Zwischennutzung

07. Juni 2019 20:34; Akt: 07.06.2019 20:34 Print

In Muttenz wohnen Studis in einem ehemaligen Spital

von Daniela Gschweng - Günstig kann sehr cool sein. Die ehemalige Klinik ist eine Zwischennutzung mit sehr speziellen Wohnungen.

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An der Fassade des Bauwerks in Muttenz ist in roten Buchstaben noch der Schriftzug «Rennbahn» zu lesen, was für «Rennbahnklinik» steht. Ärzte und Pfleger sind längst ausgezogen. Wo sich einst Sportgrössen wie Roger Federer behandeln liessen, wohnen jetzt Studierende.

15 Minuten von der Innenstadt

Seit 2015 ist die ehemalige Klinik ein Studentenwohnheim. Der Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) ist gleich in der Nähe, in die Basler Innenstadt sind es mit dem Velo oder dem ÖV etwa 15 Minuten. Der Bau aus den 1970er-Jahren ist nicht besonders auffällig. Viel Beton, grosse Fenster, grüne Verkleidung. Im Inneren ist dafür einiges anders als sonst in einer Studentenunterkunft.

Vor kurzem konnte man sich anschauen, wie die Studierenden wohnen. Am Tag der offenen Architektur «Open House Basel» hatten einige Wohngemeinschaften zur Besichtigung geöffnet. Wer in die ehemalige Klinik einzieht, bekommt ein Zimmer mit unverputzten Wänden, hohen Decken und viel Gemeinschaftsraum. Bis auf das Zimmer teilt er sich alles mit zwei bis sechs Mitbewohnern. «Loft-Style», sagte Annette Vonder Mühll vom Verein für Studentisches Wohnen (WoVe), der die Wohnungen verwaltet.

Grosszügige WG

«So grosszügig wohnt man als Student selten», sagt Niklas, der im zweiten Stock wohnt und Besuchern geduldig Auskunft gab. Allein im Flur seiner WG liesse sich ein halber Haushalt unterbringen. Das Bad neben der offenen Küche ist klein, der gemütlich eingerichtete Wohnbereich mit den grossen Fenstern, der in der etwa L-förmigen Wohnung um die Ecke liegt, dafür umso grösser.

Der ungewöhnliche Zuschnitt der Wohnungen liegt am Gebäudegrundriss, der aussieht, wie ein pixelig-gezacktes Raumschiff aus einem Videospiel der 1980er-Jahre. Wohl auch ein Grund, weshalb sich nach dem Auszug der Klinik 2014 kein Nachmieter fand. Dazu kommt der Lärmschutz. Wegen der angrenzenden Hauptverkehrskreuzung ist Wohnen in manchen Gebäudebereichen gar nicht erlaubt. Die Nutzungsdauer war von Anfang an auf zehn Jahre begrenzt.

Was passiert, wenn man sich in der Architektur was traut

Voraussetzungen, die wie geschaffen sind für Wohngemeinschaften, fand das Architekturbüro Sabarchitekten (heute Salathé Architekten Basel). Es überzeugte den Eigentümer und die Gemeinde Muttenz, die Klinik in ein Wohnheim zu verwandeln. Die sehr speziellen Wohnungen sind ein Schaustück darüber, was passiert, wenn man sich in der Architektur etwas traut.

Auch oder gerade dann, wenn kein Geld da ist. «Das Wichtigste war ein minimales Budget», berichtete der Architekt Dominique Salathé, verantwortlicher Partner von Sabarchitekten, der den Umbau geplant hat. Schliesslich sollten die Wohnungen für Studierende bezahlbar bleiben.

Einziges Überbleibsel: Die Badezimmer

Teppiche, Deckenverkleidungen und alle Wände, die nicht unbedingt gebraucht wurden, flogen raus. Von der Klinik blieben nur die Badezimmer, aus Kostengründen. Was übrig blieb, war fast ein Rohbau. An den ruhigen Stellen entstanden Zimmer, zur Strasse grosse Aufenthaltsräume. Auf alle nicht unbedingt nötigen Arbeiten verzichteten die Architekten, Streichen und Verputzen fiel aus.

Um Geld zu sparen, verwendeten sie Recyclingmaterial und Restposten. Deshalb sieht jede Wohnung ein wenig anders aus. In der Küchenzeile von Niklas Wohngemeinschaft sind die Plättli gelb, in einer grösseren WG im dritten Stock sind sie grün. Der Boden ist uneinheitlich, die Installationen liegen offen.

Kalt wirkt die Wohnung dennoch nicht. Dunkle Türrahmen und Sperrholz sorgen für ein wohnliches Gefühl. Der Flur ist so gross, dass neben einem Töggelikasten auch noch die Hausbar Platz hat. Zur Besichtigung sitzen vier der sieben Mieter gutgelaunt auf dem Sofa vor dem Fernseher im riesigen Gemeinschaftsraum. Fotografiert werden wollen sie nicht, machen aber allesamt nicht der Eindruck, in einer traurigen Bruchbude zu wohnen.

Miete eher an der oberen Grenze

Der Investor macht mit dem Gebäude kaum Gewinn. «Die Honorare sind gemessen am Aufwand natürlich auch nicht hoch», sagt Dominique Salathè. Die Gemeinde Muttenz unterstützt das Projekt. Die Rennbahn-Zimmer liegen mit 450 bis 780 Franken Warmmiete für Basel eher an der oberen Grenze. Möblierte Zimmer, die vor allem ausländische Studierende in Anspruch nehmen, sind etwas teurer.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • güsche am 07.06.2019 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    richtig gemachr

    Super schlau. Perfekt. Sollte im Berner Zieglerspital auch so was gemacht werden.

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  • So könnte am 07.06.2019 22:11 Report Diesen Beitrag melden

    die Zweitnutzung

    von zeitweilig ungenutzten Immobilien, plus der Verwendung von Materialien, die recycelt wurden, gehen. Zum Vorteil der Mietenden und der Umwelt. Aber auch als Herausforderung an die Profis, die weit grosszügiger denken und planen dürfen als bislang.

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  • Nachbar am 08.06.2019 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    Um die Ecke

    Tipp, die Pizza unten in der Rennbahn ist echt gut.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lääser am 14.06.2019 08:58 Report Diesen Beitrag melden

    Eng und teuer

    Finde das gezeigte Zimmer ziemlich eng und dafür teuer. Erinnert schon fast ein wenig an eine Zelle. Wenigstens werden die Studenten ihren eigenen Schlüssel erhalten.

  • Teleblocher am 12.06.2019 23:31 Report Diesen Beitrag melden

    Luxus

    Studis sollten in Armenhaus leben zusammen nit Arbeitslosen.

  • Erfahrung am 11.06.2019 18:59 Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück bei der Wove !

    Viel Lärm, fast keine Ruhe, nicht so sauber, teuer für was es ist, Amateur-Management... ein WG wäre besser...

  • anon am 10.06.2019 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    rennbahn

    fun fact: die rennbahnklinik heisst rennbahn, weil früher tatsächlich eine holzrennbahn da war. die klinik hat dann als gedenken an diese den namen übernommen/bezeichnet.

  • Studentin am 10.06.2019 11:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Austausch und Wohnen

    Sowas sollte es schon längst geben. Da können sich Studenten unterschiedlicher Fachbereiche austauschen und sich treffen und trotzdem gut wohnen in Ruhe. Das fehlt mir als Studentin. Spezielle Fachbereiche sind einfach schwieriger ohne sich austauschen zu können. Selbst in Firmen wo Praktika abgelegt werden könnten fehlen Fachwissen oder die Werte welche weitergegeben werden könnten.

    • wgwg am 11.06.2019 18:51 Report Diesen Beitrag melden

      wove aufpass !

      gut wohnen in Ruhe ; ) du träumst zu viel...

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