Unnötige Belastung

31. August 2018 16:47; Akt: 01.09.2018 14:46 Print

Wie die Zeitumstellung der Wirtschaft schadet

von Dominic Benz - Das halbjährliche Umstellen der Zeit soll es bald nicht mehr geben. Dies würde auch die Wirtschaft freuen. 20 Minuten sagt, warum.

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Eingeführt wurde die Sommerzeit 1973 in Europa anlässlich der Ölkrise und mit dem Gedanken, Energie zu sparen. Mit der Zeitverschiebung sollte eine Stunde Tageslicht für Unternehmen und Haushalte gewonnen werden. Die Schweiz führte die Sommerzeit 1981 ein, um sich den Nachbarländern anzupassen. Vorher war sie in einer Volksabstimmung abgelehnt worden. Fachleute zweifeln mittlerweile am Nutzen: Zwar schaltet man im Sommer abends seltener das Licht an, ... ... dafür wird im Frühling und im Herbst in den Morgenstunden mehr geheizt. Laut einer Studie des deutschen Büros für Technikfolgenabschätzung von 2015 liegt die Einsparung bei weniger als 0,03 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs. Der Rückgang der für Beleuchtung nötigen Energie liegt bei 0,21 Prozent. Zudem führt es zu gesundheitlichen Problemen, wenn an der Uhr gedreht wird. Man sagt, im Durchschnitt benötigten Menschen ein bis zwei Tage, bis die innere Uhr wieder richtig tickt. Müdigkeit, ... ... verminderte Leistungsfähigkeit und ... ... vermehrte Herzinfarkte sind die Folge. Ein Schlafforscher nannte das einst «Jetlag unter erschwerten Bedingungen». Doch nicht jeder ist nach ein bis zwei Tagen wieder im Rhythmus. Vor allem ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit Schlafstörungen tun sich damit eher schwer – die Eingewöhnungsphase kann bei ihnen bis zu sieben Wochen dauern. Auch das Schlaganfallrisiko und ... ... die Infektanfälligkeit sind in den Tagen nach der Umstellung erhöht. Zudem ... ... wurde nach der Umstellung im Frühling eine erhöhte Fehlgeburtenrate bei künstlich befruchteten Frauen festgestellt. Der Körper wird während der Sommerzeit von der Natur zum selben Stand der Sonne fit gemacht, auch wenn er eine Stunde eher geweckt wird. Das liegt daran, dass die Wirkung des Stresshormons Cortisol nicht der veränderten Uhrzeit, sondern dem Sonnenaufgang folgt. Nach der Zeitumstellung im Frühling schläft man in den ersten Tagen durchschnittlich 40 bis 50 Minuten weniger. Zudem schläft man nach der Umstellung sowohl im Herbst wie im Frühling deutlich unruhiger. Nach der Umstellung im Herbst werden sprunghaft mehr Winterdepressionen diagnostiziert. Das liegt wohl daran, dass dadurch der Winter schlagartig fassbar wird, was eine Art psychologischen Schock auslösen kann. Die Menstruation kann bei Frauen, die nicht hormonell verhüten, bis zu zehn Tage später einsetzen. Die Verschiebung des Zyklus kann bis zu drei Monate andauern. Da sich Wildtiere am Sonnenlicht orientieren und keine Zeitumstellung kennen, kommt es bis zu vier Wochen nach der Zeitumstellung zu überdurchschnittlich vielen Wildtierunfällen. Mehrere Studien haben zudem ergeben, dass am Montag nach der Zeitumstellung generell mehr Unfälle passieren. Schuld daran sind der Sekundenschlaf, die morgendliche Dunkelheit und die verwirrte innere Uhr. Doch nicht nur der Mensch, auch das Vieh hat Mühe mit der Zeitumstellung. Eine Kuh kann nicht einfach eine Stunde später gemolken werden, wenn bereits 20 bis 25 Liter Milch im Euter warten. Sonst drohen Euterentzündungen. Die Bauern behelfen sich damit, dass sie die Melkzeit bereits ein paar Tage vor der Sommerzeit schrittweise nach vorn verlegen. Das funktioniert.

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Jedes halbe Jahr gewinnen oder verlieren wir eine Stunde. Möglich macht das die Umstellung auf Winter- oder Sommerzeit. Das könnte aber bald ein Ende haben: Am Freitag hat sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker für eine «ewige Sommerzeit» ausgesprochen. Denn das ewige Hin und Her nervt die Bevölkerung. Vor allem ältere Menschen und kleine Kinder haben Mühe.

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Aber auch auf die Wirtschaft hat die Zeitumstellung negative Folgen. 20 Minuten zeigt auf, wo das der Fall ist:

• Schichtbetriebe
Für Industriekonzerne, Krankenhäuser oder Dienstleistungsbetriebe ist die Zeitumstellung mühsam. Sie müssen die Arbeitsschichten und Produktionsabläufe anpassen. «Das verursacht hohe administrative Kosten», sagt Korbinian von Blanckenburg, Ökonom an der deutschen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, zu 20 Minuten. Ein grosses Problem hätten die Energieversorger: «Sie müssen Sonderschichten schieben, um in der Nacht der Zeitumstellung sicherzustellen, dass beispielsweise die von den Städten bestellten Strom- und Gasmengen zur richtigen Zeit fliessen.»

• Öffentlicher Verkehr
Bei den Betreibern von Zug-, Bus- und Tramnetzen wirbelt die Zeitumstellung den Fahrplan durcheinander. Sonderschichten sind im Herbst nötig. «Die Änderung auf Winterzeit macht die Nacht um eine Stunde länger. Wir benötigen daher entsprechend mehr Nachtzüge», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Auch Busse und S-Bahnen im Nachtnetz von Zürich kurven beim Wechsel nach einem speziellen Fahrplan. Kaum beeinflusst wird hingegen der internationale Flugverkehr, da sich dieser nach der Weltzeit richtet.

• Landwirtschaft
Gemäss Von Blanckenburg hat das zeitliche Hin und Her «gravierende Auswirkungen» auf die Landwirtschaft. Kühe und Schweine sollten wenn möglich immer zur gleichen Zeit gefüttert werden. Bei den Kühen wird die Milchproduktion gestört. Bauern müssen daher zweimal im Jahr sowohl behutsam das Füttern als auch das Melken anpassen. «Es gibt Bauern, bei denen dauert die Anpassung rund zwei Wochen», so Von Blanckenburg. Laut der Schweizer Genossenschaft Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost übernehmen in modernen Betrieben automatische Milchsysteme diese Aufgabe.

• Leistungsfähigkeit bei Mitarbeitern
Die Zeitumstellung bringt den menschlichen Biorhythmus durcheinander. Bis er sich wieder eingependelt hat, dauert es teilweise über eine Woche. Vor allem die Umstellung im Frühjahr belastet, weil man eine Stunde Schlaf verlieft. «Viele Menschen leiden dann unter Konzentrationsschwäche, Stress und Müdigkeit», sagt Von Blanckenburg. Die Betroffenen können bei der Arbeit weniger leisten und machen unnötige Fehler. Das kostet die Firmen viel Geld. Auch das Immunsystem ist geschwächt. «Die Zahl der Arztbesuche schnellt jeweils nach Umstellungen nach oben», sagt Von Blanckenburg. Viele bleiben dann wegen Krankheit der Arbeit fern. Auch das verursacht hohe Kosten in der Wirtschaft.

• Höhere Stomkosten
Eigentlich wurde die Zeitumstellung eingeführt, um Energie zu sparen. Laut Studien bleibt aber der Spareffekt aus. Laut Von Blanckenburg würde eine andauernde Sommerzeit mehr bringen. «Der grösste Teil des Energieverbrauchs fällt am Abend an», sagt er. Weil es bei der Sommerzeit länger hell bleibe, würden die Menschen ihre Freizeit tendenziell mehr draussen verbringen. «Sowohl Licht als auch Fernseher oder Computer wird dann weniger benutzt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus O. am 31.08.2018 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zügig umsetzen

    Endlich wird dieses Thema angegangen. Hoffentlich wird die Zeitumstellung zügig abgeschafft!

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  • herbert am 31.08.2018 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    blödsinn

    wenn es der wirtschaft ja soooo schadet, warum wurde die zeitumstellung überhaubt eingeführt. es wurde ja überhaupt für die wirtschaft eingeführt. uns bringts nähmlich nichts, ausser das es unsere innere uhr aus dem gleichgewicht bringt.

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  • steffen am 31.08.2018 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und

    wenn man dies so liest ist die Frage erlaubt, weshalb man dann umstellte...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Marcel am 01.09.2018 22:20 Report Diesen Beitrag melden

    Zeitumstellung ist nach wie vor sinnvoll

    Ich finde die Zeitumstellung nach wie vor sinnvoll - Im Sommer am Abend länger hell, das mag wohl jeder. Im Winter wäre der Sonnenaufgang ohne das Zurückstellen der Zeit erst um ca. 9Uhr - wollen wir wirklich die Kindergärtler und 1-3 Klässler im Dunkeln in die Schule schicken?

  • Hene am 01.09.2018 17:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umgestellt

    Ich bin selbständig erwerbend und ignoriere die Winterzeit seit fünf Jahren. Herrlich! Als Arbeitnehmer und oder Eltern von Kinder kann man das natürlich nicht so einfach machen. Ich empfinde eine erhöhte Lebensqualität mit gleichbleibender Zeit. Ob Winterzeit oder Sommerzeit ist mir dabei ziemlich egal.

  • Chris am 01.09.2018 17:04 Report Diesen Beitrag melden

    Simulantitis korruptis

    Erstaunlich, wie Menschen wegen einer Stunde Zeitumstellung leiden wollen. Gehen alle das ganze Jahr exakt zur selben Zeit ins Bett und schlafen auf die Minute pünktlich ein? Aber der Flug in die Ferien nach Übersee oder der Wochenendausgang bis in die Morgenstunden sind wiederum kein Problem!

  • Leser am 01.09.2018 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Welches 'ist mir egal'

    ist jetzt egaler

  • Mr. Spock am 01.09.2018 14:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die "Normale" Zeit ist

    eigentlich die Heit in den Wintermonaten. Bei der Sommerzeit werden die Uhren eine Stunde vorgestellt was aber nicht der richtigen Zeit entspricht. Wieso jetzt nicht wieder die Normale Zeit die vor der ganzen Übung von Sommer/Winterzeit eingeführt werden soll ist mir ein Rätsel

    • Alex am 01.09.2018 15:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mr. Spock

      Ich mag die Sommerzeit lieber. So wie der Lebensrythmus jetzt ist, habe ich am Abend, nach der Arbeit, mehr helle Zeit. Am Morgen brauche ich das nicht.

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