Tückisch: Liebe & Arbeitsplatz

19. Februar 2011 12:03; Akt: 19.02.2011 12:05 Print

Wenn Amors Pfeil Mitarbeitende trifft

von Gérard Moinat - Jeder Zehnte hat wegen einer Beziehung schon die Arbeitsstelle gewechselt. Dieses Umfrageergebnis in Deutschland dürfte auch für die Schweiz zutreffen. Welche Regeln zu beachten sind.

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Andernorts verpönt, in diesem Fall aber sogar erwünscht: Zärtlichkeiten des US-Präsidentenpaars. (Bild: Keystone)

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Bei fast jedem vierten unserer nördlichen Nachbarn hat es zwischen Kantine und Kopierer schon einmal gefunkt. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1300 Fach- und Führungskräften in Deutschland. Durchgeführt hat die Erhebung die Online-Jobbörse Stepstone.

Doch die Liebe am Arbeitsplatz führt häufig zu Interessenkonflikten: Neun Prozent der Deutschen sollen wegen ihr schon einmal eine neue Arbeitsstelle gesucht haben, so das Ergebnis der Umfrage.

«Liebe am Arbeitsplatz ist auch in der Schweiz ein heikles Thema», bestätigt Susanne Kuntner, Geschäftsführerin und Inhaberin der Personalberatung «mein job». «Nur allzu häufig entstehen Spannungen oder Unfrieden am Arbeitsplatz, wenn sich Paare bilden.»

Schweizer müssen noch mehr aufpassen

In Deutschland und Österreich sei das Arbeitsklima deutlich formeller als hierzulande, «wo es freundschaftlicher zu und her geht», warnt Margret Omlin, Partner der Kaderselektionsfirma Jörg Lienert. «Um so mehr stellt sich für Schweizer die Frage: Bis wohin geht Freundschaftlichkeit, wo beginnt eine Liebesbeziehung?»

Zahlreiche Unternehmen kennen deshalb firmeninterne Regeln, für den Fall, dass ernsthafte Beziehungen entstehen, sagt Ruedi Winkler, Inhaber der gleichnamigen Personal- und Organisationsentwicklungsfirma. «Deren juristische Durchsetzbarkeit stösst beim Personenrecht allerdings an ihre Grenzen.»

Vor allem grosse Schweizer Firmen sähen in ihren Personalreglementen beispielsweise vor, dass Mitarbeiter den Bereich wechseln müssen, sollte eine ernsthafte Beziehung auftreten. «Die strengsten Klauseln besagen sogar, dass Liebespaare die Firma verlassen müssen», so Winkler. Gerade bei Verhältnissen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen sei das der Fall. «Ich hatte auch schon solche Klienten.»

Je höher, desto problematischer

Einen prominenten Fall dieser Art gab es letztes Jahr, als der Chef des US-Computerriesen Hewlett-Packard über eine «enge private Beziehung» mit einer externen Mitarbeiterin stolperte. Der seit 2005 an der HP-Spitze stehende Mark Hurd verstiess damit gegen den HP-Verhaltenskodex und musste zurücktreten.

«Je höher die Funktion, desto heikler ist das Thema Liebe am Arbeitsplatz», unterstreicht Kuntner. Gerade bei Beziehungen zwischen Personalverantwortlichen und Untergebenen oder zwischen Kaderkollegen empfehle sich häufig ein Arbeitgeber-Wechsel. «Denn bei Personalverantwortlichen wäre die Geheimhaltung diverser Internas wohl nicht mehr gewährleistet.»

Viele wüssten zwar zwischen Beruf und Privat zu trennen, sagt Winkler. Problematisch sei aber, wenn jemand von der Liebe übermannt wird und Geschäftsentscheide beeinflusst werden. Auch Kuntner sind Fälle von Personen bekannt, die ihre Macht ausspielen, weil sie beispielsweise mit dem Chef liiert sind. «Derartige Konstrukte können zu enormem Unfrieden führen und ganze Abteilungen sprengen.»

Lange Telefonate, Mails und Zärtlichkeiten unterlassen

Auch Omlin weiss von ihren Auftraggebern, dass Liebe am Arbeitsplatz hin und wieder ein Thema ist. «Kein Wunder: Der Arbeitsplatz ist der Ort, wo man Menschen bestens kennenlernt.» Wo verbringe man schliesslich mehr Zeit, als bei der Arbeit.

Ihr Ratschlag, wenn Armors Pfeil einen beim Job trifft, ist: Die Geschichte von Beginn an auf den Tisch legen. «Denn sehr bald wissen es so oder so alle.» Die Energie, die man zur Vertuschung aufwende, setze man besser zum Arbeiten ein. Bei hierarchie-übergreifenden Beziehungen kann es nützlich sein, klare Spielregeln zu definieren. «Dann kann eine Beziehung unter Mitarbeitern absolut problemlos sein», so Omlin.

Das heisse aber gemäss Kuntner nicht, dass man aus Beziehungen sofort eine grosse Show macht. «Verliebt man sich am Arbeitsplatz, sollte die Beziehung in einer ersten Phase, solange es sie noch unverbindlich ist, nicht an die grosse Glocke gehängt werden», rät die Expertin. Vielmehr seien Diskretion und Abstand nötig: Gerade lange Telefonate, Mails, sich dauernd auf dem Gang begegnen, Zärtlichkeiten auszutauschen — all das gelte es zu unterlassen.