Hotspots und Aktienmärkte

29. März 2011 17:52; Akt: 29.03.2011 17:53 Print

Wie viele Krisen verträgt die Börse?

von Hans Peter Arnold - Katastrophen und politische Krisen drücken auf die Stimmung: Bis jetzt haben die Investoren relativ cool reagiert. Doch es gibt warnende Stimmen.

storybild

Der Tsunami und die Reaktorkatastrophe im Norden Japans haben die Weltkonjunktur haben die Weltkonjunktur bisher nur wenig beeinflusst. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Krisenherde werden zahlreicher: Ein Ende des Konflikts im Nahen Osten ist nicht absehbar. Und auch vom Atomkraftwerk in Fukushima gibt es keine Entwarnung. Trotzdem haben sich die meisten Börsenindizes von den ersten Schockwellen erholt. So ist der US-Leitindex Dow Jones nur noch drei Prozent vom Mehrjahreshoch entfernt. Der Swiss Market Index (SMI) und der Deutsche Aktienindex (DAX) tendieren trotz Katastrophenmeldungen immerhin wieder auf der Höhe von Anfang Jahr. Einzig der Nikkei-Index von Tokio hat nach dem Kurssturz von rund 20 Prozent erst die Hälfte des Verlustes wieder wettgemacht.

Die verheerende Naturkatastrophe wird dazu führen, dass Japans Wirtschaft im ersten Halbjahr schrumpfen wird. Die globale Wirtschaft ist bis jetzt aber nur am Rande betroffen, obwohl Japan die drittgrösste Wirtschaftsnation ist und aktuell für 9 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung verantwortlich ist.

Psychologische Faktoren

Nicht zu unterschätzen ist jedoch die Psychologie: Die Krise kann zu einem Dominoeffekt führen. Diese Gefahr droht im Falle des grössten anzunehmenden Unfalls (GAU) in Fukushima. Bis heute erreichten einzelne Reaktoren trotz des Desasters per Definition noch nicht die höchste Stufe der Ereignis-Skala (Ines). Die Angst, die von einer grossflächigen radioaktiven Verseuchung ausgeht, könnte über die asiatische Region hinaus lähmende Wirkung erzeugen. So lautet das konjunkturelle Worst-Case-Szenario.

Noch hat sich die Atomkatastrophe nicht auf die weltweite Konsumentenstimmung ausgewirkt, obwohl die Aufmerksamkeit für das Thema Japan enorm war. Während CNN, BBC, Reuters und andere Kanäle im Internet und Fernsehen hohe Aufmerksamkeit erhielten, sank das Interesse an Shopping-Portalen und für Luxusmarken deutlich. Die Zugriffe auf die Omega-Website brachen wenige Tage nach Ausbruch der Katastrophe um die Hälfte ein. Baselworld 2011, die weltgrösste Schmuck- und Uhrenmesse, hat inzwischen das Interesse an Luxusmarken neu entfacht. Von einem Verkaufsrückgang war an der Uhrenmesse kaum etwas zu spüren. Eine massive Verschlechterung der Konsumentenstimmung wäre aber gefährlich, denn der private Konsum ist die wichtigste Stütze der Wirtschaft.

Positive vorlaufende Indikatoren

Die vorlaufenden Konjunkturindikatoren sind vorderhand ermutigend. Der provisorische Euro-Einkaufsmanager-Index für die Industrie liegt zwar im März mit 57,7 Punkten leicht unter dem Vormonat. Doch ist eine Konsolidierung auf diesem hohen Niveau kein Alarmzeichen. Vor allem: Ein Stand von über 50 Punkten deutet eine expansive Wirtschaftsentwicklung an. Der Dienstleistungssektor der Euro-Zone hat mit 56,9 Punkten sogar ein neues Zwischenhoch erreicht. Letztmals tendierte der Indikator im August 2007 - vor dem Ausbruch der Finanzkrise - auf diesem Stand.

Auch auf die Konjunkur in der Schweiz dürften sich die Krisenherde in der Welt nicht gross auswirken. Laut den jüngsten KOF-Prognosen wächst die Schweizer Wirtschaft 2011 um 2,8 Prozent. Das Erdbeben in Japan und die Unruhen in der arabischen Welt sowie die Schuldenkrise in Europa könnten laut KOF zwar den Konjunkturverlauf negativ beeinflussen, die Risiken werden jedoch als zu wenig hoch eingestuft.

Aktien auf der Achterbahn

Für den Anleger ist gut zu wissen: Die Weltwirtschaft entwickelt sich vorderhand dynamisch. Das Wachstum ist breit abgestützt - sowohl hinsichtlich der Branchen wie Regionen. Allerdings steigen die Risiken. Zur europäischen Schuldenkrise gesellen sich die Risikofaktoren politische Krisenherde (Libyen, Naher Osten), Ölpreis-Schock, Eskalation in Fukushima. Die an sich fair bewerteten Börsenindizes fahren vermutlich weiter auf der Achterbahn. Die konjunktursensitiven, zyklischen Aktien werden von Schwankungen stärker betroffen. Das eröffnet Anlegern günstige Einstiegschancen. Weniger exponiert sind nicht-zyklische Aktien aus den Sektoren Pharma- und Nahrungsmittelindustrie.

«Wir denken nicht, dass die hohen Ölpreise und der schwere Wachstumsdämpfer in Japan das globale Wirtschaftswachstum allzu stark belasten werden», meint Philipp Bärtschi von der Bank Sarasin. Die jüngsten Wirtschaftsdaten hätten gezeigt, dass die Erholung in den USA weitergehe, und dass auch das Wachstum in Europa trotz Schuldenkrise robust bleibe. «Wir erachten daher die jüngste Aktienmarktkorrektur als Kaufgelegenheit.»

Andere Analysten stehen aber auf die Bremse. Aufgrund der «momentanen Fülle von Risikofaktoren» haben die Analysten der Luzerner Kantonalbank (LUKB) beschlossen, die per Anfang März deutlich reduzierte Aktienquote vorerst beizubehalten und ihr Risikoprofil tief zu halten.