Abzocker in den Chefetagen

22. Februar 2011 16:12; Akt: 22.02.2011 16:12 Print

Wie ein Philosoph über Boni-Exzesse denkt

von Gérard Moinat - Nach der Krise steigen die Löhne und die Boni wieder an. Philosophie-Professor Georg Kohler über die Auswirkungen, die Gefahren und gelbe Filzbälle.

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Novartis-Boss Daniel Vasella musste an der GV vom Dienstag wegen seinem Salär massive Kritik einstecken. Doch auch Finanzunternehmen und sogar Roger Federer hätten dasselbe Problem wie der Pharma-Riese, sagt der Zürcher Philosoph Georg Kohler. Im Interview mit 20 Minuten Online erklärt er, wieso ein Lohn von 50 Millionen Franken für das Schlagen eines gelben Filzballes die Ausnahme bleiben sollte.

Wie brisant sind hohe Boni?
Georg Kohler: Problematisch ist, dass sie gerade für Finanzinstitute falsche Anreize setzen. Und sie sind für die breitere Öffentlichkeit schlicht ein Ärgernis. Dieser Meinung sind 99 Prozent der nicht direkt Betroffenen. Es kann nicht sein, dass in der Finanzwirtschaft doppelt oder dreimal so hohe Löhne bezahlt werden, wie anderswo.

Weil es ungerecht ist?
Nun, einen Massstab für Gerechtigkeit gibt es zwar nicht. Aber es gibt ein Gefühl, das einem sagt, dieser Lohn ist überzogen und ungerecht. Und gerade die höchsten Boni in unserer Wirtschaft sind nun wirklich nicht mehr zu rechtfertigen.

Aber das sieht jeder anders.
Stimmt. Aber aus Sicht des Marktes ist die Antwort auf die Frage, warum Tätigkeiten wie der berühmte Strassenwischer oder der Job bei der Kehrichtabfuhr schlecht bezahlt sind, einfach: Man braucht keine besonderen Qualitäten dazu. Es hat weniger lange gedauert, um den Job ausüben zu können. In vielen Fällen bin ich der Meinung, dass Angebot und Nachfrage die Löhne gut regeln. Aber gerade in der Finanzindustrie funktioniert das Spiel nicht mehr. Es sind Marktverzerrungen am Werk von jenen, die sich solche Löhne auszahlen.

Gerade weil ja Finanzinstitute mit dem Schmieröl unserer Gesellschaft, dem Geld, hantieren…
…ja, aber Verzerrungen gibt es auch in der Realwirtschaft. Da ist der berühmte Daniel Vasella der Buhmann. Auch hier funktioniert das Spiel von Angebot und Nachfrage nicht, es sind andere Gesetze wirksam. Störend daran ist insbesondere, dass wir es hier «nur» mit Angestellten zu tun haben und nicht mit Unternehmern, Eigentümern. Im letzteren Fall hat sich die Gesellschaft daran gewöhnt, dass ein Mensch, der auf einiges Risiko mit eigenen Mitteln ein Unternehmen aufgebaut hat, das Recht auf hohe Gewinne hat. Aber diese Eigentümerlogik fehlt bei Angestellten. Viele CEOs heute sind ja anders als Eigentümer nur kurz an der Spitze. In dieser kurzen Zeit versuchen sie logischerweise möglichst viel auszureizen und herauszuholen; auch wenn sie damit das Unternehmen mittel- und langfristig gefährden.

Was kann man dagegen tun?
Es braucht Vergütungssysteme, die die Orientierung am kurzfristigen Erfolg unterbinden. Aber da ist die Wirtschaft nicht untätig. Es kommt Bewegung ins System. Man hat aus Fehlern gelernt. Ein anderes Problem ist aber die Anonymität und Kurzfristigkeit der Eigentümer, des Aktionärs. Auch er ist jemand, der nur kurzfristig eine Wette eingeht. Das ergibt eine unheilige Allianz, die nicht zur klassischen Marktwirtschaftstheorie passt und ein ernsthaftes Problem darstellt.

Wie werden diese Missstände korrigiert?
Einerseits fängt die Öffentlichkeit zu murren an. Die Verantwortlichen bemerken, dass das Geschäft insgesamt gefährdet ist, wenn mit einer «Brandroder-Ideologie» nur der kurzfristige Gedanke bedient wird…

…und der Gemeinsinn aufs Spiel gesetzt wird…
…Gemeinsinn würde ich noch nicht sagen. Es ist das rationale Selbstinteresse am Funktionieren des marktwirtschaftlichen Systems insgesamt, damit es nicht auseinander bricht. Und da müssen vor allem Verwaltungsräte aktiv werden, indem sie neue Vergütungssysteme einführen. Werden Unterschiede zu gross, kommt es irgendwann zu einer Revolution, wie wir sie jetzt in der arabischen Welt erleben. Nicht zu vergessen ist daneben auch die idealistische Ebene: Zwischen den «Kindern Gottes» dürfen Unterschiede nicht zu gross sein.

Wo stehen wir in der Schweiz?
Hier waren schon immer beide Seiten am Werk: Die rationale und die realistisch orientierte Perspektive. Das äussert sich an der eidgenössischen Schweiz republikanischer Art, wo wichtig ist, dass es Einkommensunterschiede gibt. Aber gleichzeitig alle wissen, dass sie gemeinsames Engagement verbindet ...

Kippt das jetzt?
Die Balance zwischen zu viel und zu wenig Gleichheit war schon immer schwierig. Das ist ein Dauerproblem aller demokratischer Gesellschaften. In der Schweiz haben wir zwar noch keine südamerikanischen Verhältnisse. Deshalb droht das Land nicht innerlich instabil zu werden. Doch die Gefahr ist gegeben – aber auch erkannt von wichtigen Leuten, wie beispielsweise dem einflussreichen Bankier Konrad Hummler, der gegen zu hohe Boni plädiert.

Können solche Leute eingreifen?
Ja, ich bin überzeugt, dass es eine Korrektur geben wird. Im Hintergrund wirkt ja die Minder-Initiative mit, die bestimmt 70 bis 80 Prozent der Stimmen auf sicher hat. Man kann darüber streiten, ob die Initiative inhaltlich geschickt ist. Auf jeden Fall ist sie ein Spiegel, der zeigt, wie die Leute denken. Ich denke jedenfalls in unserer Demokratie, wo sich das Volk ausdrücken kann, sind die Probleme erkannt.

Müssten die Leute an den Schalthebeln der Firmen ihre Verantwortung vermehrt wahrnehmen?
Die Frage ist: Handelt es sich um ein Ethik- oder ein Regulierungsproblem? Natürlich ist Ethik wichtig. Aber versucht man die Leute nur da anzupacken, dann geraten wir schnell in Sonntagspredigten. Der Markt braucht beides: Er braucht eine sinnvolle institutionelle Organisation mit formalen Regeln wie beispielsweise Boni-Ausschüttungsregeln. Und er braucht einen Art Boden; eine Moral, die letzten Endes nicht institutioneller Art ist. Nötig ist viel mehr eine traditionelle, über Mentalitätsformen gehaltene Regulierung. Man kann nicht alles mit Gesetzen machen! Es braucht einen Esprit Général, einen Gemeinsinn, oder eben einen common sense. Gerade der Markt ist darauf angewiesen. Bis 1990 war dieser durch den Gegenpol der sozialistischen Gegenmacht der Sowjetunion gut aufgehoben. Denn man wusste: Bricht unser System zusammen gewinnt der Sozialismus. Der Ostblock hat die ultraliberalistischen Tendenzen sozusagen im Zaum gehalten. Das fehlt heute.

Und gerade mit der Finanzkrise wurde zu viel Porzellan zerschlagen und der Gemeinsinn aufs Spiel gesetzt. Die Schweiz bricht bald auseinander.
Nein, ich würde nicht sagen, dass wir Richtung sozialen Zusammenbruch abrutschen. Aber die Krise hat einzelne Überzeichnungen und die Wichtigkeit von Gemeinsinn und Selbstbändigung aufgezeigt. Die virtuellen Kapitalen des Finanzmarktes und die realwirtschaftlichen Grössen stehen in einem Ungleichgewicht, wie es noch nie der Fall war. Dass wegen diesem Ungleichgewicht unvorhersehbare Dinge passieren, ist nicht ausgeschlossen.

Aber grundsätzlich sind Sie optimistisch. Weshalb?
Weil es bisher immer gut ging. Und ich habe ein Grundvertrauen: Bevor wilde Pathologien ganze Gesellschaften heimsuchen können, sind Menschen vernünftig und lassen Unterschiede zu. Wir sind jetzt in einer Zone, die Korrekturen braucht. Man kann für die Schweiz und Westeuropa zuversichtlich sein. Weltweit wissen wir’s nicht. Denn unser System ist hochverletzlich.

Wie viel Lohn braucht ein Mensch, um genügend Ansporn zu haben?
Wieso werden einzelne Leute Schriftsteller, obwohl es ihnen nie möglich sein wird, mit dem Wagenpark eines durchschnittlichen Investmentbankers mitzuhalten? Für die Einen ist der Spass an der Tätigkeit wichtig. Oder die öffentliche Anerkennung. Denn ein bekannter Schriftsteller verfügt über ein höheres Prestige als ein noch so reicher Banker. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf ein Ziel hin zu leben. Das war immer so und das soll auch so sein. Und mein Gott, wenn es halt Leute gibt, die möglichst viel Geld erwirtschaften wollen, dann sollen die das. Solange es nicht gefährlich wird.

Wann wird es gefährlich?
Wenn es ins Absurde treibt. Gegen diese Absurdität kann sich eine Gesellschaft nur wappnen, indem sie es absurd findet und fragt: Was soll das? Schliesslich kann ich auch nicht mehr als ein Kotelett pro Tag essen, auch wenn ich 100 000 kaufen könnte. Diese ins absurde gesteigerte Protzerei soll man im Namen des gesunden Menschenverstandes für dumm, gemeinsinnsschädlich und letzten Endes lächerlich finden.

Nochmals: Wie viel Lohn ist Ihrer Meinung nach vertretbar?
Nun, ich finde die Juso-Initiative mit einem festgelegten Verhältnis vom grössten zum kleinsten Lohn töricht. Sie wird aber auch nicht durchkommen, weil der Konsens dagegen spricht. Wichtig ist für mich die so genannte Sockelgleichheit- und Sockelgerechtigkeit: Dass Leute in einer Gesellschaft nicht unter ein bestimmtes Niveau gehen müssen. Ein anständiger Sockel ist wichtig. Alles darüber hinaus ist sozial gefährlich, aber nicht in empörender Weise ungerecht.

Wann ist es empörend?
Der gute Roger Federer verdient anscheinend auch mehr als 50 Millionen im Jahr. Ich mag es ihm gönnen. Aber seine primäre Fähigkeit besteht darin, einen gelben Filzball länger als seine Gegner im Rahmen eines abgesteckten Feldes über ein 1.10 Meter hohes Netz zu transportieren. Warum verdient er diese Summe, während ein Arzt, der ein ganzes Gebirgstal versorgt, mit Müh und Not auf 150 000 Franken kommt? Selbst wenn man’s akzeptiert und sagt, er ist eben der Beste, muss man sich fragen: Der Beste – aber worin? Ja, der beste in dieser seltsamen Tätigkeit, die ich gerade geschildert habe. Das Problem in der Finanzwirtschaft ist dasselbe: Auch bei einem Funktionär in höchster Position einer Finanzinstitution habe ich Mühe, um wieder einmal auf den armen Brady Dougan zu sprechen zu kommen, dass er 75 Millionen verdient. Das kann man nicht verstehen, das ist schlicht zu viel. Man kann es erklären, aber nicht verstehen. Man kann’s notfalls im System akzeptieren. Aber es muss eine Ausnahme bleiben…