Echte Kerle

02. Juli 2014 07:13; Akt: 02.07.2014 15:43 Print

Die tätowierten Ballerinos

von Jonas Dreyfus - Sie sind männlich, tätowiert und tanzen Ballett: Diese Kerle widersprechen jedem Klischee.

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Wenn Tattoos zerlaufen könnten, hätte Jack jetzt ein Problem: Der 26-jährige Tätowierer aus London schwitzt sich durch seine zehnte Pirouette. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit Harley-Davidson-Schrift­zug, seine Füsse stecken in Ballettschlappen. «Gib alles», grölen seine Kumpel Tim, Thomas und Quirino. Sie gehören zu einer Gruppe Männer, die seit einem halben Jahr in einem Tanzstudio im Zürcher Aussenquartier Witikon Ballettstunden nehmen – bei William Moore, Brite und Shootingstar von Ballett Zürich.

Die Gruppe ins Leben gerufen hat Tim, 37, Schnauz im Gesicht, Bandana um den Kopf. Er habe sich früher als eher unsportlich eingestuft, sagt er, und endlich etwas für seine Fitness tun wollen. «Etwas mit einer Philosophie dahinter – am liebsten Kampfsport.» Wegen Rückenproblemen sei das nicht möglich gewesen. «Geh doch zu meiner Frau ins Ballett, das ist gut für die Haltung», habe ihm ein Bekannter geraten, der mit Yen Han verheiratet ist (auch sie eine renommierte Tänzerin von Ballett Zürich).

Auf eine Klasse mit wildfremden Leuten hatte Tim, der ein Tattoo-Studio leitet, keine Lust, also überredete er seine Freunde, ihn zu einer Privatstunde zu beglei­ten. «Es waren die anstrengendsten 60 Minuten meines Lebens. Ballett ist französischer Kampfsport!» Im Tanzstudio läuft jetzt die Piano-Version eines Metallica-Songs. Ballettlehrer William: «And back, flex, stretch. And back, flex, stretch.»

Knallharte Leistung

Eine Ballettstunde ist immer ähnlich aufgebaut: Sie beginnt mit Übungen an der Stange, danach wird dasselbe frei­händig, dem Spiegel zugewandt, wiederholt. Es geht darum, jeden Muskel im Körper anzuspannen, während man etwa ein Bein nach vorne, hinten oder auf die Seite streckt und immer wieder Pliés, Pliés, Pliés macht, dieses In-die-Hocke-Gehen, während sich die Fersen berühren und die Knie voneinander wegzeigen.

«Ich habe befürchtet, dass mich die Gruppe nicht richtig ernst nehmen könnte», sagt Ballettlehrer William. Der 28-Jährige trägt in seiner Freizeit bunte Trainerjäckchen und fährt Skateboard. Beim Tanzen zeigt er aber knallharte Leistung. Und fordert dasselbe von seinen Schülern. «Sie respektieren mich sehr für mein Können», sagt er, «und sie sind immer voll bei der Sache.»

«Die Ladys drehen durch!»

Thomas, 36, Ex-Banker, mit Frottee-Stirnband, bullige Erscheinung: «Es fällt mir nicht leicht, meine grazile Seite zu zeigen. Das gängige Klischee sagt, dass nur Frauen und Schwule sich für Ballett interessieren.» Das ist in der Szene, in der die Gruppe sich bewegt, nicht anders.

«Es wird komisch geguckt», sagt Thomas, «wenn alle über ein Death-Metal-Konzert reden und wir daneben Pliés vergleichen. Aber die Ladys sind voll beeindruckt. Die drehen durch!» Er habe seit der ersten Ballettstunde sechs Kilo abgenommen und mit dem Rauchen aufgehört. «Ballett hat mein Leben verändert, ich habe ein ganz an­deres Körpergefühl, mehr Dis­ziplin, Ausstrahlung und Le­bens­freude.» Am Wochenende besucht Thomas mit seinen Ballerinos Bal­lett­aufführungen.

«Ballett braucht grosse Eier»

Auf dem Tanzparkett gehts jetzt richtig zur Sache: Die Männer
galoppieren quer durch den Raum, das hintere Bein schnappt ans vordere. Hört sich an wie Sackhüpfen, sieht auch ein bisschen danach aus. Spätestens jetzt könnte es entwürdigend werden. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der die Männer bei der Sache sind, wiegt alles auf. Thomas: «Für Ballett braucht man keinen Stolz, aber grosse Eier.»