Finanzbranche

22. März 2011 15:16; Akt: 22.03.2011 18:13 Print

Zinsrisiken entpuppen sich als Zeitbombe

von Balz Bruppacher - Tiefe Zinsen sind Sauerstoff für die Wirtschaft. Für den Finanzplatz ist die aussergewöhnlich lange Tiefzinsphase ein Stabilitätsrisiko.

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Die neue Finma-Präsidentin Anne Héritier Lachat überliess den grossen Auftritt dem CEO Patrick Raaflaub. (Bild: Keystone)

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Offensichtlich macht sich die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) grosse Sorgen wegen der Zinsrisiken. Direktor Patrick Raaflaub widmete dem Thema jedenfalls sein ganzes Referat an der Jahresmedienkonferenz in Bern. Als besonders heikel stuft er zwei Szenarien ein. Zum einen, wenn das Zinsumfeld noch über längere Zeit unverändert tief bleibt, zum anderen, wenn die Zinsen abrupt und stark steigen sollten.

Bei den Banken sind gemäss Raaflaub die im Privatkundengeschäft tätigen Institute am stärksten exponiert und mit Ertragseinbussen konfrontiert. Sie erhalten trotz historischen Tiefstszinsen neue Kundeneinlagen und haben damit steigende Kosten bei der Kundenbetreuung. Bei den Ausleihungen drückt zugleich der harte Wettbewerb vor allem im Hypothekargeschäft auf die Zinserträge. Höhere Zinsen gibt es nur für risikoreichere Anlagen mit entsprechenden Ausfallgefahren. Druck auf die Ertragslage gibt es zudem, weil auslaufende Anlagen, die vor einigen Jahren zu deutlich höheren Zinssätzen abgeschlossen worden waren, jetzt nur zu tieferen Sätzen wieder angelegt werden können.

Sollten die Zinsen plötzlich stark steigen, kommt ein weiteres Risiko auf die Banken zu. Denn die Nachfrage nach Festhypotheken mit Laufzeiten von mehr als fünf Jahren hat in letzter Zeit stark zugenommen. Was kurzfristig zu willkommenen Zinseinnahmen führt, weil die Zinssätze für Festhypotheken zurzeit höher sind als jene für variable Hypotheken, würde dann zu einer Belastung. «Die Banken sind fast ausnahmslos gegenüber steigenden Marktzinsen exponiert», sagte Raaflaub und stellte für den Fall stark steigender Zinsen deutliche Ertragseinbussen in Aussicht. Bei einem Zinsanstieg um einen Prozentpunkt sei mit einer Schmälerung des Eigenkapitals der im Hypothekargeschäft tätigen Banken um durchschnittlich mehr als sechs Prozent zu rechnen, sagte der Finma-Direktor.

Appell an Verwaltungsräte der Banken

Er appellierte an die Banken und insbesondere auch an deren Verwaltungsräte, das Zinsrisiko stärker zu beachten. Die Finma selber hat in den letzten Monaten vertiefte Untersuchungen im gesamten Bankensystem und bei einzelnen Instituten durchgeführt. In diesem Jahr will sie auch mehrere Vor-Ort-Besuche bei Banken machen. «Punktuell ordnet die Finma auch korrigierende Massnahmen an», sagte Raaflaub.

Bedrohlich können die Zinsrisiken aus Sicht der Finma auch für die Lebensversicherer werden. Neben dem Problem der Finanzierung des Zinsaufwands für die Lebensversicherungsprodukte verwies Raaflaub auch auf die Gefahr einer Negativspirale durch die Massnahmen der Finma zum Solvenzschutz. Muss die Aufsichtsbehörde nämlich zum Schutz der Versicherten die Aussetzung von Dividenden, Aktienrückkäufen und Überschussbeteiligungen anordnen, so kann sich dies negativ auf das Vertrauen der Kunden auswirken. Und zwar in der ganzen Branche.

Mehr Kapital für Grossbanken: «Je schneller, desto besser»

Die neue Finma-Präsidentin, Anne Héritier Lachat, hielt sich bei ihrem ersten Medienauftritt seit dem Amtsantritt Anfang 2011 zurück. Sie sprach sich unter anderem für eine integrale Umsetzung der Too-big-to-fail-Vorlage aus und sagte, die Krise sei noch nicht ausgestanden. Mark Branson, der Leiter des Geschäftsbereichs Banken, trat der Auffassung entgegen, die Schweiz werde sich mit ihren Plänen für höhere Eigenmittelvorschriften international ins Abseits manövrieren. Der internationale Konsens gehe in Richtung einer Verschärfung und nicht einer Lockerung des Regimes. Den Grossbanken riet er, die geplanten neuen Eigenmittelvorschriften nicht erst auf Anfang 2019 umzusetzen. «Je schneller, desto besser», sagte er an die Adresse von UBS und Credit Suisse.


Finma-Präsidentin Anne Héritier Lachat über die starken Eigenmittelvorschriften für Schweizer Banken.