Zeitreise

09. April 2019 20:50; Akt: 09.04.2019 20:50 Print

Wohnen wie in den Dreissigerjahren

von Daniela Gschweng - Zwei Studierende werden in Basel bald wohnen wie die Arbeiterklasse vor 90 Jahren.

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Von aussen sieht das Reihenhaus in der verschlafenen Gasse hinter dem Badischen Bahnhof in Basel aus wie die anderen neben ihm; davor befindet sich ein kleiner Garten samt Gartentürchen, ausserdem gibt es eine Terrasse und eine Gartenhütte aus Holz.

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Innen beginnt eine Zeitreise: Das Haus ist möbliert, gestrichen und ausgestattet wie vor 89 Jahren. Sei es das senfgelbe Sofa, die schlichten Betten, das Geschirr oder auch die Lichtschalter. Alles ist so, wie es bei der Erbauung des Reihenhauses um 1930 war.

Ein Haus wie aus den Dreissigern

Dahinter steckt der Verein «Ein Haus Woba», der die Liegenschaft in akribischer Kleinarbeit wiederhergestellt hat. Die rekonstruierte Wohnung ist nicht nur ein sehenswertes Zeitzeugnis. Demnächst sollen die ersten Mieter einziehen – zu speziellen Bedingungen. Ein gelungenes Projekt, fanden die Besucher am ersten Tag der offenen Tür.

Zu verdanken ist es Lukas Gruntz. Als die Wohnung 2016 frei wurde, werkelte der Architekt gerade an seiner Masterarbeit über die Woba und die «Wohnkolonie Eglisee». 13 Architekten bauten dort im Auftrag der Wohnbaugenossenschaften Basels je einen Wohnriegel als begehbare Ausstellung für die erste Basler Wohnmesse. Wenigstens eine dieser Wohnungen, fand Gruntz, müsse man im Originalzustand erhalten.

Monatelang passendes Geschirr gesucht

Vor zwei Jahren gründete er «Ein Haus Woba», suchte Unterstützer und sammelte Spenden, um die Wohnung wiederherzustellen. Ein Jahr später hatte er auch die Genossenschaft Eglisee überzeugt.

Eine akribische Recherche über die originale Ausstattung, die verwendeten Farben, Tapeten und Bodenbeläge begann. Verein und Helfer kratzten die Farbschichten einzeln ab, suchten nach Fotos des Originalzustands und jagten monatelang nach zeitgenössischen Möbeln und passendem Geschirr.

45 Quadratmeter auf zwei Stockwerken

Das Ergebnis dieses Engagements kann sich sehen lassen, auch aus heutiger Sicht. Das Haus ist zwar klein, wirkt dank guter Raumausnutzung aber viel grösser. 45 Quadratmeter verteilen sich auf zwei Stockwerke, das ist weniger als in so mancher 1-Zimmer-Wohnung heute.

Wer eintritt, steht direkt in der Küche, daneben ist das Wohnzimmer, dahinter das Bad. Dazu kommen eine Toilette und zwei Schlafzimmer im ersten Stock. Ein Glanzstück der Einrichtung ist der blau emaillierte Elektroherd, den der Verein im Elsass aufgetrieben hat. Der «Siedlungsherd» mit den weissen Knöpfen funktioniert noch immer tadellos. Zur Besichtigung brodelten darauf zwei grosse Espressokannen.

Einzige moderne Ausnahme: ein Kühlschrank

Als einziges Zugeständnis an moderne Zeiten haben Gruntz und seine Mitstreiter einen Kühlschrank eingebaut. Als Museum dienen soll die Wohnung aus den Dreissigerjahren nämlich nicht. Schon bald sollen die ersten beiden Mieter einziehen, zu speziellen Bedingungen.

Eigene Möbel mitbringen dürfen die beiden Studierenden nicht, noch nicht einmal Bilder aufhängen. Auf manchen Komfort müssen sie auch verzichten. Eine Heizung gibt es beispielsweise nicht, dafür zwei grün gekachelte Holzöfen. «Daran gewöhnt man sich», sagt Gruntz. Die Miete belaufe sich auf «etwa 800 Franken monatlich», genau ausgerechnet hat er es noch nicht.

800 Franken pro Jahr

In den 1930er-Jahren war die Miete etwa genauso hoch – allerdings pro Jahr. Ob es für eine Familie nicht sehr eng gewesen sei, fragt ein jüngerer Besucher, der sich das Zusammenleben auf so engem Raum offensichtlich als ziemlich qualvoll vorstellt. «Gelitten habe ich nicht», antwortet ein Älterer, der gleich gegenüber aufgewachsen ist, und lacht.

Im «grossen Zimmer» wohnte er zusammen mit seiner Schwester, im anderen schliefen die Eltern. Das war in dieser Zeit normal, ein Haus mit Badezimmer war für eine damalige Arbeiterfamilie sogar durchaus luxuriös. Manchem war das ein Dorn im Auge. Als «Kommunistenbrutstätte», erinnert sich ein Nachbar, habe etwa die «Berner Zeitung» die Siedlung bezeichnet.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bes am 09.04.2019 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So lebten nur Reiche

    Das ist doch nicht ganz die Wahrheit, solche Wohnungen gab es damals nur für reiche Leute in der Stadt. Ich bin 1957 geboren und wir hatten keine Heizung, kein Bad, kein fliessendes warmes Wasser, nur kaltes, keine Waschmaschine (erst etwa 1966) halbautomatisch. Und wir konnten uns mit und in der Natur beschäftigen, wichtig man sprach miteinander. Bin froh , das erlebt zu haben, wir waren zufriedener.

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  • Schön am 09.04.2019 21:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weckt Erinnerungen

    Ich bin erst 32, aber in solch einer Altbauwohnung aufgewachsen. Wusste gar nicht, dass unsere so alt war! Wir hatten bis in die 90-er hinein solch einen Ofen im Zimmer, die Fliesen im Bad sehen noch genau gleich aus wie auf dem Bild, auch die Türen und der Wandstrich. Die 4-Zimmer Wohnung war etwa 60-70m2, das Bad winzig. Hat aber gereicht, dafür gab es einen riesigen Garten dazu, wie ihn kaum einer heutzutage hat! Meine Eltern wohnen immer noch in der Wohnung.

  • Leser am 09.04.2019 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach was

    So haben in den 30 er Jahren nur reicht Staedter gewohnt. Schaut euch Bilder aus dem Bedretto-, Lötschen- oder Tösstal an.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Typhoeus am 13.04.2019 23:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn schon Nostalgia,

    dann aber ohne Handy , Tablet Computer und Internet

  • Marc Rich am 10.04.2019 17:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler

    Die elektrische Kaffeemaschine auf dem Herd ist ein Klassiker von Therma und aus den 50ern/60ern!!!

  • Neukom am 10.04.2019 12:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sparschwein

    Wohne in einem Haus, das in den 80ziger Jahren gebaut wurde.Sehr einfach im Dachgeschoss.Nicht mal eine Geschirrabwaschmaschine habe ich.Bin so zufrieden.Kann viel Geld auf die Seite legen, da der Hauszins sehr tief ist.

  • Andy am 10.04.2019 08:52 Report Diesen Beitrag melden

    Juhu

    Juhu Studenten machen ein Experiment. Und das muss noch ins Internet.

  • Gisela am 10.04.2019 06:17 Report Diesen Beitrag melden

    Arme Schweiz?

    Ich (60) bin in ganz normalen Wohnungen aufgewachsen, inkl. Zentralheizung, normalem Herd, ohne Warmwasserboiler, daüfr mit Waschmaschine etc., in einem Mehrfamilienhaus. Das war allerdings Ende der 50er Jahre gebaut worden. Ich könnte mir nicht vorstellen so zu leben.

    • marko 34 am 10.04.2019 14:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Gisela

      Schrecklich

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