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Fährenfahrt in Chile

10. August 2019 09:34; Akt: 10.08.2019 09:34 Print

Vier Tage und Nächte in den Fjorden Patagoniens

von G. Hummel - Auf der Fähre von Puerto Natales nach Puerto Montt erlebt der Reisende Slow Travel von seiner schönsten und entspannendsten Seite.

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Die Fähre durch die Fjorde Patagoniens verkehrt bereits seit mehreren Jahrzehnten. Sie transportiert neben Passagieren, Fahrzeugen und Gütern auch Vieh. Das Motto während der vier Tage: Ruhe, Entspannung, dem Wetter beim ständigen Wechseln zugucken. Und ab und zu, wenn sich Unruhe auf dem Schiff breitmacht, ist klar: Irgendjemand hat Delfine oder Wale gesichtet. Die Fjorde sind teilweise sehr eng, und gerade in den ersten beiden Tagen ist die Sicht auf die Inseln mit ihren Wasserfällen und Gletschern sehr gut. Dörfer, anderen Booten und Menschen begegnet man auf dieser Reise nur äusserst selten. Dieses Schiffswrack liegt auf einem weiteren Wrack auf, deshalb ragt es so weit aus dem Wasser. Anscheinend war bekannt gewesen, dass sich ein Wrack unter Wasser befand, aber der Kapitän des oberen Schiffs wollte die Versicherung betrügen und sein Schiff «aus Versehen» versenken. Die Versicherung durchschaute den Betrug aber. Die Geschichte erzählte uns der Tourismus-Guide an Bord. Neben ihm reisten eine Yoga-Lehrerin und ein Natur-Guide mit. Die Fahrt auf der Navimag-Fähre hat nicht viel mit einer klassischen Schifffahrt zu tun. Die Einrichtung ist simpel und das soll auch so sein. Das Unternehmen sieht sich als Fähren-Dienstleister und schwimmendes Hostel für Leute, die mal was anderes erleben wollen. Auch wenn 2020 eine neu gebaute Fähre in Betrieb genommen wird, so soll der Hostel-Charakter erhalten bleiben. In der Kantine gibt es dreimal täglich gutes, simples Essen – und auch für Vegis, Veganer und Allergiker wird gut gesorgt. An Tag zwei darf die Brücke besucht werden. Auf einem der Telefone steht geschrieben «Wale», auf einem anderen «Delfine». Ein Spässchen des Kapitäns. Der Aufenthaltsraum hat zwar eine Bar. Aber nach mehreren Unfällen mit betrunkenen Passagieren und Besatzung wurde Alkohol von der Fähre verbannt. Das Klima im Februar war einigermassen mild. Aber wie immer in Patagonien: Alles ist möglich. Einatmen. Ausatmen. Auf Deck. Nach drei Tagen auf See war dies das erste Boot, das wir sichteten. An Tag drei verliess das Schiff die Fjorde und machte einen Teil der Strecke auf dem offenen Pazifik. In diesen Stunden bewegte es sich recht stark. Der Bordarzt verteilte Pillen gegen Übelkeit. Abends war die See glücklicherweise wieder ruhig. Adieu!

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Der Kapitän startet den Motor. Er, der Motor, brummt dumpf durch das metallene Skelett des Fährschiffs. Wir erwachen in unseren Kojen, sehen, wie sich das nächtliche Puerto Natales hinter dem Bullauge langsam in Bewegung setzt. Ein flüchtiger Gedanke: Nun geht es los. Und schon wieder eingeschlummert.

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Das Brummen des Motors begleitet uns einige Stunden später zum Frühstück in die Kantine mit ihren langen Tischen und dem Buffet, wo wir gestern spätabends von der Besatzung der Fähre begrüsst wurden. In der Zwischenzeit, quasi im Untergrund, wird das Schiff währenddessen beladen: mit Autos und Campern, mit Waren aller Art und, wie wir später hören werden, mit lebendigem Vieh.

Und jetzt? Die totale Ruhe

Seit den 70er-Jahren operiert das Schiff, auf dem wir uns befinden, zwischen Puerto Montt im nördlichen Patagonien von Chile und Puerto Natales im Süden. Die Fahrt durch die Fjorde ist 2000 Kilometer lang und dauert vier Tage. Die Zielgruppen: Reisende, die mal was anderes erleben wollen, sogenannte Slow Traveller – und Chilenen, die in abgelegenen Gebieten leben oder ihr Auto transportieren lassen wollen. Anwesend sind vielleicht 150 Passagiere; das Touristen-Chilenen-Verhältnis liegt bei ungefähr 50:50.

Nach dem ersten Frühstück sieht man sich zum ersten, aber keinesfalls zum letzten Mal mit der Frage konfrontiert: Was stelle ich mit mir an, so ganz ohne Internet, ohne Alkohol, ohne Aufgabe? Mal eine Runde auf Deck spazieren gehen. Das Wetter ist trüb, der Nebel hängt über den Klippen, Wasserfälle und Gletscher alle paar Kilometer. Die Ruhe schleicht sich sogleich in das Gemüt ein, und der niemals stillstehende Motor stellt den perfekten Soundtrack dar.

Delfine, Wale und Menschen

Zwischen Essen, auf einem der Ledersofas Lesen und Aus-dem-Fenster-Starren, zwischen Regenbogenzählen und Staunen, zwischen Nickerchen in der Koje und Beinevertreten auf Deck schleicht sich alle paar Stunden wieder die Aufregung ein: wenn jemand meint, einen Meeressäuger erspäht zu haben oder dies tatsächlich der Fall ist. Einige rennen sogleich an Deck, andere kleben an den Fensterscheiben, wieder andere gehen erstaunlich gleichgültig damit um.

Ab und zu werden die faulen Tage von willkommenen Programmpunkten unterbrochen, etwa von Yogastunden, einem Besuch auf der Brücke oder Vorträgen zur Flora und Fauna der Region. Ansonsten kann man sich in den Fjorden dem einen Gefühl hingeben, das hier so allgegenwärtig, aber heutzutage nicht mehr allerorts zu finden ist – schon gar nicht vier Tage lang: nämlich jenem, ganz allein auf der Welt zu sein.


Reise-Vorschlag für Patagonien (Chile)

Da es sich bei diesem Schiff um eine Fähre handelt, kann sie gerade für Reisende im Fahrzeug (ob im gemieteten Auto oder eigenen Camper) von Nutzen sein. So könnte man beispielsweise in Puerto Montt ein Auto mieten, die berühmte Carretera Austral bis nach Feuerland fahren und dann mit der Fähre wieder zurück nach Puerto Montt reisen. Damit spart man sich über 2000 Kilometer an Weg und Kosten und macht gleichzeitig eine völlig andere Erfahrung.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Flöggli am 10.08.2019 10:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Patagonien

    Fantastisch schön, ich hoffe ich kann mir denn Wunsch dieser Reise noch erfüllen.

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  • Cornelia Eicher am 10.08.2019 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Sofort wieder!!!!

    Das ist wirklich eine Reise wert! Habe dies vor 28 Jahren gemacht. Wir waren 6 Rucksack-Touristen auf dem Containerschiff. Doch die Tage musste man alleine gestalten - keine Yoga usw. Es wurde nie langweilig!!

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  • Nastyswissgirl am 10.08.2019 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz anders als alles andere

    Ein Erlebnis der Sonderklasse, welche ich so nur einmal in meinem bewegten Reiseleben erlebt habe. Im April 2007 schiffte ich als alleinreisende Backpackerin ein. Die Reise wurde um 36 Stunden länger, da auf offenem Meer ein heftiger Sturm mit über 10 m hohen Wellen tobte. Es regnete während all der Tage fast unentwegt, sodass dass grosse Oberdeck buchstäblich ins Wasser fiel. Dafür war die Crew super und zeigte Filme im kleinen Gemeinschaftsteil. Und eben... man schloss Freundschaften, lernte viel über andere und sich selber. Lesen stand eindeutig im Zentrum. Und Ruhen. Sicht? Null. Nebel.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Maus am 12.08.2019 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    Reisen

    War mal auf einer Rundreise u. a. auch in Patagonien bis Punta Arenas. Wunderbar.

  • Roli am 12.08.2019 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Feuerland

    Wunderschön ist auch die Fährverbindung Punta Arenas-Puerto Williams, 32h Fahrzeit durch die Magellanstrasse und den Beagle Kanal. Hautnah an den Gletschern die bis ins Meer hinabreichen und Wildtierbeobachtungen. Die Isla Navarino ist tolles Wandergebiet. Wer weiter nach Ushuaia will, kann das per Schlauchboot tun, ist aber sehr teuer.

  • Reisender am 10.08.2019 20:22 Report Diesen Beitrag melden

    Zu Lande zu Wasser und in der Luft

    Diesen Schiffstrip haben wir vor 20 Jahren gemacht. Auch bei uns kamen am dritten Tag hohe Wellen vom offenen Pazifik seitlich von vorne, dass das Boot gierte und stampfte, dh. der Bug machte kreisende Bewegungen. Selbst einige Besatzungsmitglieder wurden kreideweiss und das Boot war wie ausgestorben weil alle in den Kojen verschwanden. Zuvor war die Aussicht auf die Inseln und die Vulkane auf dem Festland eindrücklich. Unvergesslich das Ganze, schade dass die Eisenbahn ab P.Montt nicht mehr fuhr. Ich suchte und fand den Bahnhof, aber da war en keine Menschen und kein Zug.

  • M y V am 10.08.2019 13:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Puerto Eden

    November 1997 "el niño" 4 Tage Regen und der Golfo de la penas (Golf des Leidens) tat seinem Namen, mit einem hefrigen Sturm, alle Ehre. Fast alle Passagiere haben gek...

  • roadtripgirl.ch am 10.08.2019 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wunderschönes Patagonien

    Wir haben die 48 stündige Tour von Puerto Natales nach Tortel gemacht und es war ein Erlebnis, das wir so noch nie gemacht hatten. Wir durften in unserem VW Bus sein und das Essen konnten wir im Gästeraum zur vorgegebener Zeit abholen und ins Fahrzeug nehmen. Dann gab es nach ca. 24 Stunden einen Zwischenstop auf einer bewohnten Insel, die man anders als mit einem Schiff, nicht erreichen kann. Auch die Landschaft war sehr eindrücklich. Für uns hat es sich auf jeden Fall gelohnt und wir würden es wieder so machen.