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Doktor Sex

20. März 2013 12:00; Akt: 20.03.2013 12:34 Print

«Hilfe, mein Onkel griff mir zwischen die Beine!»

Was als harmlose Berührung begann, endete für Silvia tragisch. Um ihre Tante nicht zu verletzen, schwieg sie Jahre lang. Nun hat sie genug. Doch wie soll sie vorgehen?

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Sexuelle Grenzüberschreitungen können die Persönlichkeitsentwicklung stark beeinflussen. (Symbolbild: Colourbox.com, Eric Audras)

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Frage von Silvia (13) an Doktor Sex: Mein Onkel hat mich vor längerer Zeit mehrmals an der Brust und zwischen den Beinen angefasst. Einmal wollte er mich sogar küssen. Anfänglich hat mir das alles ein wenig gefallen. Am Schluss aber überhaupt nicht mehr. Es war eine schlimme Zeit. Ich konnte mich niemandem anvertrauen, weil ich meine Tante nicht verletzen wollte. Nun habe ich lange genug geschwiegen. Was kann ich tun?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Silvia

Stark, dass du dir Hilfe holst!

Deine Zweifel und das emotionale Hin und Her kann ich gut verstehen. Was du erlebt hast, war für dich so fremd und ungewohnt, dass es schwierig, wenn nicht gar völlig unmöglich war, «richtig» zu handeln. Umso mehr, als Menschen involviert waren, die dir wichtig sind und die du gern hast. Mach dir also deshalb keine Selbstvorwürfe. Dass es dir anfänglich gefallen hat, was dein Onkel mit dir machte, ist nicht aussergewöhnlich. Manche Menschen, die einen sexuellen Übergriff oder sexuelle Gewalt erlebt haben, berichten von solchen verwirrenden Gefühlen und vom Gespaltensein zwischen «Faszination» und Ekel.

Gerade für ein Mädchen, das wie du auf dem Weg zur jungen Frau ist, kann es mit einem Prickeln und angenehmen Gefühlen verbunden sein, wenn ein älterer Mann ihm den Eindruck vermittelt, dass es attraktiv und begehrenswert ist. Diese Gefühle und Eindrücke können sich noch verstärken durch den Umstand, dass Berührungen und Küsse sich immer irgendwie speziell anfühlen – unabhängig von der Beziehungssituation, in der sie stattfinden oder der Absicht der handelnden Personen. Einfach, weil der Körper keine Moral kennt, also nicht zwischen «guten» und «schlechten» Berührungen unterscheidet, sondern in der biologisch vorgesehenen Weise reagiert.

Was sagt das Gesetz?

Dein Onkel hat deine persönlichen Grenzen massiv überschritten und sich strafbar gemacht. Was du unbedingt wissen musst: Für sein Handeln bist du nicht verantwortlich – genauso wenig wie für seine Beziehung mit deiner Tante oder die Tante selbst. Weil Vergehen gegen die sexuelle Integrität nicht verjähren können, gibt es keine Dringlichkeit. Du kannst den Vorfall also jederzeit zur Anzeige bringen, wenn du das willst. Dadurch hast du auch alle Zeit, um die nächsten Schritte in Ruhe zu planen und besonnen zu handeln.

Daran, dass du deinen Onkel und seine Beziehung geschützt hast, indem du bis heute geschwiegen hast, ist nichts falsch. Manchmal ist Schweigen die einzige Möglichkeit, um das eigene Leiden nicht noch zu vergrössern. Manche Opfer von sexueller Gewalt und Übergriffen schweigen auch, weil sie sich für ihre Erlebnisse schämen. Andere, weil ihnen suggeriert oder explizit unterstellt wird, am Geschehenen mitschuldig zu sein. Man weiss heute, dass das Reden über solche Erlebnisse einen positiven Effekt auf die Psyche und das Wohlbefinden von Betroffenen hat und zu einer gelingenden Verarbeitung beiträgt. Wichtig ist jedoch, dass die Gespräche in einem geschützten Rahmen stattfinden – idealerweise in einer Therapie.

Wie weiter?

Falls du jemandem deine Erlebnisse erzählen möchtest, ohne gleich wissen zu müssen, wie es danach weitergehen soll, ist es wichtig, dass du zu dieser Person Vertrauen hast. Du bist völlig frei, an wen du dich wenden willst. Es kann dein Vater, deine Mutter, sonst jemand aus der Familie, der Verwandtschaft – ausgenommen sind der betroffene Onkel und seine Frau – oder aus deinem weiteren Umfeld sein. Auch ein Lehrer oder eine Lehrerin kommt infrage.

Am besten wählst du jemanden, dem du zutraust, dass er oder sie mit deinen Informationen angemessen umgeht. Das heisst, jemand, der nicht den Kopf verliert und gleich zur Polizei rennt, den Onkel mit seiner Tat konfrontiert, die Tante benachrichtigt oder ähnlich wilde Sachen. Das wäre nämlich überhaupt nicht hilfreich. Auch eine gleichaltrige Person ist eher nicht geeignet. Sie kann dir zwar zuhören und mit dir sein – was auch sehr wertvoll ist –, aber bei der Planung eines allfälligen weiteren Vorgehens kann sie dich nicht unterstützen.

Fachstellen bieten Begleitung an

Wenn du mit deiner Vertrauensperson gesprochen hast, kannst du mit ihr zusammen nächste mögliche Schritte prüfen. Falls du zum Schluss kommst, deinen Onkel anzeigen zu wollen, rate ich dir, mit einer Opferberatungsstelle Kontakt aufzunehmen und dich dort über deine Möglichkeiten und den Ablauf einer Strafanzeige und einer Strafuntersuchung beraten zu lassen. Am besten zusammen mit deiner Vertrauensperson. Solche Verfahren können anstrengend sein. Oft dauern sie längere Zeit und die Fragen, die dabei gestellt werden, können ins Detail gehen. Das alles kann eine Belastung sein und es wäre daher hilfreich, jemanden dabeizuhaben, der dich unterstützen kann.

Alle von dir gewünschten Auskünfte erhältst du aber auch anonym, also ohne Angabe deiner Personalien, per Telefon, E-Mail oder persönlich vor Ort. Die Mitarbeiterinnen sind der Schweigepflicht unterstellt. Solange du es nicht willst, werden sie also mit niemandem in Kontakt treten und auch keine Informationen an Dritte weitergeben. Auf der Webseite der Opferhilfe Schweiz findest du Adressen von und Links zu Beratungsstellen in der ganzen Schweiz. Und auch die Webseite von Lilli.ch oder diejenige der Beratungs- und Informationsstelle Castagna bietet viele wertvolle Informationen zum Thema.

Die Person, die sich auf der Fachstelle um dich und dein Anliegen kümmern wird, ist mit sexuellen Übergriffen bestens vertraut und weiss, was es für einen Menschen bedeutet, eine sexuelle Grenzüberschreitung erlebt zu haben. Sie wird dir in Ruhe zuhören und dich über deine Rechte und Handlungsmöglichkeiten informieren. Die Beratung verpflichtet dich zu nichts. Du selbst entscheidest, welche Schritte du danach tun oder lassen willst.

(wer)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Also ich hatte mich niemandem anvertraut sondern ging direkt zur Beratungsstelle. Da wurden mir die verschienenen Möglichkeiten aufgezeigt und ich erhielt auch die Chance, einen Psychotherapeuten zu konsultieren. Ich würde dir dieses Vorgehen empfehlen. Mir half die Beratungsstelle, die richtigen Worte zu finden um mit meiner Mama zu sprechen. – minime

Rücksicht auf Onkel und Tante sind da fehl am Platz. Es geht um dich und deine Gefühle. Denke auch daran, dass du vielleicht nicht sein einziges Opfer bist. Befolge die Ratschläge von «Doktor Sex» und lass dir helfen. Den ersten Schritt musst du selber tun. Das braucht Überwindung. Aber dann bist du nicht allein und es wird dir geholfen. – Ein Grossvater

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leah Jost am 21.03.2013 20:41 Report Diesen Beitrag melden

    Ekel, Scham und Albträume

    Bei mir lösten damals diese Berührungen nur Ekel, Scham und Albträume aus. Ich habe mich meinen Eltern anvertraut, mein Vater machte dem Spuk ein abruptes Ende. Für mich war es ein wichtiges Zeichen, von einem Mann vor einem Mann geschützt zu werden.

  • John Smith am 20.03.2013 14:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    helfen 

    versuch dich jemandem anzuvertrauen. ich wurde selbst über 6 jahre von meinem onkel missbraucht und habe es verschwiegen und verdrängt. bis es mich nach 20 jahren wie ein hammer einholte. ich habe mich damals als jugendlicher geschämt und wusste nicht wie ich handeln soll. hab den fehler bei mir gesucht. wichtig ist: es ist nicht deine schuld, wie im artikel erwähnt. vertrau dich jemandem an. auch wenn du deine tante liebst: es ist für dich und deine zukunft erforderlich das dein onkel damit aufhört. ich habe dies leider nicht geschafft aber du kannst das. sei stark und hab keine angst.

  • 1895 am 21.03.2013 01:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super das du Mut hast es jetzt zu sagen - besser S

    Super das du Mut hast es JETZT zu sagen - besser SPÄT als NIE... Ich find's super das 20 min. dieses Thema na ich will mal sagen aufgreift :-D

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lilliana am 24.03.2013 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leider wahr und traurig

    Bei mir hat es angefangen als ich 15 war ... Mein cousin hat einfach angefangen mich anzufassen mich zu begrabschen und er sagte immer wieder sei still und geniesse es :( arggg ich kann es bis heute nicht meiner mutter erzählen:( und immer wenn er mich mit meinem mann sieht sagt er immer und ist er gut im bett macht er dich glücklich? Ich könnte heulen und vor schamm in den boden kriechen

  • Leah Jost am 21.03.2013 20:41 Report Diesen Beitrag melden

    Ekel, Scham und Albträume

    Bei mir lösten damals diese Berührungen nur Ekel, Scham und Albträume aus. Ich habe mich meinen Eltern anvertraut, mein Vater machte dem Spuk ein abruptes Ende. Für mich war es ein wichtiges Zeichen, von einem Mann vor einem Mann geschützt zu werden.

  • 1895 am 21.03.2013 01:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super das du Mut hast es jetzt zu sagen - besser S

    Super das du Mut hast es JETZT zu sagen - besser SPÄT als NIE... Ich find's super das 20 min. dieses Thema na ich will mal sagen aufgreift :-D

  • einfach so am 20.03.2013 22:23 Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nichts überstürzen mit der Anzeige

    Bei mir kams zur Anzeige, die Polizei hat mich dann mehrere Wochen hängen lassen, bis sie mir mitgeteilt hat, dass leider nichts zu machen ist, weil die Übergriffe abgestritten wurde, und hat mich zu LANTANA verwiesen. Puh. (Patrick weiter unten hat also in gewisser Weise recht...). Lantana (Opferhilfe, Bern) kannte ich schon von vorher, und kann es nur empfehlen. Nun bin ich seit etwa 8 Jahren daran, meinen Weg zu finden und das Ganze zu verarbeiten. Das ist wichtig - wenn man es unterdrückt (hab ich jahrelang) kommt es irgendwann hoch und man explodiert (oder "implodiert")...

  • Schock am 20.03.2013 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schock 

    Ich finde es schokierend wenn ich die antworten lese. Wie viele frauen / mädchen in solchen angekegenheiten betroffen sind. Leider kenne ich auch jemanden der sich etwas änliches über sich ergehen lassrn musste.

    • The A am 21.03.2013 16:09 Report Diesen Beitrag melden

      leider :(

      das hab ich gestern auch gedacht.. leider bin ich auch eins dieser Opfer und finde es grausam, wieviel wir sind... :S

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Bruno Wermuth ist Einzel-, Paar- und Sexualberater mit eigener Praxis in Bern und Zürich. Als «Doktor Sex» beantwortet er einmal wöchentlich eine Frage zu den Themen Beziehung, Liebe und Sex. www.brunowermuth.ch


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