1 Jahr Euro-Mindestkurs

15. August 2012 09:28; Akt: 15.08.2012 12:58 Print

Wie lange hält die Nationalbank durch?

von Balz Bruppacher - Seit einem Jahr verteidigt die SNB einen Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken. Was hat es gebracht? Was hat es gekostet? Und wie geht es weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Eine starke Währung ist grundsätzlich gut und zeugt von wirtschaftlicher Potenz. Den Exporteuren und der Tourismusbranche macht der starke Franken aber sorgen. (Bild: Keystone)

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Warum hat die Nationalbank vor einem Jahr eine Untergrenze für den Euro eingeführt?
Der Wert des Euro fiel im August 2011 wegen der europäischen Staatsschuldenkrise ins Bodenlose und näherte sich der Marke von 1 Franken. Der Schweizer Wirtschaft wäre bei solchen Kursverhältnissen in grosse Schwierigkeiten geraten. Exportwirtschaft und Tourismus wären nicht mehr konkurrenzfähig gewesen. Stellenabbau und Produktionsverlagerungen ins Ausland wären mögliche Folgen gewesen.

Ist ein starker Franken per se schlecht?
Eine starke Währung ist grundsätzlich gut und zeugt von wirtschaftlicher Potenz. Wenn sich der Franken aufwertet, verbilligen sich die Importe. Weil die Schweiz jeden zweiten Franken im Ausland verdient, fallen aber die Einbussen in Export und Tourismus stark ins Gewicht. Das gilt vor allem für Phasen, in denen sich der Franken rasch aufwertet.

Wie verteidigt die Nationalbank den Mindestkurs?
Sie kauft seit dem 6. September 2011 auf dem Devisenmarkt alle angebotenen Euro gegen Franken auf, sobald der Kurs wegen des grossen Angebots unter die Marke von 1.20 Franken zu rutschen droht. Mit einer Ausnahme zu Beginn der Osterfeiertage ist die Verteidigung gelungen.

Was hat die Verteidigung des Mindestkurses gekostet?
«Der Weg, den die Nationalbank nun beschreitet, ist anspruchsvoll. Er kann mit sehr grossen Kosten verbunden sein», hat der damalige SNB-Präsident Philipp Hildebrand vor Jahresfrist gesagt. So lange der Kurs von 1.20 Franken gehalten wird, entstehen auf den von der SNB aufgekauften Euro keine Kursverluste. Die Rechnung wird erst präsentiert, wenn der Mindestkurs aufgehoben oder geändert wird. Ende Juni hatte die Nationalbank 183 Milliarden Euro in ihrer Bilanz. Zu einem Kurs von 1.20 waren die Eurobestände 220 Milliarden Franken wert. Würde der Euro auf 1.10 sinken, müsste die SNB einen Verlust von 19 Milliarden Franken verbuchen. Im Falle eines Anstiegs auf 1.30 Franken könnte die SNB hingegen einen Gewinn von 18 Milliarden Franken einstreichen.

Was hat der Mindestkurs für die Schweizer Wirtschaft gebracht?
Die Planung für die Unternehmen ist einfacher geworden. Das Risiko eines Euro-Absturzes unter 1.20 Franken ist kurzfristig gegen null gesunken und muss nicht abgesichert werden. Nicht bewahrheitet hat sich bisher die Befürchtung von Experten, wonach die Wirtschaft bei einem Kurs von 1.20 nicht mehr wachsen wird. Die Exportfirmen und die Tourismusbranche mussten aber teilweise ihre Preise senken, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Wie sieht es für die Konsumenten aus?
Die Preise sind auf breiter Front gesunken. Importeure wie die Autobranche gewähren zum Teil Währungsrabatte. Aber nicht überall werden die Währungsgewinne weitergegeben. Schuhe, Kleider, Zeitschriften und Pflegeprodukte sind gemäss einer Umfrage des Konsumentenschutzes oft deutlich teurer als im Ausland.

Wie lange kann die Nationalbank den Mindestkurs halten?
Theoretisch unbeschränkt, weil sie über das Geldmonopol verfügt. Neben den möglichen Kosten gilt es aber das Inflationsrisiko im Auge zu behalten. Eine Ausweitung der Geldmenge, wie sie durch die Devisenkäufe erfolgt, schafft ein Teuerungspotenzial, sofern der Geldüberfluss nicht rechtzeitig abgebaut wird. In der einzigen ähnlichen Situation von 1978, als die SNB ein Wechselkursziel gegen die Abwertung der D-Mark einführte, stieg die Inflation innerhalb von drei Jahren von 0,4 auf 7,5 Prozent.

Wie sieht das Ausstiegsszenario der SNB aus?
Die Nationalbank hat sich dazu bislang nicht geäussert. Das Wunschszenario wäre eine Entspannung der Eurokrise mit einem nachhaltigen Kursanstieg der Gemeinschaftswährung. Dann müsste der Mindestkurs formell gar nicht aufgehoben werden. Das war 1978 der Fall, als die D-Mark sich rasch erholte. Danach sieht es beim Euro aber nicht aus. Halten die Inflationsunterschiede an, wäre eine sukzessive Senkung des Mindestkurses denkbar.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

"Jeder 2. Franken wird im Ausland verdient"... das heisst doch, dass auch jeder 2. Franken im Inland gemacht wird. Und da wäre ein Franken, der nicht künstlich niedrig gehalten wird, doch von Vorteil, da wir ja praktisch alles importieren müssen und diese Güter dann weniger kosten dürfen... das gilt dann teilweise auch für die Exportindustrie, die ja viel Material importieren müssen vorher (zB. Stahl). Das hebt dann einen Teil der negativen Auswirkungen auf. Daher: schluss mit der Untergrenze, dafür dann knallhart tiefe Preise für alle Importgüter durchdrücken, auch gesetzlich wenn nötig. – Marcel

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jo CE am 15.08.2012 18:12 Report Diesen Beitrag melden

    Bevormundung des Staates

    Die Frage ist, wie lange akzeptiert dies noch das Schweizer Volk

  • Berner Bär am 15.08.2012 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Aufgeben, sofort!

    Grundsätzlich kann sich eine Nationalbank eine solche "Uebung" unendlich lange leisten. Es fragt sich einfach, ob es sinn macht, eine in der Agonie liegende Währung auf Teufel komm raus zu stützen und am Tage X auf einem Haufen wertlosem Altpapier, wofür man Volksvermögen verschwendet hat, zu sitzen und vor allem eine noch in der Höhe noch nicht absehbare Inflation zu organisieren. Die SNB soll die wahnwitzige Verschwendung von Volksvermögen zugunsten des Euro aufgeben, lieber heute als morgen, sonst zahlen wir mal ziemlich schlimm die Zeche!

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  • jkummer am 15.08.2012 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Shoppingtour

    Mit soviel Euros könnte man sich ja auch verstärkt an rentablen EU Unternehmen (VW,Mercedes o.ä.) beteiligen.Länder aus dem nahen Osten tun dies ja auch.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Urs Keller am 18.08.2012 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    aus den Fugen

    solange wir mehr aus der EU importieren als exportieren ist die Bilanz positiv. Nur drängt sich eine WW & $ Währungsreform auf, um die horrenden Schulden zu reduzieren und nicht immer weitere Schulden zu generieren. Auch der ganze Rettungsschirm ist mit über 700 Milliarden ein riesiger Schuldenberg.

  • P. Buchegger am 17.08.2012 09:30 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst endlich die SNB ihren Job tun !

    Unglaublich, wie viele "Währungs- und Volkswirtschafts-Sachverständige" sich in diesem Blog tummeln. Glauben diese denn, die SNB mache sich nicht auch Gedanken, in der schwierigen Zeit den für unser Land besten Weg zu gehen? Die SNB verfügt über das Knowhow und braucht keine Belehrungen von den schweiz. Oberlehrern auf der Strasse, die sich einbilden, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben, aber in Tat und Wahrheit irgendwelche polit. gefärbte Rezepturen nachplappern.

  • Daniel Hofmann am 15.08.2012 22:56 Report Diesen Beitrag melden

    Spiel mit Zahlen

    Die Schweiz 2010 wie viel Exportiert Importiert Deutschland 19,2% Deutschland 32% USA 10,2% Italien 10,2% Italien 7,9% Frankreich 8,5% Frankreich 7,7% USA 5,3% Großbritannien 5,9% Niederlande 4,5% Österreich 4,3%

  • Jo CE am 15.08.2012 18:12 Report Diesen Beitrag melden

    Bevormundung des Staates

    Die Frage ist, wie lange akzeptiert dies noch das Schweizer Volk

  • Urs Hafner am 15.08.2012 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Euro.Schweizer Franken

    zum Leserkommentar von Marcel, das kann ich nur unterstützen.