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Dr. Muscle

09. März 2016 12:33; Akt: 22.03.2016 07:36 Print

Warum Sie trotz Sport nicht weiter abnehmen

Zunächst purzelten die Kilos, aber jetzt stagniert der Zeiger auf der Waage? Dieser Effekt liegt in der Steinzeit begründet. Dr. Muscle erklärt, wieso.

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Viel Sport und genügend Nahrung: Wieso das nicht unbedingt zum gewünschten Diäteffekt führt, erklärt Dr. Muscle. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

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Wie in der letzten Kolumne beschrieben, erhöht zunehmender Sport den täglichen Energieumsatz unseres Körpers nur bis zu einem gewissen Punkt. Unlogisch, denken Sie? Nicht unbedingt.

Aus evolutionsbiologischer Sicht scheint die Strategie, den täglichen Energieumsatz nach oben zu beschränken, für die natürliche Selektion von Vorteil zu sein, und zwar für jedes erdenkliche ökologische Szenario. Beispielsweise sind für viele Organismen Hungerphasen beziehungsweise Phasen der Nahrungsbeschaffung mit einer Zunahme von Bewegung zwingend verbunden. Ohne Bewegung kann für diese Organismen keine Nahrungs- beziehungsweise Energieaufnahme erfolgen. Dies war wohl auch für unsere Vorfahren aus der Zeit der Jäger und Sammler der Fall. Würde in einer solchen Situation der Energieumsatz linear und unlimitiert mit einem erhöhten Bewegungspotenzial steigen, würde er genau dann maximiert, wenn der körperliche Energiebedarf beziehungsweise das Risiko einer Hungersnot am grössten ist. Die Überlebenschance würde sinken.

Im Gegenteil dazu würde bei zunehmendem Bewegungspensum die Beschränkung des täglichen Energieumsatzes zu Lasten der restlichen Stoffwechselvorgänge im Körper den gesamten Energiebedarf limitieren, und das Sterblichkeitsrisiko somit reduzieren. Es gibt aber auch Organismen, bei denen der muskuloskelettale Energieumsatz beim Anlegen von Nahrungsvorräten in Zeiten grosser Nahrungsverfügbarkeit am grössten ist. Ein solches Szenario, das heisst hohe Nahrungsverfügbarkeit und -aufnahme bei beschränkter Zunahme des TTE durch körperliche Arbeit, würde die körperlichen Energiereserven (sprich Fett, Kohlenhydrate und Protein) maximieren. Ich befürchte, dass dies der Situation von Personen entspricht, die zwar körperlich sehr aktiv sind beziehungsweise sehr viel trainieren oder körperlich arbeiten, gleichzeitig aber auch übermässig viel Energie über die Nahrung aufnehmen.

Obwohl wir in dieser Fragestellung wissenschaftlich erst am Anfang stehen, gibt es doch gute Daten, die darauf hindeuten, dass bei uns Menschen der tägliche Energieumsatz eine geregelte Grösse darstellt. Sollte sich dieser Sachverhalt durch viele weitere Studien bestätigen, hätte er für die Gesellschaft eine enorm grosse Praxisrelevanz, nicht nur für Mediziner und Ernährungsberater, sondern auch für den allgemeinen Fitnessbereich und den (Spitzen-)Sport. Es ist nämlich zu vermuten, dass gerade Spitzensportler mit sehr hohem muskuloskelettalem Energieumsatz (im Training und im Wettkampf) über einen viel höheren Sättigungspunkt im täglichen Energieumsatz verfügen, wahrscheinlich primär genetisch und oder durch das jahrzehntelange Training bedingt. Dadurch wären Sie gegenüber ihrem Bewegungspensum (durch Sport und Training) toleranter als der Durchschnittsmensch, was für den Spitzensport einen Selektionsvorteil darstellt. Solche Athleten sind demnach in erster Linie nicht unbedingt darum erfolgreich, weil sie so oft, lang und hart trainieren, sondern weil sie diese Trainings- und Wettkampfpensen ohne oder zumindest mit weniger Einbussen für die übrigen Stoffwechselprozesse bewältigen können. Anders gesagt können Spitzenathleten wahrscheinlich solch hohe Energiepensen bewältigen, während andere an der Stelle schön längst in einem Bereich gelandet wären, den man allgemein noch als «Übertraining» bezeichnet.

(gss)