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5671 Meter über Meer

19. Juli 2017 11:48; Akt: 19.07.2017 19:40 Print

Grenzerfahrung auf dem höchsten Iraner

von Marlies Seifert - Körperliche Herausforderung und kultureller Einblick: Die Besteigung des Mount Damavand ist beides.

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«Schön ist der Damavand nicht. Zumindest nicht aus der Nähe», sagt Bergführer Ehsan fast schon entschuldigend, als wir die letzten 300 Höhenmeter durch die karge, gelb schimmernde Mondlandschaft an der Spitze des 5671 Meter hohen Bergs keuchen. Schwadenförmig austretende Schwefeldämpfe reizen die Atemwege. Sieben Stunden Fussmarsch stecken schon in den Beinen. Im Zickzack sind wird über nicht enden wollende Geröllhügel gelaufen, haben uns über Kreten gehangelt, ein Eisfeld durchquert.

Weniger bekannte Nordostroute

Nein, schön ist der Damavand nicht. Denn0ch zieht der höchste Berg des Nahen Ostens und höchste Vulkan Asiens jedes Jahr Tausende Alpinisten an. In der persischen Mythologie spielt der freistehende Berg mit seiner auffälligen Rauchsäule – an der Spitze vermutete man einen Drachen – eine tragende Rolle. Jedes Kind kennt ihn. Zudem gilt er als einer der am leichtesten zu erklimmenden Fünftausender der Welt. «Im Base Camp der Südroute habe ich während den iranischen Feiertagen schon 200 Zelte gezählt», sagt Mohammad Hajabolfath. Mit seiner Agentur Iran Mountain Zone bietet er deshalb Touren über den weniger überlaufenen Nordosten an. Geschlafen wird im mobilen Zeltcamp, auf grünen Matten im Schatten des mächtigen Kegels.

Trotz Knieproblemen stets als Erster beim neuen Rastplatz ist Koch Ali. Der eigentlich schon pensionierte Tausendsassa kennt hier jeden Stein. Hundertmal habe er den Damavand schon bestiegen, vielleicht zweihundertmal. «Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen», sagt er. Sieht man, wie er das Gemüse mit seinen riesigen, zerfurchten Pranken liebevoll im eiskalten Bergbach wäscht, weiss man: das ist keine Aufschneiderei.

In seiner improvisierten Küche zaubert Ali jeden Abend ein Drei-Gang-Menü. Dazu serviert werden Anekdoten aus dem Alltag im Iran. Kopftuch-Pflicht, Drogen, Politik – ab 3500 Metern über Meer gibt es keine Tabus mehr.

Wie in Zeitlupe auf den höchsten Iraner

Die Luft auf den letzten Metern ist dünn, jeder Schritt zentnerschwer. Seit wir die 5000-Meter-Marke geknackt haben, macht sich die Höhe bemerkbar. Während einige in der Gruppe mit Kopfschmerzen oder Übelkeit zu kämpfen haben, kämpfe ich in erster Linie mit mir selbst. Der Leistungsabfall ist enorm. Als hätte jemand den Schalter auf Zeitlupe umgelegt. Zentimeter um Zentimeter schleiche ich voran, bis ich endlich am Ziel ankomme. Kein berauschendes Glücksgefühl, kein lauter Jubel. Nur ganz grosse Erleichterung. Und ein paar kullernde Tränen beim Anblick des gefrorenen Kratersees.

«Congratulations!», jubelt es plötzlich von der Seite. Eine Gruppe einheimischer Bergsteiger. Schnell werden gemeinsame Fotos gemacht und E-Mail-Adressen ausgetauscht. «So kann ich dir eine Freundschaftsanfrage schicken», sagt Hobby-Alpinist Mehti. Facebook ist doch verboten? «Im Iran ist vieles illegal und trotzdem normal», winkt er lachend ab.

Was man ausblendet, wenn man mit letzter Kraft hinaufächzt: die 1600 Höhenmeter zurück ins Camp. Die Beine wollen nicht mehr recht gehorchen. «Stört es dich, wenn wir singen?», lenkt Mohammad ab. Natürlich nicht! Getragen von einer leitenden Hand und dem Klang von Liebesliedern auf Farsi geht es Schritt für Schritt den Berg hinunter. Unter 5000 Metern ist die Kraft zurück. Mit letztem Elan schaffe ich es ins Lager, wo Ali uns mit einem stolzen Grinsen und frischer Wassermelone empfängt. «Gut gemacht!»

Vergessen sind all die Strapazen tags darauf beim verspäteten Gipfeltrunk in Teheran. Auf den von Sonne und trockener Luft zersprungenen Lippen brennt der Whisky wie Feuer. Whisky im streng islamischen Iran? Haben wir doch gelernt: Illegal, aber normal.


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