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Tunesien

22. März 2011 12:40; Akt: 26.04.2013 11:33 Print

Die Ruhe nach dem Sturm

von Andi Teuscher - Tunesien hat turbulente Zeiten hinter sich. Ein Besuch in dem Land, das die Arabische Revolution eingeläutet hat und nun wieder bereit ist für Urlauber.

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In einer beispiellosen Revolution hat das Tunesiche Volk vor zwei Monaten seinen ungeliebten Autokraten Ben Ali vertrieben und damit den Auftakt gegeben zu einer Welle von Massenkundgebungen in der Arabischen Welt. Im Zuge der Turbulenzen wurden Touristen ausgeflogen, die Reiseanbieter sistierten ihre Tunesien-Tripps. Das Tourismusministerium ist jetzt bemüht, guten Wind zu machen und das Land wieder als sicheres Reiseziel anzupreisen.

Am Flughafen Tunis herrscht geschäftiges Treiben. Walid Chemli, der Fahrer, versichert, dass alles in bester Ordnung sei. «Zu 80 Prozent», räumt er dann doch ein. Er macht ein sorgenvolles Gesicht. Die Fahrt führt vorbei an gespenstisch leeren Hotelkomplexen. «Im Winter ist hier nie viel los», murmelt er verlegen. Das Hotel «The Residence» am Strand von Gammarth im Norden der Stadt ist eines der wenigen, die noch den vollen Personalbestand halten. Knapp 30 Gäste bewohnen die riesige Anlage mit 164 Zimmern und Suiten. Der lange Sandstrand vor dem Hotel ist wie ausgestorben, ein paar Fischerboote liegen im Sand, umgestürzte Sonnenschirme und verlassene Strandbars zeugen davon, dass hier einmal Urlauber waren. In der Ferne ein einziger Mensch. Es ist Mabrouk, die weisse Schürze und das Namensschild verraten, dass er im Hotel arbeitet. Er vertreibt sich die Zeit beim suchen nach Schmuck und Geld. «Heute findet man nichts, zu viel Wind», sagt er resigniert. Normalerweise sei das Hotel auch im Winter gut besetzt. Doch jetzt bleiben die Gäste aus. «Das ist wegen der Revolution», gibt er zu bedenken. «Wir machen Reinigungsarbeiten, renovieren den Pool, lungern herum. Hoffentlich kommen bald wieder Gäste», sagt er. Doch er sei froh, dass Ben Ali weg ist. Niemand hier habe ihn gemocht.

Die Wiege der Revolution

Da, wo alles begann, auf der Avenue Habib Bourguiba in Tunis, ist inzwischen Ruhe eingekehrt. Vor zwei Monaten noch forderten hier Hunderttausende den Rücktritt der korrupten Regierung, vor wenigen Wochen zwang hier eine aufgebrachte Menschenmenge auch die Übergangsregierung in die Knie. Inzwischen haben unter dem Druck der Massen die letzten Minister der alten Garde den Hut genommen, auch dem Ruf nach einer neuen Verfassung wurde jüngst folge zu leisten versprochen. Das Innenministerium, Zentrum und Ziel der Ausschreitungen, ist noch immer weitläufig mit Stacheldraht umzäunt. Dahinter patrouillieren Soldaten mit Maschinengewehren, alle paar Meter steht ein gepanzertes Fahrzeug. Auf der anderen Seite der Abzäunung spazieren wieder Fussgänger, die Stimmung ist entspannt. Die ersten Läden an der breiten Allee, einst auch «Champs Elysee von Tunis» genannt, sind wieder offen. Angestellte fegen die Vorplätze der Läden.

«Wir wollen keinen Revolutionstourismus»

Gleich gegenüber des Place du 14 Fevrier befindet sich das Tourismusministerium, Arbeitsplatz des neuen Ministers für Handel und Tourismus, Mehdi Houas. Er ist einer der wenigen, der die jüngsten Umwälzungen schadlos überstanden hat. Sein Trumpf ist, dass er nicht mit dem alten Regime in Verbindung gebracht wird. Houas steht vor einer gewaltigen Aufgabe, denn der Tourismus liegt am Boden. «Die Welt soll wissen, dass in unserem Land etwas aussergewöhnliches passiert ist» gibt er zu Protokoll. «J'aime la Tunisie libre» (Ich liebe das freie Tunesien) heisst der Slogan, mit dem nun wieder Urlauber angelockt werden sollen. Er betont aber, dass Tunesien keine Gäste brauche, die nur eine «Revolutionsreise» machen wollen. «Die grossen Trümpfe Tunesiens sind auch nach der Revolution unverändert: Das Land ist wunderschön, und die Sonne scheint noch immer.» Die Stimmung sei jetzt aber eine andere: «Tunesien ist gerechter geworden, freier.» Und zum ersten mal können die Jungen ungehemmt Party machen, weil die strengen Restriktionen verschwunden seien. «Es wird jetzt niemand mehr daran gehindert, bis sechs Uhr morgens zu feiern.»

«Danke, Schweiz!»

Es ist nicht das erste mal, dass die Bewohner dieser Gegend am Fundament der Weltordnung rütteln. Bereits vor über 2000 Jahren brach Hanniball mit seiner Armee aus Karthago auf, überquerte die Alpen, fiel in Italien ein und brachte das Römische Reich an den Rand des Abgrunds. Noch heute läuft es einem kalt den Rücken runter, wenn man die Gebeine der Stadtbewohner unter den Fundamenten der Römischen Ruinen entdeckt. «Carthaginem delendam esse», Karthago muss zerstört werden, beschlossen die Römer und machten die ganze Stadt dem Erdboden gleich.

Normalerweise sind die Ruinen von Karthago über den Dächern von Tunis von Touristen überlaufen. Doch dieser Tage verirrt sich kaum ein Mensch dorthin. Die Marktstände vor dem Eingang zur Archäologischen Stätte sind alle geschlossen, nur ein alter Mann bietet eine Handvoll «echter» Punischer Münzen feil.

Im Inneren des Komplexes fegt Sabib, selbsternannter Hilfsacheologe, den Vorplatz. Ausgrabungen würden hier zwar keine getätigt, dafür ist er aber ganz aus dem Häuschen, als er die Schweizer Reisegruppe entdeckt. «Wir sind der Schweiz sehr dankbar, sie helfen uns mit den Geldern von Ben Ali. Danke, Schweiz!».

«Ben Ali hat uns bestohlen»

130 Kilometer weiter Südlich, am Golf von Hammamet, liegt die Hafenstadt Sousse. Auch hier ziehen lange Sandstrände, eine historische Altstadt und ausgedehnte Märkte normalerweise Scharen von Touristen an. Doch heute herrscht gähnende Leere. «Rund 1500 Gäste bewohnen momentan die 40 000 Hotelbetten der Region, zwei von drei Hotels sind ganz leer, viele davon haben geschlossen», erklärt Wahid Ben Youssef, zuständig für den Tourismus in der Region. In den engen Gassen der Altstadt ist sonnst kaum ein Durchkommen, doch dieser Tage laden die kleinen Marktstände und Strassencaffés zum flanieren und verweilen ein.

Es sind vor allem Einheimische, die sich hier mit Lebensmitteln, Kleidern und Dingen des täglichen Gebrauchs eindecken. Von den Souvenirständen sind viele geschlossen. Einer der wenigen, die geöffnet haben, gehört Wahid, einem älteren Mann, sein Gesicht ist durchfurcht von tiefen Sorgenfalten. «Ich habe seit zwei Monaten nichts mehr verkauft», erzählt er. Jetzt, wo die Touristen ausbleiben, sei es das Leben schwierig geworden. «Doch es ist gut, dass Ben Ali weg ist. Er hat uns nur bestohlen.» Wahid meint das wörtlich. Nicht umsonst wurde das Regime auch als Kleptokratie (Diebesherrschaft), bezeichnet: Regelmässig grasten die Schergen Ben Alis sämtliche Betriebe des Landes ab, vom Gemüsehändler bis zum Automechaniker, alle mussten sie mit Schmiergeldern den Fortbestand ihrer Arbeitsbewilligung sichern.

«Kiffen? Kein Problem mehr!»

In Sousse lockt das angeblich ausgelassene Nachtleben der Stadt nach draussen. Aus einer kleinen Kneipe, dem Boule Rouge, klingt vertraute Musik, geselliges Treiben im Innern, vor lauter Rauch sieht man die Rauchverbotstafeln kaum. Touristen gibt es hier weit und breit keine. Im Fernseher im Hintergrund laufen Nachrichten, Berichte über Ausschreitungen und Machtwechsel. Hier in Sousse hätte es kaum Proteste gegeben, es sei eine reiche Stadt, erklärt Abir, der mit zwei Freunden den Feierabend begiesst. Aber sie wollen jetzt feiern, nicht über Politik reden. Bier wird gereicht, und Abirs zwei Freunde verfallen in kindisches Kichern. Er entschuldigt sich, die seien soeben auf der Strasse gewesen, hätten Marihuana geraucht. Ob sie dafür nicht drakonische Strafen riskieren, hier in Tunesien? «Strafen? Früher ja, aber jetzt schert sich keiner mehr darum. Eine Errungenschaft der Revolution!»

«Dieses Jahr oder nie»

Noch ist nicht absehbar, in welche Richtung sich das Land am Mittelmeer entwickeln wird. Der Sturz des allseits verhassten Regimes war ein erster, kleiner Schritt in einem langen Prozess, Ausgang ungewiss. Eine der grössten Herausforderungen für die Übergangsregierung ist jetzt, die Destination wieder attraktiv für Touristen zu machen. «Dieses Jahr, oder nie», sagt der Tourismusminister Mehdi Houas. Jeder sechste Job im Land steht auf dem Spiel. Nur wenn es gelingt, die Arbeitsplätz im Tourismussektor zu erhalten oder zu vermehren haben die Menschen eine Perspektive, Hoffnung auf ein Auskommen im eigenen Land. Und nur dann ist es möglich, dass die Umwälzungen eines Tages zu demokratischen und stabilen Strukturen führen. Ferien im «neuen» Tunesien zu verbringen ist der beste Weg, diesen sensiblen Prozess zu unterstützen. Ausserdem ist es gerade jetzt sehr schön hier. Der Frühling ist bereits überall zu spüren, durch die Gassen weht ein Wind der Freiheit. Und es ist angenehm ruhig in den Tourismusregionen des Landes. Ruhiger denn je.