Ghosting

22. Januar 2019 09:37; Akt: 22.01.2019 14:09 Print

Wenn Mitarbeiter einfach verschwinden

von Dominic Benz - Einfach nicht mehr beim Job erscheinen – das sogenannte Ghosting verbreitet sich. Experten warnen vor einem solchen Verhalten.

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Auf Dating-Plattformen ist es ein weit verbreitetes Phänomen: Ghosting. Darunter versteht man den plötzlichen Kontaktabbruch zum potenziellen Partner ohne eine Erklärung. Nun taucht das Verhalten in der Arbeitswelt auf.

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Würden Sie einfach nicht mehr zur Arbeit gehen?

Die US-Notenbank FED weist in ihrem Konjunkturbericht vom November darauf hin, dass etliche Firmen sich über Arbeitnehmer beschweren, die von einem Tag auf den anderen dem Job ferngeblieben und spurlos verschwunden sind. Auch in Japan ist das Phänomen verbreitet – und wird gar zu einem Geschäft, wie die BBC schreibt.

Firma mit Kündigungsservice

So bietet das Start-up Exit für eine Gebühr von umgerechnet rund 460 Franken einen massgeschneiderten Kündigungsservice an. Er soll Angestellte entlasten, die von heute auf morgen nicht mehr arbeiten wollen und sich vor dem Gespräch mit dem Chef drücken. Dieses übernimmt dann die Firma.

An Aufträgen mangelt es nicht. Exit hat laut eigenen Angaben in den letzten eineinhalb Jahren über 1500 aufgetragene Kündigungen vollzogen. Firmen-Gründer Yuichiro Okazaki vermutet, dass es in Japan rund 30 Unternehmen gibt, die einen ähnlichen Service anbieten.

Sind Sie plötzlich nicht mehr am Arbeitsplatz erschienen? Warum und welchen Grund haben Sie genannt?

Tod vorgetäuscht

In einem Fall hat eine beauftragte Firma gar den Tod des plötzlich verschwundenen Mitarbeiters vorgetäuscht. Die Lüge wurde allerdings kurze Zeit später entlarvt. Zwar sei das ein extremer Fall, schreibt die BBC. Dennoch scheine der abrupte Kontaktabbruch zum Arbeitgeber auf dem Vormarsch zu sein. Vor allem dann, wenn jemand nicht seine Kündigungsfrist absitzen will, weil er bereits einen neuen Job gefunden hat.

Bekannt war bisher, dass sich Firmen etwa nach Bewerbungsgesprächen oder gar nach einem Probetag plötzlich nicht mehr beim Bewerber melden. Dass Angestellte sich so verhalten, ist eher neu. Wie Chris Gray vom Personaldienstleister Manpower zu BBC sagte, sei das ein Symptom für den boomenden Arbeitsmarkt in Industrieländern. Besonders die niedrige Arbeitslosenrate in den USA und Grossbritannien erlaube es den Arbeitnehmern, «einfacher auf ein anderes Pferd zu setzen».

«Ehrlich währt auch hier am längsten»

In der Schweizer Arbeitswelt scheint Ghosting noch kein Trend zu sein (siehe Interview). Personalexperte Matthias Mölleney kennt zudem keine Firma hierzulande, die einen Kündigungsservice anbietet. Allerdings gebe es in Europa den Trend, dass man nicht mehr fest angestellt sein wolle. «Vor allem Jüngere und auch qualifizierte Fachkräfte wollen häufig stundenweise bezahlt werden», sagt er zu 20 Minuten. Sie wollten dadurch mehr Freiheiten haben und nur dann arbeiten, wenn sie Lust dazu hätten.

Der Personalexperte Michel Ganouchi von der Firma Recruma rät davon ab, einfach der Arbeit fernzubleiben. Wer schnell von einem Arbeitgeber wegwolle, solle kündigen und hoffen, dass man schnellstmöglich freigestellt werde. «Das ist aber eher selten und abhängig von der Funktion, die man ausführt», so Ganouchi. Ein direktes Gespräch mit dem Vorgesetzten oder der Personalabteilung, in der man seine Situation transparent schildert, sei immer noch die beste Lösung. Vielleicht finde man eine Einigung, etwa in Form eines Aufhebungsvertrags, der beide Seiten gleichermassen zufriedenstellt. «Ehrlich währt auch hier am längsten», so der Experte.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paul W. am 22.01.2019 09:54 Report Diesen Beitrag melden

    Chefs

    Ich musste das bei meiner letzten Stelle machen da mein Chef ein Psychopat war der handgreiflich werden wollte. Die ganze Leitung hat ihn beschützt und ich hatte keine Chance ein Gespräch zu suchen. In solchen Fällen sage ich: selber schuld. Es gibt unfassbar viele Psychopathen in Chef Funktionen.

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  • Martin am 22.01.2019 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin auch

    Ich bin auch mal nicht mehr zur Arbeit. An einem Freitag wurde uns erklärt dass wir alle 45 Stunden arbeiten sollen für weniger Lohn, statt den vereinbarten 40 Stunden. Dann blieb die Lohnzahlung aus und wir wurden hingehalten. Der Besitzer der Firma protze darauf mit einem neuen, sehr teuren Sportwagen. Da platzte mir der Kragen und ich ging nicht mehr Arbeiten.

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  • Bobby am 22.01.2019 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Kurz davor

    Ich bin kurz davor auch nicht mehr Arbeiten zu gehen. Ich warte noch immer auf den Dezember Lohn + 13. Monatslohn. Aber Hauptsache weiter Fordern und laut werden wenn man 10min später kommt....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Cembro am 25.01.2019 16:42 Report Diesen Beitrag melden

    Firmen tun das auch

    Wenn eine Firma mich freistellt, hat sie mich gewissermassen auch "geghostet". Darum sehe ich da kein Problem. Es ist zwar unsympathisch, aber eben - nicht unsympathischer als das, was die Arbeitgeber tun.

    • Etienne am 26.01.2019 00:12 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht ganz...

      Wenn dich eine Firma freistellt, dann bekommst du bis Ende Kündigungsfrist deinen Lohn und musst nicht mal dafür arbeiten. Ghosting von der Firma wäre eher, wenn sie dich von einem Tag auf den anderen nicht mehr reinlassen und den Lohn nicht mehr bezahlen würden.

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  • Chris am 24.01.2019 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts Neues

    Gab's vor 40 Jahren schon. Manchmal verschwinden auch Chefs spurlos.

  • Luzerner am 24.01.2019 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Hasta la vista bb

    Ist bei uns leider auch schon vorgekommen, haben es aber bei der Person im Voraus gewusst, dass die geht und sich nicht mehr blicken lässt. Einfach ein absolut kindisches Verhalten meiner Meinung nach.

  • Geht nicht am 24.01.2019 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    psychopathen

    Ich bin auch kurz davor. Nach Jahren von loyalem Arbeitseinsatz und nie krankgemacht werde ich nach dem Mutterschutz gekündigt.

    • asdf am 24.01.2019 12:52 Report Diesen Beitrag melden

      geht sehr wohl

      Arbeitgeber sind nicht dazu verpflichtet Mütter nach dem Mutterschaftsurlaub wieder unbefristet einzustellen.

    • Chefin und Mutter am 27.01.2019 08:22 Report Diesen Beitrag melden

      Deine Entscheidung

      Ich nehme an, du wolltest in einem kleineren Pensum weiterarbeiten. Das ist fürs Unternehmen nicht immer passend. Vielfach ist die Kündigung sachlich gerechtfertigt. Schliesslich hast du die Voraussetzungen geändert, vergiss es nicht. Kind kann mal auch in der Krippe oder mit Papa zuHuase überleben. Doch die Schweiz kapiert es noch nicht. Warum dabei über Psychopathen geredet werden muss, verstehe ich nicht.

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  • Benjamin am 24.01.2019 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Chef ist Schuld

    Hab ich auch schon gemacht. Der Chef wollte dass ich das ganze Wochenende arbeite, nur weil er der Zentrale wieser Versprechungen gemacht hat, die er nicht einhalten kann. Daraufhin bin ich einfach nicht erschienen und er konnte es selbst machen. Unsere Generation lässt sich nicht so ausnutzen wie die letzte, wenns uns nicht mehr passt dann gehen wir!

    • Knalltüte am 24.01.2019 12:39 Report Diesen Beitrag melden

      wärst du ein ganzer Mann

      wärst du vor deinen Chef hingestanden und hättest "Nein, das mache ich nicht, sorry!" gesagt, und nicht zuerst ja oder gar nichts gesagt und dann nicht kommen. Ein Mann steht zu seinem Wort und meint was er sagt. Das kennt eure Wischiwaschi-Generation halt nicht mehr.

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