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Doktor Sex

24. November 2014 10:03; Akt: 24.11.2014 10:13 Print

«Muss ich mich mit einem sexlosen Leben abfinden?»

Mauro findet keinen Zugang zur körperlichen Liebe. Jede Form von körperlicher Nähe bereitet ihm Stress, Berührungen lassen ihn zusammenzucken. Was tun?

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Kindheitserlebnisse können spätere Beziehungen schwer belasten. (Symbolbild: Colourbox.de)

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Frage von Mauro (24) an Doktor Sex: In meiner Kindheit wurde ich über Jahre sexuell missbraucht. Nun merke ich, dass mir Sex keine Freude bereitet. Im Gegenteil: Mich stresst alles, was mit diesem Thema zu tun hat. Leider ist da aber eine Frau in meinem Leben aufgetaucht, die ich über alles liebe. Was den Sex angeht, hat sie jedoch keine Chance. Bei jeder Berührung zucke ich zusammen. Wenn es um körperliche Nähe geht, fühle ich mich eigentlich nur gestresst. Und das ist für unsere Beziehung schlecht. Ich weiss nicht mehr weiter. Soll ich alles beenden und mich damit abfinden, dass Sex nie zu mir und meinem Leben gehören wird, obwohl ich doch von Herzen lieben kann?

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Hast du auch schon Grenzüberschreitungen erlebt, die sich auf deine Sexualität ausgewirkt haben?
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Insgesamt 3438 Teilnehmer

Antwort von Doktor Sex

Lieber Mauro

Gib nicht auf. Die Möglichkeit, trotz der Kindheitserlebnisse körperliche Intimität und eine erfüllende Sexualität leben zu können, besteht auch für dich. Dein Weg dorthin wird aber möglicherweise nicht ganz einfach sein. Ich empfehle dir deshalb, dich in diesem Prozess mindestens teilweise von einer Fachperson begleiten und unterstützen zu lassen.

Missbrauchs- und Gewalterfahrungen, können sich bei einem Menschen auf mehreren Ebenen seiner physischen und psychischen Existenz unterschiedlich intensiv einprägen. Dementsprechend, sind sie dem Bewusstsein des oder der Betroffenen mehr oder weniger zugänglich. Gerade Erlebnisse, die in der Kindheit und damit in einer Zeit des Lebens stattfinden, die weitgehend unbewusst ist, bleiben oft in erster Linie als «Körpererinnerung» zurück. Daher sind sie auch für alle therapeutischen Interventionen, die ausschliesslich auf der kognitiven Ebene ansetzen, kaum oder überhaupt nicht erreichbar.

Wichtig scheint mir deshalb, dass du dir ein therapeutisches Setting suchst, welches auch auf der körperlichen Ebene einen Zugang zu deiner Vergangenheit ermöglicht.

Ein Ansatz, der sich in der Traumatherapie bewährt hat, ist Somatic Experiencing. Damit wird versucht, das traumatische Ereignis primär körperlich, sekundär aber auch kognitiv auf- und neu zu verarbeiten. Entscheidend ist dabei nicht das Ereignis an sich, sondern die Reaktionsweise des Nervensystems und wie dessen physiologische Regulationskräfte mit der als bedrohlich wahrgenommenen Situation fertiggeworden sind.

Gemäss der Theorie von Somatic Experiencing entsteht ein Trauma, wenn bei Überreizung des Nervensystems der ursprünglich natürliche Zyklus von Orientierung, Flucht, Kampf und Immobilitäts-Reaktion nicht vollständig durchlaufen oder gar nicht erst zustande kommen kann. Dies kann dazu führen, dass die vom Körper im Alarmzustand bereit gestellte Überlebensenergie vom Nervensystem nur unvollständig oder verzögert aufgelöst wird. Der Organismus reagiert in der Folge weiterhin auf die Bedrohung der Vergangenheit, obschon sie real gar nicht mehr existiert. Für die Betroffenen entstehen dadurch oft verwirrende und auch beängstigende psychische und somatische Symptome, welche sich manchmal erst Jahre später zeigen.

Dass du zusammenzuckst, wenn du berührt wirst, aber auch, dass du in Zusammenhang mit Nähe vor allem Stress empfindest, könnte ein Zeichen dafür sein, dass bei dir eine solche «neuronale Endlosschlaufe» im Gang ist.

(wer)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jolanda am 24.11.2014 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Liebe !

    Lieber Mauro Ich wünsche Dir von Herzen, dass die Frau, die Du liebst Verständnis hat für Deine Geschichte. Ich wünsche Deiner Seele und Deinem Körper, dass Du aufarbeiten kannst, was Dir da angetan wurde und dass Du von Deiner Liebe unterstützt wirst. Ich wünsche Dir auch von ganzem Herzen, dass Du irgendwann ein für Dich stimmiges und erfülltes Sexleben leben darfst. Alles erdenklich Gute !!!!!

  • Selber Betroffene am 24.11.2014 10:22 Report Diesen Beitrag melden

    Partner(in) miteinbeziehen!

    Lieber Mauro, ich rate dir dringend, dass du deiner Partnerin offen die Gründe für deine Reaktionen erklärst. Sie ist an dir als Ganzes interessiert - und je eher sie von deiner Vergangenheit weiss, desto besser kann sie sich darauf einstellen. Ich sagte das meinem jetztigen Mann auch. Auch bei so etwas trivialem wie einem Küsschen weiss er, dass er sein Gesicht nie direkt von vorne annähern darf, weil ich dann fast austicke. Inzwischen ist es besser geworden, und mit ihm zusammen habe ich mich langsam aber sicher wieder auf Zärtlichkeiten & Sex einlassen können. Ihr schafft das auch! Alles Gute!

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  • Ninchen am 24.11.2014 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Von Herzen

    Wünsche dem Mauro dass er's schafft! Alles Gute!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus am 25.11.2014 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    Körpertsexualtherapie hat geholfen.

    Sali Mauro Mir hat vor allem die Köerpersexualtherapie geholfen. Es braucht viel Geduld mit sich selber, aber der Weg lohnt sich.

  • Esra am 25.11.2014 18:32 Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe und Geduld

    Hatte ich auch, aus aehnlichen Gruenden. Therapie und Geduld helfen, glaube mir. Und auch wenn du noch nach Jahren manchmal Tage oder sogar Wochen hast, wo keine Art von Naehe auch nur vorstellbar ist, kann es besser werden. Wirklich. Noch heute habe ich Stellen am Koerper, die kein Mensch beruehren kann ohne, dass ich Panik schiebe, aber selbst das ist mittlerweile etwas weniger schlimm :) Such Dir Hilfe, lass Deine Freundin wissen, warum es nicht geht. Du kannst da durch.

  • Dingo am 25.11.2014 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    Der richtige Partner

    Aus eigener Erfahrung kann ich dazu nur sagen, wenn es die richtige ist, werdet ihr einen Weg finden. Eine Begleitperson diese Dinge zu verarbeiten kann allerdings wirklich helfen, aber vielleicht reicht es auch mit dem Partner offen und ehrlich ein Gespräch darüber zu führen. Mir hat dies zumindest geholfen. Zu anderen Menschen habe ich immernoch ein unbehagliches Gefühl und möchte nicht berührt werden, aber bei meiner Frau kann ich mich ganz fallen lassen, das ist schonmal ein grosser Schritt, und für mich vollkommen ausreichend.

  • Opfer am 24.11.2014 17:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Du kannst es ändern

    Ich wurde selber sexuell missbraucht. Von einem Fremden, der mich in 2 Wochen 2x abgepasst hat. Mir half nur Hypno Therapie und danach eine Sexualtherapie. Hypno Therapie ist hart, aber sie half mir sehr, keine Ängste mehr zu haben. Die Sexualtherapie tat den Rest, und heute habe ich ein erfülltes Sex-Leben. Lebe nicht damit, denn das musst Du gar nicht!

  • Mia S. am 24.11.2014 16:17 Report Diesen Beitrag melden

    Viel Kraft auf deinem Weg

    Lieber Mauro Ich kenne diese Gefühle zu gut. Eine Berührung reichte auch bei mir um meinen ganzen Körper und Geist in Alarmbereitschaft zu versetzen. Mit 15 Jahren wurde ich vergewaltigt, heute 5 Jahre späte kann ich mein Leben wieder geniessen. Es war ein langer und schwerer weg. Aber eine Therapie war nötig um wieder ein normales Leben führen zu können. Es ist wichtig mit deiner Partnerin über das Erlebte zu sprechen (KEINE Details), denn nur so kann Verständniss aufgebracht werden. Mach bitte eine Therapie, und egal wie schwer es wird, schlussendlich wird es sich lohnen.

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Bruno Wermuth ist Einzel-, Paar- und Sexualberater mit eigener Praxis in Bern und Zürich. Als «Doktor Sex» beantwortet er einmal wöchentlich eine Frage zu den Themen Beziehung, Liebe und Sex. www.brunowermuth.ch


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