Finanzkrise

17. Dezember 2008 17:27; Akt: 17.12.2008 17:49 Print

Zinsen bald auf 0: Gut, schlecht oder egal?

von Werner Grundlehner - Eine Leitzinssenkung jagt die andere. Zuletzt senkte die US-Zentralbank Federal Reserve die Leitzinsen praktisch auf 0. Vor Wochenfrist tat dies die SNB. Was können Zentralbanken machen, wenn die Finanzkrise sich verschärft? Was bedeutet die Abwesenheit von Leitzinsen für die Konsumenten?

Fehler gesehen?

Banken erhalten seit Dienstag von der US-Zentralbank Geld praktisch gratis, in der Schweiz ist die Situation seit der vergangenen Zinssenkung der SNB etwa gleich. Die Zentralbanken geben an, dass sie vor allem dem Finanzsektor helfen wollen. Denn die Geschäftsbanken trauen sich untereinander nicht und geben sich gegenseitig keinen Kredit. Haben die Zentralbanken jedoch zu heftig reagiert?

Für Martin Eichler vom BAK Basel Economics sind die Zinssenkungs-Massnahmen der Nationalbanken nicht übertrieben. «Von Verzweiflung kann man noch nicht sprechen, aber die Einbrüche, die prognostiziert werden oder sich bereits abzeichnen, sind doch bedrohlich», so Eichler. Weil die Teuerung ebenfalls stark nachgelassen habe, seien hohe Zinssenkungen das richtige Mittel. «Die meisten Staaten haben nun indes ihr Zinssenkungspotenzial ausgeschöpft und sind an der unteren Zinsgrenze angekommen», meint der Ökonom.

Der Fokus liegt auf dem Finanzsektor

Klar gebe es noch weitere Instrumente, mit denen die Nationalbanken eingreifen könnten, sagt Eichler. Verglichen mit Zinssenkungen seien diese in einer normalen Situation jedoch eher die zweite Garde. «Weil aber die Krise aus dem Finanzsektor kommt, können auch Eingriffe am Geldmarkt, welche die Nationalbank nach Ausschöpfen der 'Zinswaffe' vornehmen können, durchaus Wirkung zeigen», fügt der Ökonom an.

Es sei auch richtig, dass die Nationalbank den Blick auf den Finanzsektor richte. Wenn sich die Lage dort entspanne, könne auch eine Kreditklemme für die Industrie vermieden werden. «Angesichts des weit verbreiteten Pessimismus und wenn alle Zentralbanken zusammen agieren, sind zusätzliche negative psychologische Effekte nicht zu befürchten», antwortet der BAK-Ökonom auf die Frage, ob das ungewohnte starke Eingreifen nicht den Verdacht aufkommen lasse, die Zentralbanker sähen für die Zukunft schwarz.

Schlechte Nachricht für Sparer

Marc Weber vom Vermögenszentrum weist darauf hin, dass Leitzinssenkungen auch dazu führten, dass sich Sparen im Moment nicht lohne. «Die Bürger sollen konsumieren und die Wirtschaft ankurbeln», erklärt Weber. Daher könne es gut sein, dass auf Privatkonten oder für Festgeld in nächster Zeit kein Zins bezahlt würde. «Etwas anderes ist es bei Sparkonten, die einen 'politisch' Zinssatz haben», fügt der VZ-Experte an.

In der letzten Tiefzinsphase hätte man hier jedoch Zinsen von 0,125 Prozent gesehen. Das heisse aber auf der anderen Seite nicht unbedingt, dass Unternehmen günstiger zu Krediten kämen, denn die Banken seien sehr risikoavers, d.h. sie belegten Unternehmensdarlehen mit einer hohen Risikoprämie. Nur gute Risiken wie beispielsweise Hypotheken profitierten von den tiefen Sätzen. «Es gibt bereits Anbieterm, die Libor-Hypotheken für unter 2 Prozent anbieten», meint Weber. Banken, die kein eigenes grosses Hypogeschäft haben, sind im Anlagenotstand, sie erhalten Mittel und wissen nicht wohin damit.

Die nächste Blase wird vorbereitet

Der UBS-Ökonom Daniel Kalt ist sich nicht sicher, ob bereits die nächste Blase entstehe. «Anzeichen sehe ich im US-Staatsanleihenmarkt», meint Kalt. Bereits als Reaktion auf das Platzen der Dot-com-Blase senkte die US-Zentralbank die Zinsen 2003 auf ein sehr tiefes Niveau. Mit diesem billigen Geld wurde die nächste Blase im Immobilienmarkt kreiert, die für die aktuelle weltweite Finanzkrise verantwortlich zeichnet.

Momentan sei es für die globale Ökonomie entscheidend, dass die US-Sparquote steige, denn die Amerikaner hätten drei Jahre nichts gespart und alles ausgegeben. «Die Sparquote hängt nicht am Sparzins, ausschlaggebend sind Arbeitsplatzsicherheit und damit die Aussichten für die persönliche Einkommensentwicklung», so Kalt. In einem unsicheren Umfeld würden die Leute mehr sparen.