielt in Bezug auf die Abgabe selbst keine Rolle. Sie verstecken sich immer nur hinter der alten Floskel der Eigenverantwortung und halten den Fortschritt aus!

    einklappen einklappen