Lohnschere, Armut, Kaufkraft

31. Oktober 2019 19:35; Akt: 31.10.2019 19:40 Print

Uns gehts gut? Ihr seht das komplett anders

Die Schweizer Wirtschaft brummt: Löhne sollen steigen und Wohnen sowie Ferien werden günstiger. Das sagen die Leser dazu.

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Im laufenden Jahr sollen die Löhne steigen – nämlich um 0,5 Prozent. Damit zeichnet sich erstmals seit 2016 wieder eine positive Lohnrunde ab. Trotzdem glauben viele Leser, dass die Lohnschere in der Schweiz weiter aufgeht. Wirtschaftspsychologe Christian Fichter sagt: «In der Schweiz geht es auch den Armen immer besser. Wenn die Wahrnehmung eine andere ist, dann auch deshalb, weil sich in den letzten Jahren dank Social Media eine Kultur des Meckerns und Jammerns ausgebreitet hat.» Mit 2,1 Porzent ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz so tief wie seit 19 Jahren nicht mehr: Laut Fichter leidet der einzelne Arbeitslose mehr unter der tiefen Quote, denn er fühlt sich noch weniger gebraucht. Einzelne Leser klagen trotz gutem Lohn darüber, dass sie Ende Monat ein leeres Konto haben. Grund dafür ist laut Fichter, dass wir uns mehr wünschen als früher. Zudem liege Sparen nicht im Trend. Besonders Rentner fühlen sich benachteiligt und glauben, dass es ihnen finanziell schlechter geht als der jüngeren Generation. Fichter sagt, dass stimme nicht: «Als Rentner geniesst man grosszügige finanzielle Privilegien.» Trotz Lohnerhöhung stellt sich die Frage, ob Niedrigverdiener wie Coiffeure oder Verkäufer sich ein gutes Leben leisten können. Fichter sagt: «Niedrigverdienern in der Schweiz geht es so gut wie in keinem anderen Land.» Von der Lohnerhöhung nächstes Jahr profitieren Berufsbranchen völlig unterschiedlich: Die Chemie- und Pharmabranche profitiert am meisten davon. Dort steigen Löhne im Durchschnitt voraussichtlich um 1,1 Prozent. Arbeitnehmer im Baugewerbe und Architektur dürfen sich auf einen Lohnzuwachs von gut einem Prozent freuen. Im Detailhandel wird ebenfalls ein Prozent mehr Lohn erwartet. 0,8 Prozent mehr Lohn ist 2020 im Gesundheits- und Sozialwesen zu erwarten. In der Nahrungmsmittelproduktion und im Konsumgütersektor ist ebenfalls 0,8 Prozent Lohnsteigerung zu erwarten. Weniger rosig sieht es im Autogewerbe aus. Hier werden die Arbeitnehmer nur 0,5 Prozent mehr Lohn einsacken können. Das Schlusslicht der Lohnzuwächse für 2020 bildet die Tourismussektor, in welcher auch Bildung, Sport und Kultur gehört. Hier wird ein Anstieg von nur 0,3 Prozent erwartet, was bei einer Teuerung von 0,5 Prozent gar einem Kaufkraftverlust von 0,2 Prozent gegenüber dem laufenden Jahr entspricht.

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Jetzt fliesst endlich mehr Geld ins Portemonnaie: Nächstes Jahr sollen die Löhne um 0,5 Prozent steigen, wie die UBS am Dienstag mitteilte. Denn die Schweizer Wirtschaft brummt. Deshalb werden auch Wohnungen und Ferien günstiger. Zudem ist die Arbeitslosenquote so tief wie seit 2000 nicht mehr.

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Doch geht es den Schweizern wirklich besser? Die meisten Leser sehen das komplett anders, wie ein Blick auf die 2000 Kommentare zeigt. Christian Fichter, Wirtschaftspsychologe der Kalaidos Fachhochschule gibt seine Einschätzung:


Frage: Auch mit einem guten Lohn bleibt nicht viel Geld am Ende des Monats übrig, wie kann das sein?
Fichter: «Die Wahrheit ist das eine. Unsere Wahrnehmung das andere. Objektiv geht es uns finanziell nach wie vor sehr gut. Subjektiv nehmen wir das anders wahr. Erstens, weil wir negative Entwicklungen unserer Nachbarländer mitbekommen. Negative Schlagzeilen kennen keine Landesgrenzen. Zweitens wünschen wir uns mehr als früher. Auf Instagram wird uns vorgelebt, was erstrebenswert ist – aber unsere Kaufkraft kann nicht mit den gestiegenen Konsumwünschen mithalten. Ausserdem gibt es einen Wertewandel: Sparen liegt nicht im Trend, Geld ausgeben und schöne Dinge kaufen hingegen schon. Egal, wie viel man verdient, das Geld geht raus.»


Frage: Werden in der Schweiz die Armen ärmer und die Reichen reicher?
Fichter: «Nein, auch hier gibt es objektive Zahlen. Sie zeigen: In der Schweiz geht es auch den Armen immer besser. Wenn die Wahrnehmung eine andere ist, dann auch deshalb, weil sich in den letzten Jahren dank Social Media eine Kultur des Meckerns und Jammerns ausgebreitet hat. Das wird sich wieder einpendeln.»


Frage: Ging es den Schweizern vor 30 Jahren besser?
Fichter: «Nein! Das sehen wir schon an den Autos, die heute auf den Strassen unterwegs sind: Der Anteil an hochmotorisierten Luxusschlitten ist viel grösser – und darin sitzen längst nicht nur Gutverdiener. Die meisten objektiven Kennzahlen sind heute besser als früher. Wenn die subjektiven Empfindungen anders sind, dann weil die schlechten Nachrichten aus anderen Ländern und in anderen Themen auf unsere allgemeine Stimmung abfärben. Wahrscheinlich sind wir heute anfälliger auf solche Botschaften.»

Je tiefer die Arbeitslosenquote, desto mehr leidet der einzelne Arbeitslose.


Frage: Geht es Rentnern finanziell schlechter als der jüngeren Generation?
Fichter: «Überhaupt nicht. Als Rentner geniesst man grosszügige finanzielle Privilegien. Aber natürlich hat man nicht mehr das Einkommen wie ein Berufstätiger und das Vermögen muss länger halten. Trotzdem geht es unseren Rentnern gut. Leider verbreiten manche Politiker den Gedankenvirus, dass Rentner ausgequetscht werden. Aber das wird nicht wahrer, auch wenn es hunderttausendmal geliked wird.»


Frage: Was bringt eine tiefe Arbeitslosenquote jemandem, der keinen Job findet?
Fichter: «Es gibt fast nichts Belastenderes im Leben als Arbeitslosigkeit, das wissen wir aus Studien. Je tiefer die Arbeitslosenquote, desto mehr leidet der einzelne Arbeitslose, denn er fühlt sich dann noch weniger gebraucht. Aber durch die tiefe Arbeitslosenquote steigt die Chance, wieder Arbeit zu finden. Und sie sichert natürlich die finanzielle Stabilität der Volkswirtschaft und damit die Sicherheit der Arbeitslosenunterstützung.»


Frage: Können sich Niedrigverdiener jemals ein gutes Leben leisten?
Fichter: «Niedrigverdienern in der Schweiz geht es so gut wie in keinem anderen Land. Es kommt auch hier drauf an, was für Wünsche man hat. Und das hängt wiederum stark davon ab, in welchen Facebook-Gruppen man sich tummelt und welchen Instagram-Persönlichkeiten man folgt. Für das persönliche Glücksgefühl ist es schädlich, wenn man seine Konsumwünsche ständig an denen gut ausgestatteter Influencer orientiert.»

(bsc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tschortscho am 31.10.2019 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahrnehmung...?

    Was für eine Wahrnehmungsverzerrung doch der Herr Fiechter hat... Und dann noch auf die anderen Länder abschieben...

    einklappen einklappen
  • Melken, melken, usw. am 31.10.2019 21:37 Report Diesen Beitrag melden

    Mittelstand gab es früher

    Jammern auf hohem Niveau? Kann sein, die fixen Kosten (Krankenkasse, Mieten, Steuern, Sozialabgaben, etc.) sind ja auch auf hohem Niveau! Zusätzlich werden die Schweizer abgezockt. Entscheidend ist, was Ende Monat oder nach dem Tod übrig bleibt. Bei uns ist meistens der Saldo sehr gering, wenn nicht negativ - auch bei bescheidenem Lebenswandel. Bei den Armen im Ausland bleibt am Ende vielleicht eine Haus, eine Wohnung oder eine Hütte übrig. Wir sind Mieter oder möglicherweise Eigentümer mit dem Risiko, dass die Liegenschaft vom Altersheim "gefressen" wird. Das ist das hohe Niveau...

  • Der Frustrierte am 31.10.2019 21:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ums geht's gut, wirklich?

    Leider geht es uns Rentnern/Rentnerinnen nicht besser wie es in diesem Artikel behauptet wird. Trotzdem die KK-Prämien ständig steigen werden die Renten nicht an diese Teuerung angepasst, weil diese nicht in den Landsindex der Konsumentenpreise integriert sind. Wir zahlen also bei gleichbleibendem Einkommen immer mehr, das heisst wir werden Jahr für Jahr ärmer.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mr. Money am 31.10.2019 21:42 Report Diesen Beitrag melden

    Realwirtschaft vs Finanzwirtschaft

    Was Herr Fichter uns nicht sagt, ist dass die allermeisten Gewinne in der Finanzwirtschaft generiert werden. Der grosse Teil der Realwirtschaft ist nur dazu dazu, die schöne Fasade der Schweiz aufrecht zu erhalten und die nötige Versorgung zu gewährleisten. War noch um 1980 die weltweite Realwirtschaft der Finanzwirtschaft quantitativ mit 2:1 überlegen, so ist sie heute mit 1:3,5 deutlich unterlegen. Social Media, FB-Gruppen und Instagram und die vermeintliche Erwartunghaltung sind nicht der Grund des Jammerns ...

  • Alexander65 am 31.10.2019 21:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch ich bin Wirtschaftspsychologe!

    Dazu gehe ich regelmäßig in den Adler, den Löwen, den Hirschen usw. Aber im Ernst: Zu diesen Wirtschaftsthemen wurde schon lange nicht mehr so viel zusammengestusst wie in den vergangenen Monaten. Dem Namen nach zu urteilen, stammen Sie aus Deutschland, Herr Fichter. Wenn Sie sich nur annähernd ein wenig mit unseren wirtschaftlichen Gepflogenheiten auseinander setzen würden, dann wüssten Sie auch, dass die Berechnung der Arbeitslosenquote in der Schweiz nicht den OECD-Richtlinien entspricht, sondern in Tat und Wahrheit 2-3 höher ist... Aber man kann natürlich auch darauf aufbauen.

  • Stirling am 31.10.2019 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Differenzieren bitte...

    Es gibt wirklich viele Menschen, die zwar Arbeiten, aber nicht gerade gut Leben. Es gibt aber leider noch mehr Menschen, die ständig jammern, weil sie nicht genug haben, aber fahren ein schickes teures Auto, wohnen in einer viel zu grossen Wohnung und machen für viel Geld teuren Urlaub, den sie mit ihrem neuen Handy dokumentieren. Zuhause einen riesigen TV und immer neue Kleider.

  • Judika Schreyer am 31.10.2019 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arm und reich in der Schweiz

    Es geht nur den reichen bzw. den Millionären gut. Dem Normalbürger gehe es schlecht! Die Kluft zwischen Arm und Reich ist zu groß. Unser System ist völlig falsch. Milliardäre sind unakzeptabel!

  • Melken, melken, usw. am 31.10.2019 21:37 Report Diesen Beitrag melden

    Mittelstand gab es früher

    Jammern auf hohem Niveau? Kann sein, die fixen Kosten (Krankenkasse, Mieten, Steuern, Sozialabgaben, etc.) sind ja auch auf hohem Niveau! Zusätzlich werden die Schweizer abgezockt. Entscheidend ist, was Ende Monat oder nach dem Tod übrig bleibt. Bei uns ist meistens der Saldo sehr gering, wenn nicht negativ - auch bei bescheidenem Lebenswandel. Bei den Armen im Ausland bleibt am Ende vielleicht eine Haus, eine Wohnung oder eine Hütte übrig. Wir sind Mieter oder möglicherweise Eigentümer mit dem Risiko, dass die Liegenschaft vom Altersheim "gefressen" wird. Das ist das hohe Niveau...