Mein erstes Mal

27. Oktober 2012 18:39; Akt: 27.10.2012 18:39 Print

«F***!»

von D. Galka - Rennen. Den Boden unter den Füssen verlieren. Strampeln in der Luft: Den Traum vom Fliegen hat sich unsere Redaktorin mit dem Gleitschirm erfüllt. Eine Reportage über den ersten Höhenflug.

Redaktorin Debby Galka schildert, wie sie ihren ersten Höhenflug mit dem Gleitschirm erlebt hat. (Video: Marion Bangerter)
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Wie die Jesus-Statue auf dem Corcovado in Rio stehe ich da. Ausgestreckte Arme, Hände zu Fäusten geballt, sie sind nass, kalter Schweiss. Bremsschlaufen und A-Leinen fest umklammert, Herzklopfen. Startplatz «Kleiner Sternen» auf dem Hoch-Ybrig, 1856 Meter über Meer, 821 Meter Höhendifferenz zum Landeplatz Weglosen. Ein weisser Windsack auf der Krete hebt und senkt sich, schwacher Südwestwind. Dazwischen knistert der Funkverkehr der anwesenden Flugschüler und Starthelfer begleitet von bimmelnden Kuhglocken.

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Würden Sie sich den Traum vom Fliegen mit einem Gleitschirm erfüllen?
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Im Zwei-Minuten-Takt werden bunte Gleitschirme aufgezogen. Ein Ruck, die Leinen spannen sich, Nylonstoff reibt aneinander, Rascheln, das Segel füllt sich mit Luft, rennen - abheben, rein ins Frühlispanorama. Die ellipsenförmigen Fluggeräte segeln mitten in die Innerschweizer Alpen, ehe sie mit dem blauen Himmel, den grünen Weiden und schiefergrauen Felsvorsprüngen verschmelzen. Warten um Starterlaubnis.

Zittern.

«Ui, das ist doch gefährlich! Pass ja auf!!», sagten meine Eltern, als ich ihnen von meinem Vorhaben erzählte. 67 Gleitschirmflieger sind zwischen 2000 und 2009 tödlich verunglückt, heisst es in einer Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Landesweit gibt es gemäss dem Schweizerischen Hängegleiteverband über 26 000 brevetierte Piloten. Gleitschirmfliegen «gilt nicht als absolutes Wagnis und wird nicht als Risikosportart eingestuft», sagt Suva-Mediensprecherin Angela Zobrist.

Es gibt kein Zurück mehr - zumindest mental nicht. Hinter mir liegt der deltaförmig ausgelegte Schirm, Startbahn vor mir frei, Fünf-Punkte-Check mit Starthelferin Denise Alt durchgegangen. Erstens: Gurtzeug und Helm geschlossen. Zweitens: Traggurte/Leinen verlaufen korrekt, A-Leinen und Bremsleinen sind frei. Drittens: Das Gleitsegel liegt wunschgemäss - ich stehe in der Mitte. Viertens: Windrichtung und –stärke entsprechen meinen Erwartungen. Fünftens: Startraum frei, Startabbruchlinie festgelegt. Letzter Funkcheck mit Denise Alt. «Ich würde sagen, wir starten jetzt einen Flug!» Zittern, Herzklopfen. Arme nach hinten. Körpervorlage. Leichter Seitenwind.

Rennen!

Mit aller Kraft ziehe ich das gelbrote Sechs-Kilo-Fluggerät hinter mir auf. Blick nach vorne, winzige Segelboote auf dem Sihlsee. Aus meinen Augenwinkeln sehe ich, wie jemand in Jesus-Statuen-Position verharrt vor seinem Gleitschirm steht und wohl nach mir starten wird. Augenpaare kleben an mir. Auf dem Startplatz tummeln sich neben den wenigen brevetierten Privat- und Tandempiloten hauptsächlich Flugschüler.

Über 120 Flugschulen bieten schweizweit Ausbildungsprogramme für angehende Pilotinnen und –piloten an (siehe Infobox). Frauen sind, wie allgemein in der Fliegerszene, eine Minderheit: Von den über 14 000 Aktivmitgliedern des Schweizerischen Hängegleiteverbands sind knapp zwölf Prozent Gleitschirmpilotinnen.


Wenn die Kuhscheisse in die Quere kommt: Starten und Landen sind die heikelsten Phasen beim Gleitschirmfliegen.

Ich setze einen Fuss nach dem anderen über den stufenartigen Abhang. ‹Sch*****! Kuhfladen!› Plötzlich rutsche ich aus, falle auf den Hintern. Der Schirm über mir zieht mich hoch, wieder auf die Beine, ein, zwei Schritte. «Unterlaufen! Unterlaufen! Nicht aushebeln lassen», schellt es durchs Funkgerät. Ich versuche, dem schräg nach vorne schiessenden Segel zu folgen. Gegensteuern. Die Füsse verlassen den Boden, strampeln ins Leere. Rasende Wiese, Kühe, Wanderwege, kleiner werdende Menschen, Tannengruppen, es geht in einem Ruck aufwärts.

Ich fliege!

Adrenalin, Serotonin, Endorphin. «Setz dich erst ins Gurtzeug, wenn du die Felskante überflogen hast», funkt Denise. Das mindert die Gefahr, auf dem Boden aufzuschlagen: Es kann sein, dass das Fluggerät beim Reinschubsen ins Gurtzeug in eine kurze Sinkbewegung gerät. «Es ist vielleicht etwas unangenehm.» Zittern. «Nein, es ist gar nicht unangenehm...», entweicht es mir. Anstelle eines Freudenschreis ein unbewusster Monolog der Unsicherheit. Bis mir bewusst wird, dass mich da oben gar niemand hört.

«Denise an Georg, Debby ist raus», informiert Denise Alt Fluglehrer Georg Zimmermann, der auf dem Landeplatz jeden Flugschüler beobachtet. «Jaaa-woll!». Plötzlich verstehe ich Georg Zimmeranns Funksprüche nur noch schlecht, Fahrtwind übertönt sie. Beim Starten ist mir das Funkteil aus dem Ohr gerutscht. Angst. Unsicherheit. Freude. Unsichere Angstfreude.

Und es fliegt: Zum ersten Mal alleine 800 Meter über Boden - ein physischer und mentaler Höhenflug.

«Pilotinnen sind meist anders als andere Frauen und den Männern in mancher Beziehung ähnlich», heisst es in der Informationsbroschüre «Gleitschirmfliegen und ‹menschliches Versagen›» des Psychologen Bruno Banzer. Dennoch verunfallten Männer häufiger als ihre Kolleginnen. Banzer vermutet den weiblichen Umgang mit Unsicherheit und Angst als einen der Hauptgründe für das tiefere Unfallrisiko bei Gleitschirmpilotinnen. «Frauen gehen anders mit der Angst um und lassen Gefühle bewusster werden, lassen sie zu.»

«F***, ist das krass!»

Felsvorsprung überflogen, ins Gurtzeug gerückt. Ich sitze an sechsundzwanzig nullkommaacht Millimeter dünnen Leinen befestigt unter einem zweilagigen Nylonstoff. Ich fliege! Höhe. Zittern. Mit geöffneter rechter Hand klopfe ich zweimal auf den roten, seitlich an einem Klettverschluss befestigten Griff neben dem Sitzbrett. «Wenn ich es dir sage, packst du diesen Griff, wirfst ihn von dir weg - unbedingt loslassen! - und schwingst deine Arme nach oben.» Georg Zimmermann erklärte nach dem letzten Gurtzeug-Check, wie die Reserve zu ziehen ist.

Der Notschirm ist in meinem Fall ein weisser Rundkappenschirm, der sich nicht steuern lässt. Er bremst den Fall auf maximal fünfeinhalb Meter pro Sekunde ab. Bis zu vier Sekunden kann es dauern, bis er sich vollständig geöffnet hat – die Zeit vom Entscheid bis zum Einsetzen der Bremswirkung. Die Landung ist physikalisch wie ein Sprung von einer eineinhalb Meter hohen Mauer, heisst es im Theoriebuch zur Gleitschirmausbildung. «Bis jetzt musste ihn noch keiner unserer Schüler ziehen», sagte Georg. Ich dachte, ich hätte das längst vergessen.

Flug übers Tal: Aus der Vogelperspektive scheint die Welt geschrumpft.

Achterbahn der Gefühle

Der Landeplatz Weglosen nähert sich mir. Eine Wiese, ungefähr ein Fussbalfeld gross, umzingelt von Bäumen. Ein Gleitschirm schraubt in Richtung Landezone herunter. Daneben glitzert im Sonnenlicht der bunte Lackteppich des fast vollbesetzten Parkplatzes. Die Seilbahn, die Bäume, die Strassen, winzig wie Spielzeuge. Um mich herum: Felswände. Ich bin winzig. Luft strömt durch die Luftkammern des Segels, konstantes Rauschen.

Kein Distanzgefühl - die umliegenden Berge erscheinen zeitgleich nah und fern. Hundert, dreihundert, fünfhundert Meter? Einige Gleitschirme segeln knapp einer Felswand entlang. «Felswandkratzen» nennt sich die Suche nach einem Thermikschlauch im Hängegleiterjargon, die Jagd auf einen kontinuierlichen Nachschub warmer Luft, die die Piloten in die Höhe zieht. Ein paar wenige segeln hunderte Meter über der Krete. Plötzlich eine Turbulenz. Der Sitz rüttelt, Klopfgeräusche vom Segel über mir. Kalter Schweiss. Zittern.

Weiter zu Teil 2: Vom Übungshang in die Höhe und zurück auf den Boden der Tatsachen


Was haben Sie zum ersten Mal erlebt?

Wagten Sie zum ersten Mal einen Sprung aus einem Flugzeug, schafften Ihren ersten Salto mit dem Snowboard oder standen zum ersten Mal auf Wasserskis? Schildern Sie Ihr Erlebnis im untenstehenden Talkback und beschreiben Sie kurz, wie Sie reagiert haben und wann und wo Sie Ihr erstes Mal erlebt haben. Oder senden Sie uns Ihre Videos, Bilder und Links mit Ihrer Geschichte an community@20minuten.ch.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B.Jäger am 28.10.2012 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    toll

    ist selten aber gibts doch. ein guter positiver bericht über eine super geile freizeitbeschäftigung;-) freu mich schon auf den nächsten.

  • Sventec am 28.10.2012 06:16 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Debby :-)

    Es geht wohl allen gleich und das ist doch das Schöne daran. Deine "Liveübertragung" dank 'Go Pro', war Spitze. Thx!

  • Simon M. am 28.10.2012 09:50 Report Diesen Beitrag melden

    guter Artikel

    Ihr dürft gerne mehr solche Sachen bringen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • aaron am 28.10.2012 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    fliegen

    wooow sieht cool aus

  • B.Jäger am 28.10.2012 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    toll

    ist selten aber gibts doch. ein guter positiver bericht über eine super geile freizeitbeschäftigung;-) freu mich schon auf den nächsten.

  • Lilian am 28.10.2012 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fallschirmsprung

    Ich bin vor 2 Jahren das erste mal aus dem Heli gesprungen und seit dem noch 3 mal:-) nächsten Frühling werde ich das Fallschirmfliegen lernen und danach mal sehen. Ein super bericht. Danke

    • Anna Bolika am 28.10.2012 23:52 Report Diesen Beitrag melden

      >

      Machs auf jedenfall im Ausland. Zumindest den Grundkurs. Wenn Du in der CH wohnhaft bist empfehle ich Dir Spanien und die Lizenz im Deutschen fertig zu machen. Mache generell keine Werbung für irgendeine Dropzone, deswegen gibts keine weiteren Infos... Aber du sparst Dir viel Zeit und vorallem moooonneyyy wenn Du es nicht in der Schweiz machst... so long... A.B.

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  • Patrick Bitterlin am 28.10.2012 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu Wetterabhängig

    Ich wollte eine günstige Alternative zum Motorflug (Flugzeug) finden. Leider ist der Gleitschirm aber nicht das was ich erhofft hatte. Ein bisschen Wind, ein bisschen Nieselregen und schon muss man sich dem Indoorhobby widmen. Die Flugschulen machen kommerzielle Massenabfertigung. Der Bauer will Geld für den Lande und Parkplatz. Im Winter, ohne Thermik gehts nur runter. Vorläufig, ist das Flugzeug, das bessere Fluggerät. Sorry ich kann's nicht so Romantisch sehen, will's aber auch nicht vermiesen. Jedem das Seine

    • Simon Huwyler am 28.10.2012 11:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Was für ein Vergleich

      Ich habe auch aufgehört, Inline skating zu betreiben. Habe festgestellt, dass das Auto das bessere weil wetterunabhängigere Verkehrsmittel ist. ;-) Abgleiter können übrigens auch wunderschön sein. Aber im Winter kann es schon saukalt werden! Dazu die Hände an den Bremsen - das gibt Chuenagel! :-)

    • Tom Baumann am 28.10.2012 11:30 Report Diesen Beitrag melden

      Gravity sucks

      Beim Wetter hast du nicht ganz unrecht aber auch im Winter hats Thermik. Februar in Fiesch schon über 100 km Strecke, Weihnachten auf 2800 m in Adelboden, alles schon erlebt und sonst Quixada, Brasilien oder Teneriffa.

    • Sordi am 29.10.2012 07:18 Report Diesen Beitrag melden

      Es gibt (fast) immer einen Ort

      Wer das Gleitschirmfliegen liebt, findet fast immer einen Ort, um zu fliegen. Die Alpen bieten meist einen tollen Wetterkontrast. In der Schweiz sitzen wir mitten in verschiedenen Wetterzonen, welche in 2-3h erreichbar sind. Ich habe schon oft traumhafte Flugweekends erlebt im Tessin oder Südtirol, in Frankreich, im Piemont, oder im Tirol. Und diese Gebiete wären auch ohne Gleitschirm jederzeit ein Weekend wert!

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  • Mike am 28.10.2012 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Wow!!

    Genial. Ich würde das so gerne ausprobieren, aber die Überwindung.... :-)

    • jemand am 29.10.2012 07:24 Report Diesen Beitrag melden

      Es braucht kaum Überwindung!

      Die grösste Überwindung braucht es, eine Flugschule anzurufen. Danach ziehts dich rein, dann machts einfach nur noch Spass! Mach einen Schnuppertag, das kostet kaum was und beiweists dir! ;-) Die 2-3 Tage am Übungshang vermitteln dir alles, was du brauchst und geben so die nötige (Selbst-)Sicherheit. ich zB war hier:

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