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Urbane Klangraumgestaltung

14. Mai 2016 11:49; Akt: 14.05.2016 11:49 Print

So sieht Architektur für das Ohr aus

Trond Maag erklärt, warum Lärm unsozial ist, weshalb wir «Asphalt-Groove» als angenehm empfinden können und warum man Dinge hört, die man gar nicht hören kann.

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Ein Beispiel, wie Geräusche besser verteilt werden: Die grünen Punkte und blauen Linien markieren Fassaden mit einer anderen Struktur, damit Schall nicht monoton reflektiert wird.

Fehler gesehen?

Forschen, das geht für Trond Maag sehr unkompliziert: «Wir gehen raus und hören uns die Dinge an», beschreibt er. «Wer Klangraumgestaltung verstehen will, muss erst einmal zuhören können.» Maags Fachgebiet ist ein relativ junger Zweig der Architektur, der sich damit beschäftigt, wie die städtische Umwelt akustisch angenehm gestaltet werden kann.

«Oh ja, bitte», denkt der lärmgeplagte Städter im Stillen. Mit Lärm oder Lautstärke hat Klangraumgestaltung aber wenig zu tun. Eher schon mit Orchestrierung, obwohl Maag dieses Wort nicht mag. «Das wäre so, als ob man jeden einzelnen Vogel einplanen würde», findet er. «Ich mache Architektur für das Ohr», passt ihm besser.

Gegen die akustische Langeweile

«Laut ist es immer», sagt Maag, der seit zehn Jahren zur Stadtakustik forscht, «es kommt nur darauf an, wie.» Lange Strassenschluchten zum Beispiel sind nicht nur für das Auge ermüdend, sondern auch für das Ohr. Glatte, ebene Oberflächen sind akustisch eintönig. Sie reflektieren Schall und machen die Umgebung ungemütlich. Altstädte klingen aus diesem Grund meist besser als Neubaugebiete: Die Architektur ist weniger einheitlich.

Dagegen helfen würde zum Beispiel eine weniger glatte Fassade, die Schall nicht monoton reflektiert, ein rauerer Bodenbelag, mehrere grosse Blumenkübel, die Schall brechen, Erker, Balkone oder eine Fassadenbegrünung, die zusätzlich Lärm schlucken – Maags Werkzeugkasten enthält einige Mittelchen gegen akustische Langeweile.

Die akustische Tiefenschärfe muss stimmen

«Lärm ist unsozial», sagt der Architekt weiter. «Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns selbst hören können: das Geräusch der eigenen Schritte, der Klang der eigenen Stimme und auch die eines Gegenübers, wenn wir uns unterhalten», sagt er weiter.
Hören wir andere nicht, ist das nicht nur unkommunikativ, auch das Gefühl für die Umwelt geht verloren. Maag erklärt das so: «Wenn ich jemanden in einiger Entfernung sprechen höre, muss ich nicht wissen, was er sagt. Aber ich kann einordnen, dass er da ist und wo er ist. Höre ich das nicht, fehlt die akustische Tiefenschärfe.»

Auf die Mischung kommt es an

Überall verbessern kann ein Stadtplaner das natürlich nicht. Eine Stadt wie Zürich oder Basel habe eben oft einen «Asphalt-Groove», sagt Maag. Das sei aber nicht weiter schlimm, versichert er. Kies als Untergrund sei zwar angenehm, zu viel Kiesgrubenklang aber auch schlecht. Entscheidend sei die Mischung. Ein ansprechenderer Klangort sei möglichst vielfältig, abwechslungs- und variantenreich.

Als gelungenes Beispiel für «Soundscaping» sieht er die Elisabethenanlage am Basler Bahnhof SBB an. «Dort lesen die Leute Bücher», hat er beobachtet. Obwohl es dort neben mehreren Hauptverkehrsstrassen und einer Grossbaustelle relativ laut ist, wirkt der Ort ruhig und entspannend.

Ohrschmeichler bauen

Das hat bauliche Gründe: Am unebenen Untergrund mit vielen Höhenunterschieden kann sich Schall vielfältig brechen. Es gibt Gras und Asphalt und damit verschiedene Untergründe, die unterschiedlich klingen, dazu Bäume, die nicht nur Schatten spenden, sondern auch den Verkehrslärm filtern. Ein Café sorgt für soziale Belebung, ein Brunnen für Wassergeräusch. Auch wenn man dieses gar nicht hört.

Wie bitte? Ganz richtig, hier geht es um Psychoakustik. Pflanzen beispielsweise klingen leise. Besser gesagt, man nimmt sie so wahr. Und wer Wasser sieht, denkt sich ein Geräusch dazu.
Begrünung ist gut, muss aber nicht sein.

Also alles möglichst natürlich gestalten und schon klappt das mit der Ohrenschmeichler-Architektur? So einfach ist es dann doch nicht. «Begrünung ist immer gut, schon aus klimatischen Gründen und der Lufthygiene wegen«, gibt Maag Auskunft. Ohne geht es aber auch, am Zürcher Limmatplatz zum Beispiel. Dort reduzieren mehrere grosse Stahl- und Glaszylinder tieffrequenten Schall und reflektieren dafür die Stimmen der Passanten. Bäume hat es kaum.

(20 Minuten)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • rumpelstilzchen am 14.05.2016 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    interessant

    klingt interessant das ganze, noch nie darüber nachgedacht :)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • rumpelstilzchen am 14.05.2016 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    interessant

    klingt interessant das ganze, noch nie darüber nachgedacht :)

    • Herr Meier am 14.05.2016 13:05 Report Diesen Beitrag melden

      Einverstanden

      Ja, das ist interessant, ich würde das als Akkustitektur bezeichnen. Ich denke, das hat viel Potenzial, ansonsten ungemütliche Orte angenehm zu gestalten. Abgesehen vom Vorteil für's Ohr: derartig vielfältige Fassaden und Räume sind auch für die Augen angenehmer.

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