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Belfast, Nordirland

31. Juli 2019 10:37; Akt: 31.07.2019 14:19 Print

Eine traumatisierte Stadt rappelt sich auf

von Laura Hüttenmoser - Belfast gilt als trendige Reisedestination und ist bemüht, seine blutige Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch so recht will das noch nicht gelingen.

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Belfast ist die Hauptstadt von Nordirland, das zum Vereinigten Königreich gehört (im Gegensatz zu Irland). Die Stadt hat in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Bis vor 10 Jahren gab es praktisch keinen Tourismus in Belfast. Mittlerweile ist hat sich die Metropole zu einem gefragten Reiseziel entwickelt. In den letzten fünf Jahren schossen Hotels wie Pilze aus dem Boden. Hier eröffnet in Kürze das George-Best-Hotel, das nach dem verstorbenen Fussballer und Sohn der Stadt benannt ist. Auch im Cathedral Quarter ist die Veränderung spürbar. Das zentrale Viertel war noch bis vor wenigen Jahren eine No-go-Area. Heute zählt es zu den hipsten Quartieren Belfasts ... ... mit vielen gemütlichen Pubs, Restaurants und Nachtclubs. Die Stadt hat eine bewegte Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs zerstörten Luftangriffe grosse Teile von Belfast. Neben älteren Häusern finden sich daher viele Bauten aus den 50er-Jahren. 1969 begann der Bürgerkrieg zwischen militanten Gruppen der Katholiken und Protestanten («the troubles»).1998 wurde er offiziell beendet durch das Karfreitagsabkommen. Die damals errichteten Mauern zwischen Wohnvierteln pro-irischer Republikaner und pro-britischer Unionisten stehen noch immer. Die sogenannten «Friedenslinien» sind heute ein Touristenmagnet. Der Belfaster Künstler Tim (hier vor seinem Werk) zeigt auf seiner Tour Wandmalereien im Cathedral Quarter. Street Art ist ein eher neues Phänomen in Belfast, da es früher schlicht zu gefährlich war, nachts rauszugehen. Unterdessen zieht die Stadt Künstler aus aller Welt an (im Bild: Werk von Smug One). Dieses Werk heisst «Coming out of the closet», die Tür führt zu einem Schwulenclub. Der Künstler hat das Pro-LGBT-Werk bewusst dezent gehalten, da er fürchtete, es würde sonst zerstört werden. Nordirland ist der einzige Staat Grossbritanniens, in dem die gleichgeschlechtliche Ehe illegal ist. Sie gab dem Cathedral Quarter den Namen: Die St Anne's Cathedral mit ihrem ungewöhnlichen Kirchturm. Die 54m hohe Stahlspitze «Spire of Hope» ist sehr umstritten und wurde als Symbol für Hoffnung und Frieden in Nordirland errichtet. Eine resignierte Sicht auf den Frieden wirft dieses Mural gegenüber der Kirche. Ein 12-jähriger Junge hält eine tote Taube in den Händen. Zwei Pfeile durchbohren ihre Brust, der eine repräsentiert den Katholizismus, der andere den Protestantismus. Weiter führt die Tour am Sunflower Pub vorbei. 1988 starben hier bei einer Schiesserei drei Zivilisten (damals «Avenue Bar»). In der Folge liessen die Betreiber einen Käfig am Eingang bauen, um die Pubbesucher vor dem Einlass zu kontrollieren. Der heutige Eigentümer beschloss, ihn zu behalten. An derselben Strassenecke gedenkt ein Mural der verstorbenen Journalistin Lyra McKee. Die 29-Jährige wurde im April bei Unruhen in Londonderry von einem Mitglied der «Neuen IRA» erschossen. «The Friend at Hand» beherbergt die weltweit grösste Sammlung von irischem Whiskey. Im wunderschönen Shop kann man den hauseigenen Whiskey probieren und kaufen. Die verschiedenen Sorten tragen Namen wie «Reconciliation» (Versöhnung) oder «Pride not prejudice» (Stolz ohne Vorurteile). Sie sollen daran erinnern, die Differenzen beiseite zu legen und sich die Hand der Freundschaft zu reichen. Der vielleicht schönste Pub der Welt? In der 1826 erbauten Crown Bar hängen noch Gaslampen von der Decke, die geschnitzte Holzvertäfelung stammt von italienischen Künstlern. Die Sitzecken («snugs») sind mit buntem Glas verziert, mit Ledersitzen ausgestattet und werden von hölzernen Löwen bewacht. Früher boten die Séparées vor allem für Frauen Privatsphäre, da es gesellschaftlich nicht akzeptiert war, dass sie in der Öffentlichkeit trinken. Mit einer Klingel konnten sie das Barpersonal darauf aufmerksam machen, dass sie etwas bestellen wollen. Wer gern isst und trinkt, ist in Belfast sowieso richtig. Jährlich findet etwa das Gin Festival statt. In einer Kirche können die Besucher zig lokale Gins probieren. Treffpunkt am Wochenende ist der St. George's Market, einer der bekanntesten Märkte in Irland und Grossbritannien. In der viktorianischen Markthalle gibt es eine Vielzahl von Produkten zu kaufen wie Obst, Gemüse, Antiquitäten, Bücher, Kleidung und Fisch. Die Fischabteilung geniesst den Ruf, die beste auf der ganzen irischen Insel zu sein.

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Samstagabend in Belfast, vor den Pubs bilden sich grosse Menschentrauben, jeder ist ausgelassen und aufgedreht, denn für einmal scheint die Sonne und es ist 22 Grad warm – Hochsommer in Nordirland! Meine Kollegin und ich sind ebenfalls in munterer Laune. Wir kommen vom Belfast Gin Festival, wo wir lokale Ginsorten degustiert haben. Der Event fand an einem Ort statt, an dem man für gewöhnlich keinen Alkohol ausgeschenkt bekommt, einer ehemaligen Kirche. «Gotta love the Irish» – ein Satz, den wir an diesem Wochenende noch einige Male sagen werden.

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Warm ums Herz

Der Abend führt uns Richtung Cathedral Quarter, früher das ärmste Viertel der Stadt und eine No-go-Area, heute ein angesagtes Ausgehviertel mit vielen Pubs, fancy Bars und modernen Restaurants. Und doch wirkt es nicht so aufgeräumt und austauschbar wie andere hippe Viertel dieser Welt. Belfast besitzt den rauen Charme einer Industriestadt, Kopfsteinpflaster und Backsteinhäuser prägen das Strassenbild, Souvernirshops oder Restaurantketten fehlen.

Wir kehren irgendwo ein und sind sofort hingerissen von der Wohligkeit, wie sie nur in britischen Kneipen herrscht. Die Wände sind lückenlos behangen mit Pub-Spiegeln und Vintage-Werbeschildern, altersmässig steht vom Teenie zum Rentner alles am Tresen, lautes Gelächter, ein dummer Spruch jagt den nächsten. Es fühlt sich so gemütlich an wie ein Winterabend am Cheminée, die gängige Anrede lautet «love». Dieser aufrichtigen Wärme und Herzlichkeit der Menschen begegnet man überall auf der irischen Insel. Gepaart mit ihrem schwarzen Humor, kann man nicht anders, als jeden sofort ins Herz zu schliessen.

Belfast und die «Troubles»

Belfast ist «up and coming» und hat sich zu einem der trendigsten Reiseziele Europas gemausert. Wer die Stadt besucht, kommt nicht umhin, sich mit ihrer bewegten Geschichte zu befassen. Der Nordirlandkonflikt («The Troubles») beherrschte Nordirland fast bis zur Jahrtausendwende. Rund 3500 Menschen starben in den 30 Jahren infolge der Gewalt, Belfast war einer der Hauptschauplätze.

Noch heute erinnern die hohen «Friedensmauern» an den Konflikt und trennen die Wohngebiete katholischer und protestantischer Bewohner, auf beiden Seiten mit Propaganda bemalt. Viele Belfast-Touristen wollen sie sich ansehen, doch hat dieses Interesse auch einen bitteren Beigeschmack. Wo hört die wichtige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Stadt auf und wo beginnt ein oberflächlicher, sensationsgeiler Konflikttourismus?

«Wir wollen nicht, dass uns der Bürgerkrieg definiert»

Mit unserem Guide Tim schauen wir uns Wandmalereien an, allerdings nicht entlang der Friedensmauer, sondern im Cathedral Quarter. «Wir wollen nicht, dass uns der Bürgerkrieg derart definiert», sagt der Künstler. «Ausserdem sind die Malereien auf den ‹Peace Walls› aus künstlerischer Sicht uninteressant. Es sind nur Männer mit Waffen.» Auf seiner Tour erklärt er den Hintergrund vieler Murals, die technisch herausragend sind und nichts mit Politik zu tun haben; eine Strassenszene in Tokio, ein Hummer-Koch.

Wir kommen an der Sunflower Bar vorbei und müssen schmunzeln. «No Topless Bathing. Ulster has suffered enough» steht auf einem Schild an der Mauer. Sofort fällt jedoch auch ein Käfig beim Eingang des Pubs auf. Es handelt sich um ein Relikt aus den 80er-Jahren. Die Betreiber liessen ihn nach einer Schiesserei bauen, um die Besucher vor dem Einlass zu kontrollieren.

Erinnerungen an jeder Ecke

An der selben Strassenkreuzung gedenkt ein Mural einer jungen Frau: Lyra McKee. Sie galt als Hoffnung für den nordirischen Journalismus und setzte sich für ein tolerantes und versöhntes Irland ein. Im April fiel sie dem Konflikt selbst zum Opfer. Bei Ausschreitungen in der nordirischen Stadt Londonderry erlitt sie einen tödlichen Kopfschuss von einem Mitglied der «Neuen IRA». Und so endet auch eine vermeintlich unpolitische Stadtführung mit dem Konflikt, auf den man nicht reduziert werden will.

Auseinandersetzen sollte man sich als Tourist mit der Geschichte der Stadt auf jeden Fall – man kommt auch gar nicht daran vorbei – aber man sollte respektieren, dass die Bewohner nicht dauernd zurückschauen wollen, sondern nach vorne. Und sich mit ihnen freuen, dass diese wunderbare Stadt noch viel mehr zu bieten hat.

Anreise

Von der Schweiz gibt es keine Direktflüge nach Belfast. Swiss und Aer Lingus fliegen täglich ab Zürich nach Dublin. Ab dort gelangt man innert zwei Stunden mit dem Bus nach Belfast.

Übernachten

Die beste Aussicht auf Belfast hat man aus den komfortablen, modernen Zimmern des Grand Central Hotels im Herzen der Stadt. Doppelzimmer ab £130/Nacht.

Essen

Der Muddlers Club bietet ein fantastisches Tasting-Menu aus lokalen, saisonalen Zutaten. Viergänger für £45.

Street Art Walking-Tour

Engagierte, lokale Künstler zeigen die beste Street Art von Belfast und erläutern die Hintergründe. Ein toller Weg, um die Stadt kennenzulernen! Jeden Sonntag um 12 Uhr, 2 Stunden, £10.

«Food & Drink»-Tour

Tauche ein in Belfasts spannende Gastroszene auf einer der sechs Touren von «Taste & Tour».

Unterstützung

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Tourism Northern Ireland.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Slim am 31.07.2019 11:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sprayer nehmt Euch ein Beispiel

    wären in der Stadt Bern und in der Agglomeration solch schöne Graffiti wie in Belfast zu sehen, statt der hirn- und geschmacklosen Schmierereien und Tags und des ewigen "FTP" Schwachsinns, würde das die Attraktivität Berns verbessern. In Belfast sieht man Street Art", in Bern dagegen Street Dirt.

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  • Miss Mozzarella am 31.07.2019 11:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traumhafte Insel

    Als Kind durfte ich mit meinen Eltern oft nach Irland. Mein Vater ging angeln auf dem Shannon. In den 70-ern hörte ich oft von Auseinandersetzungen in Nordirland. Ich begriff auch damals nicht, warum auf einer Insel solche Ausbrüche passieren. Lobenswert, wenn sich Belfast erholt und beruhigt. Die Insel ist nämlich ein Traum!!

  • Patric am 31.07.2019 10:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eindrückliche Stadt

    Belfast ist wirklich eine schöne Stadt und geschichtlich sehr interessant. Jedoch ist es einfach Unfassbar dass im heutigen Europa Menschen wegen ihrer Religion noch mit hohen Mauern von einander getrennt werden müssen. Es ist eindrücklich und traurig wenn man sich Mal mit den Einheimischen im Pub unterhält und sie einem Geschichten des Konflikts erzählen. Besucht unbedingt Belfast, falls ihr noch nicht da wart.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Riichä Richi am 31.07.2019 20:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Empfehlenswert

    Im Gegensatz zu den Engländern und Schotten, beherrschen die Iren und Nordiren das Kochen. Ein gutes Entrecôte aus irischem Hochlandrind oder ein Black Angus ist dortzulande einfach himmlisch zubereitet. Dazu noch ein gutes Murphys Bier und der Tag ist perfekt.

  • Möchtegern Ire am 31.07.2019 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sprachaufenthalt

    Habe im Rahmen eines Sprachaufenthalts 3 Monate in Belfast bei einer Gastfamilie gelebt - eine der schönsten Zeiten meines Lebens!

  • Findnicht am 31.07.2019 14:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz Irland den Iren

    Es ist erst wieder Ruhe dort, wenn der letzte Kolonialherr das Land endgültig verlassen hat.

    • Findschon am 01.08.2019 18:20 Report Diesen Beitrag melden

      Die Nordiren wollen aber nicht, warum

      soll man sie also zwingen? Vielleicht sollte sich lieber der Süden wieder in Grossbritannien eingliedern?

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  • Tim am 31.07.2019 12:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unserere Zukunft

    wenn der Harte Brexit kommt....die Grenzen geschlossen werden....dann wie weiter?

    • Andreas am 31.07.2019 15:22 Report Diesen Beitrag melden

      @Tim

      Wieso sollten nach dem Brexit die Grenzen geschlossen sein? Darum ging es nie, und das will auch kaum einer der zukünftigen Ex-EU-Bürger. Grossbritannien verlässt lediglich den politischen Einflussbereich Brüssels. Der Handel und der Reiseverkehr werden bleiben. Die Schweiz macht doch vor, wie es ohne EU-Mitgliedschaft geht.

    • ChriguBern am 01.08.2019 18:29 Report Diesen Beitrag melden

      Ganz einfach

      Dann wird Great Britain ein wenig kleiner und Irland wieder vereinigt. Verwandte von mir berichten, dass dies von immer mehr Leuten als das kleinere Übel angesehen wird.

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  • Tom Roth am 31.07.2019 12:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schöner Ort 

    Die Teilung der Stadt ist merklich spürbar, jedoch weniger als in Derry/ Londonderry