«Kobe-Effekt»

14. März 2011 14:52; Akt: 14.03.2011 15:12 Print

Wiederaufbau als Konjunkturspritze

von S. Spaeth - Die Auswirkungen des Erdbebens sind für Japans Wirtschaft kurzfristig katastrophal. Längerfristig dürfte der Wiederaufbau aber wie ein Konjunkturprogramm wirken.

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Ökonomen rechnen damit, dass sich der Wiederaufbau positiv auf Japans Konjunktur auswirkt. (Bild: Keystone)

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Nach lang anhaltender Depression ist Japans Wirtschaft im vergangenen Jahr wieder gewachsen. 2010 stieg das Bruttoinlandprodukt um 3,9 Prozent. Mit dem schweren Erdbeben droht die Wirtschaft aber erneut in eine Rezession zu stürzen. «Das Timing der Katastrophe hätte nicht ungünstiger ausfallen können», liess die Beratungsfirma Capital Economics am Sonntag verlauten.

Die japanische Regierung lässt sich aber nicht unterkriegen und gibt sich optimistisch. Das Erdbeben werde schon bald durch den Wiederaufbau in den betroffenen Gebieten grosse Nachfrage schaffen, so Japans Premierminister Naoto Kan. Dabei denkt der Premier an einen Aufschwung wie in den USA nach dem «New Deal» von Präsident Roosevelt in den dreissiger Jahren, als mittels Wirtschafts- und Sozialreformen die US-Konjunktur angekurbelt wurde.

«Mittelfristig wird sich der Wiederaufbau wie ein Konjunkturprogramm auswirken», sagt Makroökonomin Susanne Toren von der ZKB gegenüber 20 Minuten Online. Besonders stark profitieren werde die Bauwirtschaft. Dies zeigte sich auch an der Börse: Der Kurs des Baugiganten Daiwa House Industry kletterte am Montag um 12,14 Prozent, jener von Sekisui House stiegen um 9,45 Prozent.

Wachstum nach Beben in Kobe

Die positiven Auswirkung des Wiederaufbaus zeigten sich auch nach dem Erdbeben von Kobe. Fachleute sprechen seither vom sogenannten «Kobe-Effekt»: Nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 1995 erlitt Japans Wirtschaft kurzfristig einen Schock. Danach hat der Wiederaufbau die Wirtschaft aber angekurbelt. Das Bruttoinlandsprodukt, das im vierten Quartal 1994 noch um 0,7 Prozent zurückging, stieg im ersten Quartal 1995 um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. «Alle anfänglichen Schätzungen waren viel zu pessimistisch», schreiben die Experten des Nokomura Research Instituts in ihrem neusten Report. Für die jüngste Erdbebenkatastrophe gehen die Konjunkturforscher von einem ähnlichen Wachstumseffekt wie nach Kobe aus.

Susanne Toren warnt aber vor allzu viel Optimismus. Noch sei die Situation in den Kernkraftwerken sehr angespannt. Kommt die Lage aber unter Kontrolle, geht Toren von lediglich einem bis zwei Quartalen mit rückläufigem Bruttoinlandprodukt aus. Für Japan ist es laut Toren enorm wichtig, dass die Energieengpässe rasch behoben werden. Der Grund: Stromknappheit würde immer auch andere Engpässe nach sich ziehen, in Japan beispielsweise blockierte Nahrungsmittelproduktion oder Probleme in der Automobilindustrie.

Keinen Rückfall in Depression

Japans Wirtschaft wird das Erdbeben laut des Allianz-Chefökonomen Michael Heise ohne grösseren Dämpfer überstehen. Einen Rückfall in eine grosse Rezession sei nicht zu erwarten, so Heise zur Nachrichtenagentur dpa. «Es geht aber um Wachstum auf bescheidenem Niveau», sagt Toren. Japans Wirtschaftsleistung habe sich nach der Finanzkrise nie gänzlich erholt. Dies zeigt sich auch darin, dass Japan Anfang Februar den Rang der zweitgrössten Wirtschaftsmacht der Welt an China abtreten musste.

Weiter verschärfen dürfte sich wegen des Erdbebens die Schuldensituation Japans. Damit könnten die Kosten für Kredite steigen. Derzeit beträgt der Schuldenberg rund 200 Prozent des Bruttoinlandprodukts, was deutlich mehr ist als in anderen Industrieländern. Noch sieht die Rating-Agentur Moody’s aber keinen Anlass, die Kreditwürdigkeit des Landes herunterzustufen.