G-20-Gipfel

26. Juni 2010 18:00; Akt: 26.06.2010 18:01 Print

Zehn Gebote für die Finanzindustrie

von Lukas Hässig - Den Staatschefs der G-20, die zurzeit in Toronto um neue Regeln für die Banken streiten, seien die Erkenntnisse des Bestseller-Autors Nassim Nicholas Taleb empfohlen.

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Toronto, 24. Juni 2010: Proteste gegen den G-8- und G-20-Gipfel.

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Der Finanzmathematiker Nassim Taleb hat mit «The Black Swan» («Der Schwarze Schwan») eines der bekanntesten Bücher rund um die jüngste Finanzkrise geschrieben. Das Magazin «Schweizer Monatshefte», das sich das liberale Gedankengut auf die Fahne geschrieben hat, hat nun in seiner Juni-Ausgabe unter dem Titel «Ist nach dem Crash vor dem Crash?» einen Text von Taleb veröffentlicht (siehe http://www.schweizermonatshefte.ch/?nav=wlkm).

«Zehn Prinzipien, die das Finanzsystem vor dem Crash bewahren. Sie gelten übrigens auch für überschuldete Staaten», lautet die Stossrichtung von Talebs Essay. Seine zehn Gebote könnten für die Chefs der 20 wichtigsten Industrienationen, die am G20-Gipfel im kanadischen Toronto über Derivateeinschränkungen, Transaktionssteuern und andere Auflagen für das globale Finanzgeschäft diskutieren, einen Leitfaden sein. 20 Minuten Online fasst Talebs Thesen vor dem Toronto-Gipfel zusammen:

1. «Was zerbrechlich ist, sollte gleich zerbrochen werden, solange es noch klein ist.»

Damit meint Taleb, dass «Too big to fail» - also zu gross, um unterzugehen - nur eintreten könne, wenn eine Bank das gesunde Mass von Risiken überschreite. Gar nicht erst zu gross werden lassen, lautet seine Empfehlung.

2. «Keine Sozialisierung der Verluste und Privatisierung der Gewinne»

Wenn zuletzt sowieso der Staat respektive der Steuerzahler die Rechnung für eine Bank zu bezahlen hätte, dann soll diese gleich verstaatlicht werden. Sonst passiere, was in Amerika nach der Jahrtausendwende eingetreten sei, als Wall Street – die US-Finanzwelt – in Main Street – also am Regierungssitz in Washington – die Macht übernommen hätte.

3. «Leute, die mit verbundenen Augen am Steuer eines Schulbusses sassen (und ihn an die Wand fuhren), sollten nie wieder einen Bus in die Finger bekommen.»

Alle Experten oder Aufseher hätten versagt, schreibt Taleb: die Gelehrten, die Behörden, die Notenbanker, die Politiker. Den Versagern zuzutrauen, einen Ausweg zu finden, sei «unverantwortlich und verrückt».

4. «Lass niemanden, der an einem Boni-Tropf hängt, an die Verwaltung eines Kernkraftwerks – oder deiner eigenen Finanzrisiken.»

Taleb spricht von «Asymmetrie des Bonussystems», bei der die Gewinne in den Taschen der Banker landeten. Es dürfte nicht nur Belohnungen geben, sondern müsse immer auch eine Bestrafung absetzen, wenn jemand versagt habe.

5. «Einfachheit als Gegengewicht zur Komplexität»

Komplexe Systeme müssten in einer globalisierten Wirtschaftswelt durch «einfache Finanzprodukte» ausgeglichen werden. Denn in einer komplizierten Wirtschaft stecke viel «Luft», die sich zu gefährlichen Blasen auswachsen könnten. «Aktienblasen» wie im Technologieboom von 2000 seien harmlos im Vergleich zur jetzt erlebten «Schuldenblase».

6. «Gib Kindern kein Dynamit, selbst wenn eine Warnung draufsteht.»

Derivate seien zu gefährlich, um sie Investoren von umsatzgetriebenen Bankern andrehen zu lassen, während sich die Aufseher von der Finanzwissenschaft in falschem Sicherheitsglauben täuschen lasse.

7. «'Vertrauen' sollte nur bei Schneeballsystemen (Ponzi-Systemen) im Spiel sein»

Gerüchte sollten sich gar nicht erst zu gefährlichen Gebilden auftürmen können, da Regierungen gegen eine solche Macht machtlos würden. Die Individuen müssten vielmehr in der Lage sein, sich von Gerüchten nicht beeinflussen zu lassen.

8. «Gib einem Süchtigen nicht einfach mehr Drogen, wenn er an Entzugserscheinungen leidet.»

Die Schuldenkrise wuchs sich wegen des hohen Grads von Verschuldung zu einer Mega-Krise aus. Diese durch eine noch höhere Verschuldung zu kurieren, gleiche einer «Realitätsverweigerung», schreibt Taleb. Stattdessen sei es für die Welt Zeit, in die «Rehabilitation» zu gehen.

9. «Bürger sollten für ihre Altersvorsorge nicht von Finanzanlagen oder vom Rat fehlbarer 'Experten' abhängen.»

Sicherheit in Finanzfragen gebe es nicht. Entsprechend sollten wir uns nicht um unkontrollierbare Finanzinvestitionen Sorgen machen müssen, sondern uns auf unsere eigenen Geschäfte konzentrieren, die wir kontrollieren könnten.

10. «Benutze zerbrochene Eier zu einer Omelette.»

Das alte System mit neuen Regeln sicherer zu machen, sei illusorisch, meint Taleb. Nur ein radikaler Neuanfang würde aus der Krise führen. Ein Übergang zum «Kapitalsmus 2.0» tue Not, in dem beispielsweise kreditfinanzierte Firmenkäufe verboten gehörten. Die Verantwortlichen, die uns in den Schlamassel geritten hätten, sollten ihre Boni zurückzahlen müssen, und den Menschen sollte man beibringen, «sich in einer Welt mit weniger Sicherheiten zurechtzufinden».

Würden diesen zehn Geboten nachgelebt, zieht Taleb Fazit, dann würde eine Welt entstehen, «in der Unternehmer die Risiken tragen, nicht Bankiers; eine Welt, in der jeden Tag, unbeachtet von den News, Unternehmen zur Welt kommen oder aus ihr verschwinden können».