Sexsüchtiger erzählt

22. Juli 2014 12:50; Akt: 23.07.2014 14:37 Print

«Sieben Stunden Pornos am Stück»

von Catharina Steiner - Am Donnerstag startet die US-Komödie «Thanks for Sharing» in den Kinos. Thema des Films ist Sexsucht. Wir haben mit einem Betroffenen über seinen Alltag gesprochen.

In «Thanks for Sharing» verliebt sich Gwyneth Paltrow in einen Sexsüchtigen. Quelle: Youtube.com
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Wir verabreden uns telefonisch zum Treffen in einem Zürcher Starbucks. Ich solle nach einem Mann mit graumelierten Haaren, Brille und Pferdeschwanz Ausschau halten. Ich hoffe inständig, dass er damit seine Frisur meint. Wie er mich erkennen könne? Blonde lange Haare, schlank, sage ich. Und fühle mich augenblicklich schuldig. Welche Assoziationen wecke ich nun in einem 70-Jährigen, der jeden Gedanken an Sex verdrängen muss, um durch den Tag zu kommen?

Roger* ist sexsüchtig. Er leitet in Bern eine Männer-Gruppe, die ihre Abhängigkeiten analog zu Alkoholikern in einem 12-Stufen-Programm in Schach zu halten versucht. Auch er kommt aus den Reihen der Alkoholiker. Als Roger 1977 aufgehört hat zu trinken, kam es zur Suchtverschiebung. «Ich war acht Monate lang clean vom Alkohol. Aber dann glaubte ich eines Tages, dass mein Kopf gleich explodieren würde. Ich dachte, ich darf jetzt alles tun, nur nicht trinken. Deshalb bin ich zu einer Prostituierten gegangen. Und das hat die Schleuse zur Sexsucht geöffnet.»

Sex war tabu

Es ist schon vorgekommen, dass er sieben Stunden lang ununterbrochen Pornos konsumiert hat. Heute hat er sich gewisse Seiten im Internet sperren lassen, um nicht in Versuchung zu kommen. Roger denkt jeden Tag an Sex – aber nicht ständig. Das liege daran, dass er sich heute mehr diszipliniere. «Das Leben besteht ja nicht nur aus Sex. Ich denke dann an andere Sachen, und das gelingt mir dann mehr oder weniger. Es ist mühsam, dass man von Anfang an den Gedanken daran abklemmen muss.»

Roger war verheiratet, hat erwachsene Kinder. In der Ehe konnte er seine Lust aber nicht befriedigen. «Ich suchte bei Prostituierten das, was ich daheim nicht bekam. Man lebt seine Fantasien aus. Frauen beklagen sich immer darüber, dass man nicht über seine Bedürfnisse spricht. Das war für mich das Schwierige. Gegenüber Frauen, die mir emotional nahestanden, konnte ich meine Wünsche nicht äussern», sagt er.

Nähe auszuhalten, das sei schon immer sein Problem gewesen. Aufgewachsen in einem katholischen Kinderheim in den 50er-Jahren, war Roger schon früh mit einem körperfeindlichen Umfeld konfrontiert. Sex war tabu und wurde verteufelt, und die Mutter sei frigide gewesen.

Selbstbefriedigung ist nicht erlaubt

Roger ist single. Damit habe er sich mehr oder weniger abgefunden. «Ich schaue immer mal wieder auf den Dating-Seiten, aber das ist mir zu mühsam», sagt er. Selbstbefriedigung ist eigentlich nicht erlaubt. Regeln gebe es trotzdem keine, das schaffe nur unnötigen Druck. Die anonymen Sexsüchtigen geben Empfehlungen ab.

Den Betroffenen, die in Partnerschaften leben, wird laut Roger geraten, sich des Sex zu enthalten, bis das Empfinden eines lüsternen Rauschgefühls aus dem Körper ist. Es brauche einen geistigen Sinneswandel gegenüber der Sexualität, die den Partner als Subjekt in seiner Ganzheit annimmt und nicht auf ein Objekt reduziert.

Auch wenn er sich schon viele Jahre mit seiner Sucht auseinandersetzt – besiegt hat Roger sie noch nicht. Die Überwindung der Sexsucht sei für ihn ein langwieriger Prozess in kleinen Schritten. Dass sich die Sucht primär in der Fantasie manifestiert und mit der Realität nicht immer kompatibel ist, ist wohl ein Fortschritt der Auseinandersetzung mit ihr. «Ein Beispiel ist, dass ich mit einer lüsternen Befindlichkeit ins Puff ging. Als dann die Türe aufging und die Frau vor mir stand, sackte das Rauschgefühl in mir sturzartig ab und ich kehrte sofort um.»

* Name von der Redaktion geändert

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Korb im hahn am 22.07.2014 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Na dann prost

    Cool und ich habe eine zuhause die einfach nicht auf meine wünsche eingehen will, dies obschon ich ihr meine wünsche offen lege. und nein, es sind nicht perversitäten! Also schatz, ich gehe dann mal ins puff...

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  • franz am 22.07.2014 13:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut ausgewählt

    habe ich meine Ehefrau, Partnerin, Freundin und Geliebte. Meine scharfe Schnecke ist selber aufs ausprobieren aus und weder ich noch sie bleibt auf der Strecke. Wir schreiben uns geile, heisse SMS und sind immer scharf aufeinander, dies nach 18 Ehejahren und 3 Kinder. Ich bin der glücklichste Mann der Schweiz:))

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  • J K am 22.07.2014 15:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Bildwahl

    Ein passendes Bild habt ihr da ausgesucht. Die armen Sexsüchtigen dürften wohl nicht über die Überschrift hinaus gekommen sein.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ronald Kunz am 24.07.2014 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Bioenergetik

    Schade das sich so wenige leute mit Bioenergetik und Wilhelm Reichs Vermächtnis auseinandersetzen wollen und können. Es würde vielen vermeintlich von der Gesellschaft als "krank" verurteilte Menschen helfen. Leider wollen sich die Betroffenen gar nicht helfen lassen und versuchen mit primitiven Methoden ihre Gefühle und schlimmes Erlebtes zu unterdrücken und zu verdrängen. Viel Spass dabei ;)

  • tati2 am 24.07.2014 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    ausprobieren...

    Ich weibl. Anfangs 20, habe momentan meine "ausprobiere-phase" ;) Seien es Pornos schauen oder mit einem guten Kollegen geile Nachrichten / Bilder auszutauschen. Trotzdem würde ich mich selber nicht als "sexsüchtig" bezeichnen, auch wenn ich oft und gerne an Sex denke:) Nur leider nicht so oft die Gelegenheit dazu bekomme:P Dennoch würde ich deshalb nie jmd. Geld für Sex geben, wie das viele Männer tun (Bordell). Aber jedem das Seine;)

  • Regi am 23.07.2014 15:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin kein 'Objekt'

    Meine Ehe ist mit einem sexsüchtigen Mann nach 19 Jahren gescheitert. Nicht, weil ich keine Lust mehr hatte, sondern weil ich nur noch 'Objekt' war. Gefühle sind gänzlich auf der Strecke geblieben, aber ohne geht das bei einer Frau nicht. Zudem bekam mein Mann zunehmend richtige Erektionsprobleme. Seine Fantasien endeten in der Sackgasse, eine liebende Ehefrau ist keine Pornoqueen... Auch wenn ich alles andere als frigide bin und mich auf sehr vieles eingelassen habe.

  • Kamui am 23.07.2014 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Sucht ist nie gut...

    ...für die Betroffenen, weder beim Sammeln (Messi), bei Drogen oder bei Sex. Das Wort Sucht spricht schon für sich. Viel (mehrmals täglich) und gerne an Sex zu denken oder viel Pornos zu konsumieren ist nicht automatisch gleichbedeutend wie sexsüchtig zu sein. Sucht kompensiert normalerweise etwas anderes, stört den Tagesablauf & mindert die Lebensqualität. Seit Tiger Woods meinen viele damit angeben zu müssen, sie seien sexsüchtig. Ich (w) liebe guten Sex. Hab ich dabei ebenfalls meine Befriedigung kann es noch so gerne mehrmals täglich sein, muss aber nicht. Geht doch auch um Liebe?!

  • Jönu am 23.07.2014 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ohjeee

    Das ganze klingt für mich soweit eigentlich ganz normal. Ein normaler Mann mit einem etwas gesteigerten Sexbedürfnis. Finde daran nichts abartiges.