Überhitzter Immo-Markt

22. Mai 2013 11:00; Akt: 22.05.2013 14:14 Print

Wohnungssuchende bezahlen für Besichtigung

von Antonio Fumagalli - Bis zu 75 Prozent einer Monatsmiete im Voraus blechen, um bei der Wohnungssuche bessere Chancen zu haben? Eine neue Auktionsplattform machts möglich. Der Mieterverband ist empört.

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Eine Wohnung in Zürich oder Genf zu mieten, ist oft ein langwieriges Unterfangen. Ein Startup-Unternehmen will nun Abhilfe verschaffen - der Zürcher Mietverband ist empört. (Bild: Keystone)

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Wohnungssuchende in den grossen Schweizer Städten brauchen vor allem drei Dinge: Viel Glück, genügend Geld und ein gutes Beziehungsnetz. Denn die attraktivsten Wohnungen werden oft direkt unter der Hand vergeben – sei es mit einem Rundmail im Freundeskreis oder mit einem Kleininserat auf einschlägigen Portalen. Diese Tatsache will sich seit Mitte März die Auktionsplattform flatfox.ch zunutze machen: «Wir wollen den Wohnungsschattenmarkt öffentlich zugänglich machen», sagt Mattia Regi, einer der vier Inhaber des Zürcher Startup-Unternehmens.

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Das Geschäftsmodell sieht folgendermassen aus: Professionelle Vermieter und vor allem Mieter, die einen Nachmieter suchen, schalten auf der Flatfox-Homepage ihr Inserat mitsamt Fotos auf – kostenlos. Interessenten erstellen ein Antwortdossier und untermauern ihre Bewerbung mit einem Gebot, das maximal 75 Prozent der Monatsmiete betragen darf. Nun ist die eigentliche Auktion im Gang: Flatfox überliefert dem Vermieter bzw. Nachmieter-Sucher nur die sieben Inserate mit den höchsten Geboten, wobei die nächste Bewerbung nachrutscht, wenn ein Inserent eine aussortiert. Zur Kasse gebeten wird letztlich derjenige Bewerber, der die Wohnung erhält.

Vormieter kassiert 75 Prozent der Prämie

Für Mieter, die ausserterminlich kündigen und deshalb einen Nachmieter suchen, ist das Angebot verlockend: Entscheidet sich der Vermieter für eines der vorgeschlagenen Dossiers, bekommt der Vormieter 75 Prozent des abgegebenen Gebots – die restlichen 25 Prozent gehen an Flatfox. Anders bei professionellen Vermietern: Weil ihnen mit der Sortierung der Dossiers – auch sie werden nach Höhe des Gebots klassiert – bereits viel Aufwand abgenommen worden sei, würden sie nicht finanziell entschädigt, sagt Regi.

Der Zürcher Mieterverband ist über die neuen Mitstreiter im umkämpften Schweizer Immobilienmarkt empört: «Das sind Trittbrettfahrer, die aus der Wohnungsnot ein Geschäft machen. Bezahlen müssen das die Mieterinnen und Mieter», sagt Sprecher Walter Angst. Die Weitervermietung von Wohnungen sei der Job der Verwaltung, und deren Kosten würden bereits mit dem Mietzins berappt. Aus Gründen der sozialen Durchmischung sei es zudem wünschenswert, dass persönliche Beziehungen bei der Wohnungssuche genutzt werden können.

«Makler-Unwesen» vs. Ernsthaftigkeit

Angst fürchtet Verhältnisse wie in Deutschland, wo das «Makler-Unwesen» weit verbreitet sei: «Das befeuert die Gentrifizierung, also die Verdrängung von Leuten mit kleinerem Geldbeutel, und dient letztlich nur den Gutbetuchten.» Ein Argument, das Flatfox-Mitgründer Regi nicht gelten lassen will: «Ein Gebot ist ein Ausdruck von ernsthaftem Interesse. Wer regelmässig einen Mietzins bezahlen kann, vermag er im Normalfall auch die einmalige Prämie zu berappen.» Dafür wird den Interessenten ein Grossteil der mühseligen Wohnungssuche abgenommen und der maximale Ansatz von 75 Prozent der Monatsmiete werde ohnehin selten erreicht. Das zeigten die Erfahrungen: Bei bisher über 100 Registrationen sei nur zweimal der Höchstpreis geboten worden, der Grossteil der Gebote liege zwischen 0 und 50 Prozent einer Monatsmiete.

Reüssiert die Idee von Flatbox, dürften etablierte Immobilienplattformen, wo die Inserate gegen Bezahlung aufgeschaltet werden, leiden. Branchenleader Homegate fürchtet sich aber noch nicht vor der drohenden Konkurrenz. Sprecher Daniel Bruckhoff: «Wir schauen dem gelassen entgegen. Unser Geschäftsmodell wird deswegen nicht in Frage gestellt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • smurf am 22.05.2013 13:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    dekadenz

    ich suchte auch vor 3 Jahrenn in ZH eine whg.... keine Chance hatten ich und meine Freundin auch bei Genossenschaft aussichtslos. ich wohne nun in Brugg an Bahnhofstrasse. 3,5 zimmer Geschirrspühler Waschmaschine Trockner Altbau Mitten in der Stadt einkaufszentren Bahnhof 1min zu Fuss Brugg Bhf hat alle Verbindungen und die s12 als Nachtzug haltet hier.... 1320.- in Zürich würde ich für die selbe Whg 4000.- zahlen. ich lebte 10 Jahre in Zürich und könnte mich 20 Jahre in den Arsch treten für das was ich bezahlte und bekam..... Wegzug Lohnt sich...

  • Filipo Mendez am 22.05.2013 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    Mieter sind sowieso nur Arbeitssklaven

    Wir Mieter bezahlen damit die Reichen reicher werden. Selber haben wir nichts oder krüppeln uns halb tod bis wir etwas haben. Dabei sollte jeder ein Recht auf ein Haus und ein Stück Land haben. Ohne dass man ihn dort raustreiben kann, auch wenn er mal verschuldet ist. So wie in den bestimmten armen Ländern, da werden die Menschen auch nicht zwangsenteignet und in Mietwohnungen gepfercht wie Vieh. Unser System ist der letzte Dreck.

    einklappen einklappen
  • Solothurner am 22.05.2013 13:03 Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit

    Geht ja gar nicht! Der neue Mieter muss zudem ja auch noch die meistens 3 Monatsmieten hohe Kaution bezahlen und dann noch 75% der Miete, nur dafür dass er nach langem schweisstreibendem Suchen eine schöne Wohnung findet? Frechheit!!! Aber typisch für die Zürcher, zum glück bin ich dort weg!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ideomatic Zodiak am 23.05.2013 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Stadt Bern

    Da muss ich mal der Stadt Bern danke sagen. Unser Quartier, ca 8-9 Mehrfamilienhäuser werden abgerissen und eine neue Siedlung wird gebaut. Die Verwaltung war die Stadt Bern. Wir bekamen alle ein Brief, ob wir Hilfe bräuchten bei der Wohnungssuche. So bekam ich eine frischrenovierte Wohnung, die ich besichtigen durfte und mir auch sehr gefällt, in der nähe der Stadt. Musste noch nicht einmal Kaution bezahlen. Klar ist, dass nicht jeder das Glück hat. Danke an die Stadt Bern.

  • H.G. am 23.05.2013 08:20 Report Diesen Beitrag melden

    ganz einfach verbieten

    das ist ein angebot das volkswirtschaftlich derart unsinnig ist dass man es getrost schlicht verbieten kann/sollte/muss! so ein vermittler ist absolut sinnlos in einem markt wo es kein problem ist einen nachmieter zu finden. das ist reine geldmacherei die den umstand ausnutzt, dass wohnungssuchende so verzweifelt sind dass sie sehr vieles tun würden um einen wohnung zu erhalten!

  • Thomas L. am 23.05.2013 07:38 Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Ansatz...

    Das beste kommt ja erst noch... Wenn das wieder alle machen, sind wir gleich weit, wie zu Beginn... und dann? Nochmals höhere Gebühr für bessere Chancen? Ich glaub ich kauf ein Zelt...

  • Hans H am 22.05.2013 21:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beamtensturheit

    Hatten in hidisrieden in der wohn und gewerbezone 2 z w und bekommen keine Bewilligung diese zu verm.

  • Dominique Winter am 22.05.2013 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dominique

    Was heisst hier "bezahlen für Besichtigung"? Da ist der Titel wohl falsch, denn bezahlen tut der Nachmieter ja nur, wenn er denn Zuschlag erhält... Schlüsselgelder sind im Geschäftsmietvertrag für Toplagen übrigens üblich, wahr wohl eine Frage der Zeit, bis sich das bei den Wohnungen angesichts der Wohnungsknappheit auch zeigt. Da hilft nur noch Boykott gegenüber diesen Sites (und den Verzicht auf die betreffende Wohnung). Schade!