Düstere Finanz-Aussichten

16. September 2011 11:21; Akt: 16.09.2011 12:33 Print

Wie damals – nur schlimmer

von S. Spaeth - Vor drei Jahren kollabierte Lehman Brothers und erschütterte das Weltfinanzsystem. Heute steht die Finanzwelt vor dem nächsten Crash – nur ist der totale Kollaps diesmal wahrscheinlicher.

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Drei Jahre nach der Pleite der US-Bank Lehman-Brothers stehen französische Banken mit dem Rücken zur Wand. (Bild: Keystone)

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Die grossen weltgeschichtlichen Tatsachen würden sich einmal als Tragödie, das andere Mal als Farce ereignen, schrieb der Philosoph und Ökonom Karl Marx. Vor drei Jahren rasselte die damals drittgrösste Investmentbank der Welt in die Pleite. In der Finanzwelt herrschte im Herbst 2008 Panik. Diese Woche sagte Deutsche-Bank-Chef Joe Ackermann auf einer Tagung in Frankfurt, dass ihn die heftigen Kursstürze der letzten Wochen an die Zeit von 2008 erinnerten.

Drei Jahre nach dem grössten Kurssturz an der Wall Street seit 1929 bangt man wieder um Banken – diesmal aber um jene Frankreichs. Die Bonitätswächter von Moody’s haben die Kreditwürdigkeit von Crédit Agricole und Société Générale heruntergestuft. Der Grund: Ihre Bücher sind randvoll mit maroden griechischen Staatsanleihen – und Crédit Agricole ist sogar direkt an verlustbringenden griechischen Banken beteiligt.

Arg in der Bredouille soll sich auch die französische Bank BNP-Paribas befinden. Das «Wall Street Journal» zitierte eine Aussage eines namentlich nicht genannten Manager, wonach sich das Finanzinstitut keine US-Dollars mehr bei anderen Marktteilnehmern leihen könne. Selbstverständlich dementierten die Franzosen das Gerücht um Refinanzierungsprobleme energisch. Der Kurs taucht trotzdem. Innerhalb der letzten drei Monate haben die Aktien der französischen Bank 47 Prozent ihres Werts verloren.

Banken misstrauen einander

«Es gibt erschreckende Parallelen zwischen der Zeit vor dem Lehman-Crash und heute», sagt der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann im Gespräch mit 20 Minuten Online. Erneut gebe es Probleme auf dem Interbankenmarkt. Die Finanzinstitute misstrauen einander. Sie bringen ihr Geld über Nacht lieber zur Europäischen Zentralbank, als es einer Geschäftsbank auszuleihen. Die Einlagen sind diese Woche zwischenzeitlich auf ein 14-Monats-Hoch geklettert. Und leihen sich die Banken trotzdem Geld, dann zu teureren Konditionen. Diese Woche stieg der Libor – der Zinssatz für Leihgeschäfte unter den Banken – auf ein Rekordhoch.

Die Furcht vor dem nächsten Crash zeigt auch die jüngste Massnahme der Notenbanken. Um den austrocknenden Geldgeschäften unter den Geschäftsbanken entgegenzuwirken, beschlossen die Notenbanken der USA, Japans, Englands und der Schweiz am Donnerstag, in einer gemeinsamen Aktion die Dollar-Liquidität ausserhalb der USA zu erweitern. Die Massnahme gilt vorerst für die kommenden drei Monate.

Zwar reagierten die Börsen kurzfristig positiv; Frankreichs Problem ist damit aber nicht gelöst. Sollte die Schuldenkrise Griechenland in die definitive Zahlungsunfähigkeit treiben, wackeln Frankreichs Banken gefährlich. «Es kommt nicht von ungefähr, dass der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy einer der grössten Befürworter eines erweiterten europäischen Rettungsschirms ist», sagt Wittmann. Allein die Grösse der Bilanzsummen der angeschlagenen Banken Société Générale und BNP Paribas dürfte «Monsieur le Président» die Schweissperlen auf die Stirn treiben: Sie sind grösser als die jährliche Wirtschaftsleistung Frankreichs.

Erneut too big to fail

«Solche Banken untergehen zu lassen ist eigentlich undenkbar», sagt Wittmann. Sie würden wohl vom französischen Staat oder der französischen Nationalbank gerettet. Damit wäre das Problem aber höchstens verschoben: Die Gelder für die Bankenrettung würden der französischen Staatsschuld angerechnet – und könnten Frankreich die Triple-A-Bonität definitiv entziehen. Seit der Zurückstufung der US-Bonität munkeln Analysten und Ökonomen immer wieder, dass es auch der Bonität der «Grande Nation» an den Kragen gehen könnte.

Sollte Frankreich – mit 17 Prozent am milliardenschweren Rettungsschirm beteiligt und eigentlich auf der Seite der Helfer in der Eurokrise – selbst in Schieflage geraten, sind weitere Rettungsaktionen für Griechenland, Portugal & Co. in Frage gestellt.

«Kollaps ist wahrscheinlicher»

Sorgen macht Wittmann auch das zuletzt stark gestiegene Volumen an spekulativen Finanzprodukten: Diese Entwicklung habe man schon vor dem Crash der Bank Lehman Brothers festgestellt. Laut dem Wirtschaftsprofessor bildet sich diesmal eine noch viel grössere Blase. Sollte sie mitten in der Schuldenkrise platzen und Banken ins Trudeln bringen, sieht er schwarz. Womöglich könnten die Staaten diesmal nicht schnell genug einspringen und Schlimmeres verhindern: «Der Kollaps des Weltfinanzsystems ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher als vor drei Jahren», sagt Wittmann.

Zurück zum eingangs erwähnten Karl Marx: Womöglich hatte der 1883 verstorbene Ökonom auch mit seiner Annahme recht, dass sich der Kapitalismus selbst zerstöre.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Arda Aslan am 16.09.2011 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Karl Marx

    Wäre Karl Marx noch am Leben, hätte er den Sozialismus modernisiert! An das denken die Meisten Leute wieer nicht. Er war überzeugter Sozialist und ein besserer Mensch als die meisten Kapitalisten.

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  • monetative am 16.09.2011 15:48 Report Diesen Beitrag melden

    Geldschöpfung aus dem Nichts

    Geschäftsbanken haben das privileg Geld aus dem Nichts zu schöpfen. Ca. 90% des gesammten Geldes wurde von Geschäftsbanken sozusagen erfunden, durch eine einfche Buchung: Herr Müller will einen Kredit, also erhält er 100'000 auf sein Konto, während die Bank nichtmal 10'000 hat. Versteht man die Dynamik des Zinseszinses, so weiss man, dass das nicht lange funktionieren kann! Die "monetative" (googlen danach) will diesem "Treiben" ein Ende bereiten, und das Recht auf Geldschöpfung wieder zurück in die Hände des Staates holen, durch eine Vollgeld-Reform. Diese Idee erhält immer mehr Zulauf!

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  • Melanie Gatzke am 17.09.2011 06:02 Report Diesen Beitrag melden

    Die Menschen ruinieren sich selber.

    hallo Hopp Marx Nein ich schäme mich gar nicht, dass ich den Kapitalismus in Frage stelle. ------------ heute muß man alles auf den Prüfstand stellen-was taugt und was nicht. Aber, zuerst sollten wir auch mal "den Menschen" auf den Prüfstand stellen. Er ruiniert jedes SYSTEM. Er sucht und findet überall Wege für seine schier unbegrenzte kriminelle Energie und realisiert sie ohne Rücksicht auf Verluste. Klare Gesetze und Grenzen der Handlungsfreiheit im Finanzsektor wären erforderlich. Haben wir aber nicht. Jeder tut was er will. Freiheit ist gut, der Missbrauch jedoch verheerend.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter am 17.10.2011 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wann wachen wir auf?

    Persönlich habe ich nur ein paar wenige Fragen: Wo zum Teufel ist das ganze Geld hin? Warum lassen sich die Milliarden nicht nachverfolgen wohin sie geflossen sind? Zum grossen Teil wurde nur virtuelles Geld vernichtet, dieses dann mit reellem Geld (Steuergeld) gedeckt - Es sind unsere weltweiten Pensionsgelder die dieses Spielkasino erst ermöglichen! Habe diese sogenannten "Investoren" einen Namen? Ich meine jetzt nicht Sarros oder Buffet. Die Finanztransaktionen gehören besteuert wie Grundstücksverkäufe - erst dann hört das zocken auf und wir "INVESTIEREN" wieder.

  • Peter am 17.10.2011 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    @was soll das

    Man nennt das "Einpreisen". Viele schlechte Nachrichten und dann ein paar gute. Dann reagieren die "Märkte" nicht ganz so hektisch wenn die schlechten Nachrichten endlich wahr werden. Augenwischerei fürs gemeine Volk. Es ist deren Erspartes das man will...

  • wassolldas am 21.09.2011 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ratingagenturen giessen Öl ins feuer...

    Was soll eigentlich diese Massenhysterie an den Märkten? Kaum geht ein Gerücht um spinnen alle komplett. Eine Agentur stuft die Kreditwürdigkeit herunter, damit steigen die Zinse und die Lage verschlimmert sich nur noch mehr.. Die Börsianer sollten mal mehr ihren gesunden Verstand benutzen anstatt wie Schafe allen anderen hirnlos hinterher zu rennen! Die Lage wäre gar nicht so schlimm wenn nicht immer die Medien heulen würden dass wir alle in einem riesigen Kollaps unsere Jobs verlieren, mit dieser Methode reiten wir uns selber ja immer tiefer hinein.

    • wahrsager am 21.09.2011 18:29 Report Diesen Beitrag melden

      Schreib- und Sprechverbote

      nützen niemanden. Und die Lage änder sich auch nit, wenn darüber weder geschrieben noch gesprochen wird. Die Finanzmärkte kollabieren so oder so, ob darüber geschrieben wird oder nicht.... Und: Die Rating Agenturen giessen kein Öl in das Feuer. Vielmehr bewerten sie die Aussichten für die Zukunft. Die Fehler sind in der Vergangenheit gemacht worden.

    • Supermario am 23.09.2011 14:05 Report Diesen Beitrag melden

      Sagenhaft wie einfach :-)

      Jetzt sind womöglich auch noch die Börsianer daran schuld, dass die Griechen nicht in der Lage sind einen mehr oder weniger gesunden Haushalt auf die Beine zu stellen. Auch die Ratingagenturen - obwohl deren Eigenständigkeit bisweilen auch angezweifelt werden kann - reflektieren höchsten Zustände, welche bereits Geschichte sind. Natürlich ist es nicht schön, wenn die eigene Firma an den Pranger gestellt wird; verantwortlich für die Misere sind aber sicher nicht die Ratinggesellschaften.

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  • Heinz Marthaler am 17.09.2011 14:31 Report Diesen Beitrag melden

    Lektion

    Die heutigen Generationen des Mainstreams werden lernen / entdecken was Bescheidenheit, Dehmut und soziales Denken ist. Wir wollen nicht den ungebremsten Casinoegokapitalisums; wir wollen eine vernünftige soziale Marktwirtschaft mit Chancen !

  • Dr. Dax am 17.09.2011 11:10 Report Diesen Beitrag melden

    Geringes Volk muss Milliardäre retten.

    Es ist doch einfach unglaublich. Da verprassen und verzocken die höchsbezahlten Menschen dieses Universums das gesamte Menschheitsvermögen und die Regierungen dieser Welt kommen überein, dass die Geringstverdiener (Arbeiter-/innen) mit ihrem jämmerlichen Restvermögen für die Sicherung der Abzocker einstehen müssen. Das ist historisch ein einzigartiger Vorgang. Wann - so frage ich mich - kommt die Revolution in der westlichen Welt? Wenn wir wieder in Höhlen leben und uns von Maden und Würmern ernähren müsssen?