27. April 2005 04:49; Akt: 26.04.2005 20:33 Print

Frühlingsgefühle in Venedig

Einmal im Leben durch Venedig gondeln: Davon träumt jedes Liebespaar. Kein Wunder, gehört der Gondoliere zu den letzten Helden unserer Tage.

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«Eine Frau, die eine Gondel steuert, ist wie eine Frau, die Auto fährt: sehr gefährlich!» Mauro schmunzelt so charmant, dass ihm niemand seinen Chauvinismus übelnehmen kann. Tatsächlich sind die 425 Gondoliere auf Venedigs Kanälen Männer: Um das Gefährt zentimetergenau durchs enge Wasserlabyrinth zu zirkeln, brauchts grössten Körpereinsatz. Mauro arbeitet seit zwölf Jahren als Gondoliere. Unter Venezianern wird der Beruf verehrt wie anderswo in Italien der des Fussballers. Und bei den Touristen sind die stolzen Männer ein mindestens so begehrtes Fotosujet wie die Rialtobrücke.

Links und rechts gleiten edle Palazzi vorbei, wie man sie aus dem Kino kennt. Und wie im Film fühlt man sich selbst, wenn man neugierig in die Innenhöfe äugt, unter jeder Brücke die Liebste küsst und das Schauspiel geniesst, wenn direkt ab Lastschiff Gemüse an die Nonnas verkauft wird. Das Leben pulsiert, romantischer gehts nicht. Wer Venedig nicht mag, sollte an sich zweifeln.

Mauro erklärt, wo Berühmtheiten wie Marco Polo wohnten und dass der Gondoliere früher nicht nur der Fahrer reicher Familien war, sondern auch ihr Bodyguard. Er kennt Anekdoten zu jedem Quartier, aber auch Kritik: «Venedig wird immer mehr zum Museum, uns Einheimische ignoriert man: Wir brauchen Lebensmittelläden, nicht noch mehr Masken-Shops.» Auf die Frage nach seinem Gesangsrepertoire lacht Mauro: «Ich singe erst nach Feierabend – für meine Kinder.»

Matthias Mächler