Mein erstes Mal

23. Dezember 2011 09:43; Akt: 26.10.2012 15:55 Print

«F***!» - Teil zwei

Vom Übungshang in die Höhe und zurück auf den Boden der Tatsachen.

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Linke Bremsschlaufe fest umklammert: Zum ersten Mal mit einem Gleitschirm hunderte Meter über Boden.

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Vorsichtig ziehe ich an der linken Bremsleine. Mit etwas Verzögerung dreht sich das Segel leicht in die Richtung ab. Ein hastiger Blick nach unten zwischen meine Knie. Am Rande des Landeplatz ausgelegte Gleitschirme sehen von hier oben wie bunte Gipfeli aus. Kein einziges Mal blicke ich nach oben ins Untersegel - unbewusst. «Immer das Ziel anschauen und niemals ein Hindernis», wird Grundschülern am Übungshang eingetrichtert. «Füre luege! Und Secklä. Secklä! Aber füüüre luege!» oder «Händ ufe! Händ u-f-e!», zeterte der am Übungshang instruierende Fluglehrer, Wochenende für Wochenende, sechs Nachmittage lang. Auslegen, Aufziehen, Starten, Landen. «Nicht den Baum anschauen. Heilandsack!»

Umfrage
Würden Sie sich den Traum vom Fliegen mit einem Gleitschirm erfüllen?
31 %
4 %
65 %
Insgesamt 49 Teilnehmer

Übung macht den Meister - der nicht vom Himmel fallen soll

Nach den ersten Tagen am «Idiotenhügel» bestaunte ich unfreiwillige Souvenirs, über deren Erwerb ich mir dank des Adrenalins nicht bewusst war: ein Farbspektrum an Blutergüssen in Ober- und Unterarmen durch Reibung der Traggurte (falsche Körperhaltung beim Aufziehen) über Kratzer (Bauchlandungen) bis hin zu Verbrennungen, als sich mein Fuss in den Leinen eines anderen Gleitschirms verhedderte. Kämpfen, lernen, einprägen. Bis jede Bewegung korrekt sitzt und jegliche zu einem Problem führende Angewohnheit (meine persönliche: Bauchlandungen) ausgemerzt ist, der 3-Phasen-Start (Aufziehen - Kontrollblick - Beschleunigen) automatisch abläuft - und sich keine neuen Blutergüsse mehr abzeichnen.

«Bei deinem ersten Flug gilt es vorerst mal nur zu fliegen und sicher zu landen», sagte Georg Zimmermann nach dem Meteo-Briefing bei der Landewiese. Es waren die Fallschirmspringer, die Ende der 70er-Jahre auf die Idee des Gleitschirmfliegens kamen. Sie machten das Umgekehrte: Sicher punktlanden, Fliegen war lediglich Mittel zum Zweck (siehe Infografik). Der Spassfaktor sprach sich im französichen Mieussy herum, das matratzenförmige Fluggerät entwickelte sich innerhalb von fünfzehn Jahren zu einem elliptischen, motorlosen und gleitfähigen Flügel, der – je nach Windlage – stundenlanges Segeln ermöglicht.

Zusammenschnitt eines Tages am Übungshang:
(Quelle: YouTube/Skyjam9)

Wenn der Funkkontakt abreisst

Noch immer verstehe ich kein einziges Wort von Georg Zimmermanns Funksprüche. Ich nehme beide Bremsschlaufen in die linke Hand, um mit dem rechten Zeigefinger das halb aus dem Gehörgang gerutschte Ohrteil unter meinem Helm zumindest ans Gehörorgan zu drücken. Das Gleitsegel wird langsamer, driftet leicht nach rechts ab. Zittern.

Ein Ersthöhenflieger sei einmal kilometerweit vom Landeplatz Weglosen entfernt auf einer Kuhweide notgelandet. Das Letzte, was er über Funk gehört habe, sei «flieg gerade aus» gewesen. Dann habe er den Fluglehr nicht mehr gehört, das Funkgerät des Schülers stieg während seines ersten Fluges aus. Dies erzählte mir ein Mitschüler - kurz bevor ich mich in die Seilbahn setzte. Ich fragte mich, weshalb er mir das vor meinem ersten Höhenflug erzählen musste.

Eine Seilbahngondel schwankt sanft über eine Felskluft, ehe sie in der Station untertaucht. Mit zittriger Hand habe ich es geschafft, das sich kontinuierlich von meinem Ohr lösende Ohrteil wieder in den Gehörgang zu befördern. «Wackel mit den Beinen, wenn du mich hörst, Debby.» Der Fluglehrer muss bemerkt haben, dass ich bis jetzt nicht auf seine Anweisungen reagiert habe.

Redaktorin Debby Galka beim Versuch, während des Fluges den Funk-Kopfhörer ins Ohr zurück zu befördern.

Ich wackle mit den Beinen, blicke nach unten auf die Landewiese. ‹Da muss ich irgendwie hin›. Herzklopfen. Unter Georg Zimmermanns Anleitung ziehe ich meine ersten, vollen Kreise. Abwechslungsweise mit den Bremsenleinen, mal links, mal rechts, mal nur mit Gewichtsverlagerung. Ich fliege! So muss sich ein Vogel fühlen. Aha-Effekte, Höhenverlust. «Talwind Debby, wir fliegen eine Rechtsvolte.»

Landeeinteilung. Georg Zimmermann lotst mich in den Höhenabbauraum über einem verrosteten Dach eines Geräteschuppens, kündigt jedes auszuführende Flugmanöver an. «Jetzt 45 Grad Richtung Felswand», Alles wird grösser und kommt näher. Einzelne Tannenäste, zwischen Holzpfählen ist ein Drahtseil gespannt. «Noch ein wenig nach links Richtung Telefonleitung», 'Telefonleitung?!', sie ist unter mir, «jetzt einen Vollkreis», rechte Bremse ziehen, Beine übereinader geschlagen, nach rechts liegen, das Parkhaus ist mindestens dreissig Meter hoch. «Wieder 45 Grad nach rechts und weiter geradeaus Richtung Kiesplatz.» Volle Konzentration.

Harte Landung

Baumkronen ziehen links an mir vorbei, nochmals rechtsrum, 'schau bloss nicht die Hindernisse an', «jawoll», unter mir ein Brücklein, darunter plätschert ein Bach. Zehn Meter über Boden. Nochmals 45 Grad nach rechts. Endanflug. «Jetzt die Bremsen auf Schulterhöhe nehmen.» Fünf, vier, drei Meter über Boden. Abnehmender Fahrtwind, rasende Wiese. «Jetzt auf Brusthöhe nehmen.» Boden kommt näher. «Uuuund Durchziehen. Durchziehen!!», kracht es aus dem Funk.

Hier landen Gleitschirmpiloten am Hoch-Ybrig: Landeplatz Weglosen

Fluglehre, Wetterkunde, Gesetzgebung, Materialkunde und Flugpraxis: Fünf Fächer, hundert Fragen, zwei Stunden Zeit. Mindestens fünfzig Flüge, die bestandene Theorie- und praktische Prüfung gilt es für die Lizenz zum Fliegen zu meistern (mehr zur Gleitschirmflug-Ausbildung: siehe Infobox in Teil 1). «Welche Konsequenzen kann es haben, wenn ein Gleitschirm im Geradeausflug (beidseitig) zu stark oder brüsk angebremst wird?», lautet eine von hunderten Fragen aus dem Katalog zur Theorieprüfung.

Auf dem Boden der Tatsachen

Etwas mehr als einen Meter über der Wiese ziehe ich beide Bremsleinen unter das Sitzbrett - zu brüsk. «Die Strömung reisst ab, das Gerät geht in einen Sackflug über oder kippt gar nach hinten weg», lautet die richtige Antwort auf die oben genannte Theoriefrage. Der Schatten des Gleitschirms wandert flugs vor meine Füsse, dehnt sich aus, das Segel schiesst nach vorne, Fahtwind nicht mehr hörbar. Strömungsabriss.

Strömungsabriss, Gleitsegel in Nickbewegung: Nur Könner bringen mit brüskem Anbremsen eine sanfte Landung zustande - Anfänger fallen vom Himmel.

Ich sacke knievoran auf den Boden, das Fluggerät schlägt auf seiner Vorderseite, der Eintrittskante, auf. Grashalme. Einzelne Grashalme. «Alles in Ordnung?», schellt es durch das Funkgerät. Georg Zimmermann ist von seinem Klappstuhl aufgestanden, daneben der schlafende Dalmatiner. Gelandet. Zittern. Aufstehen, winken, 'Wow! Haha’. Georg Zimmermann läuft auf mich zu, lächelt, blickt abwechselnd in den Himmel. «Warst etwas schnell mit Durchziehen», sein Funkgerät baumelt an einer Gleitschirmleine um seinen Hals.

«Paolo, blau-gelber Schirm ist raus». Georg Zimmern blickt in den Himmel. «Jaaa-woll!». Wohliges Magenkribbeln. Vor genau elf Minuten hörte ich dieses «Jaaa-woll!» durch das Ohrteil meines Funkgeräts. Es waren elf verdammt lange, unvergessliche Minuten. Eine gefühlte halbe Stunde. Georg Zimmermann kneift die Augen zusammen, tastet den Himmel ab. «Paolo, selbständig Richtung Landeplatz fliegen und dann mit dem Prüfungsprogramm beginnen,» zweifacher Piepston. «Das nächste Mal etwas dosierter!» Georg schmunzelt. Auf meinen Lippen ein breites Grinsen. Auf zum zweiten Flug!

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Was haben Sie zum ersten Mal erlebt?

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Flix am 04.01.2012 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Was schöneres gibts nicht

    Für mich ist der beste Sport den es gibt. Es gibt nicht vergleichbares. Wenn ich längere Zeit nicht fliegen kann werde ich so richtig kribbelig. Es ist eine Sucht :o)

  • Remo / 19 am 03.01.2012 18:39 Report Diesen Beitrag melden

    Up in the Sky

    Gleitschirmfliegen ist einfach der Hammer. Es sollte einfach jeder mal ausprobieren, der die Natur mal von einer anderen Sichtweise anschauen möchte!

  • macba medrusio am 04.01.2012 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    flying high....

    haaa so geilll.... habe mich vor 2 wochen dafuer entschlossen das brevet zu machen und jetzt dieser bericht ...einfach hammer :) hehe

Die neusten Leser-Kommentare

  • macba medrusio am 04.01.2012 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    flying high....

    haaa so geilll.... habe mich vor 2 wochen dafuer entschlossen das brevet zu machen und jetzt dieser bericht ...einfach hammer :) hehe

  • Flix am 04.01.2012 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Was schöneres gibts nicht

    Für mich ist der beste Sport den es gibt. Es gibt nicht vergleichbares. Wenn ich längere Zeit nicht fliegen kann werde ich so richtig kribbelig. Es ist eine Sucht :o)

  • Remo / 19 am 03.01.2012 18:39 Report Diesen Beitrag melden

    Up in the Sky

    Gleitschirmfliegen ist einfach der Hammer. Es sollte einfach jeder mal ausprobieren, der die Natur mal von einer anderen Sichtweise anschauen möchte!