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Rio de Janeiro

22. Februar 2019 13:44; Akt: 22.02.2019 13:44 Print

Wie politisch wird der Karneval?

von Laura Hüttenmoser - In einer Woche steigt in Rio die grösste Party der Welt. Ungewöhnlich: Eine Sambaschule will ein politisches Statement abgeben.

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Am Freitag, 1. März beginnen in Rio die Feierlichkeiten rund um den Karneval. Am Sonntag und Montag wird auf dieser Strasse die Hölle los sein. Die 14 besten Sambaschulen der Stadt präsentieren ihr Thema im Sambódromo. Und 80'000 Menschen schauen ihnen dabei zu. Die obersten Plätze auf der Haupttribüne sind am günstigsten. In den bedienten Boxen, wo die Jalousien geschlossen sind, tummeln sich jeweils Promis und Politiker - hier kommt man fast nur auf Einladung rein. So kennt man ihn: Der Sambódromo während des Karnevals 2018. Etwa 3500 bis 4000 Mitglieder pro Sambaschule stellen sich den Blicken der Jury. Für die 700 Meter lange Paradestrecke haben sie 82 Minuten Zeit. Ein Überschreiten, aber auch ein Unterschreiten dieses Zeitlimits kostet sie wertvolle Punkte. Daneben werden unter anderem das Thema der Parade, die Perkussion, die perfekte Koordination und Harmonie der Bewegungen beurteilt. Im vergangenen Jahr siegte die Sambaschule Beija-Flor, die mit ihrem Auftritt auf die politischen und sozialen Missstände in Brasilien hinwies. Die Tänzer ahmten bewaffnete Gangster und ... ... korrupte Politiker nach. Mangueira ist eine der bekanntesten und traditionsreichsten Sambaschulen von Rio und gewann den Wettbewerb bereits 19-mal. In der Cidade do Samba (Stadt des Samba) im Hafenviertel können Besucher einen Einblick in die Vorbereitungen erhaschen. Die Top-Sambaschulen der Stadt bauen in den Lagerhallen ihre Umzugswagen, nähen Kostüme und proben die Auftritte. Bruno Tenório (r.), der Marketingleiter von Mangueira, führt unsere Reisegruppe und erklärt,wie viel Arbeit hinter dem Karneval steckt. Im November werden die Skulpturen und Dekorationen fertiggestellt. Noch ist nicht alles bereit für die Feierlichkeiten. Samba-Lektion mit Queila Mara: Die Mangueira-Tänzerin zeigt ... ... den berühmten Samba-Hüftschwung. (Video am Ende des Artikels)

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Etwa 1,5 Millionen Besucher werden zum Karneval in der brasilianischen Metropole erwartet, um mit den 6,7 Millionen Einwohnern zu feiern. Das Highlight bilden jeweils der Karnevalssonntag und -montag, wenn die 14 besten Sambaschulen der Stadt gegeneinander antreten. Im Sambódromo, einer Tribünenstrasse, schauen 80'000 Menschen zu, wie die talentierten Tänzerinnen und Tänzer vorbeiziehen. Jede Schule wählt ihr eigenes Thema und erzählt eine Geschichte – eine gigantische Openair-Oper.

Politische Botschaften sind dabei – anders als bei vielen Fasnachtsumzügen in Europa – eher unüblich. «Beim Karneval geht es um Schönheit und Träume. Die Realität haben wir jeden Tag», sagte die Reiseleiterin Giônia Belmonte bei unserem Besuch im November. Sie muss es wissen als waschechte Carioca, wie sich die Bewohner Rios selbst nennen. Doch im vergangenen Jahr war der Karneval politisch wie selten. Die Tänzer der Schule Beija-Flor verkleideten sich als bewaffnete Gangster und korrupte Politiker – und gewannen damit den Wettbewerb.

Hommage an Bolsonaros Feindbild

Brasilien leidet seit Jahren unter hoher Kriminalität und Korruptionsskandalen, was den Weg geebnet hat für den neuen Präsidenten Jair Bolsonaro. Der umstrittene, rechtsradikale Ex-Offizier trat sein Amt Anfang Jahr an und gewann die Wahl unter anderem mit dem Versprechen, die Gesellschaft zu bewaffnen.

Die Parade von Mangueira, einer der berühmtesten und traditionsreichsten Sambaschulen Rios, trägt den Titel «Gutenachtgeschichten für Erwachsene» und wird eine Hommage an die im März 2018 ermordete Stadträtin Marielle Franco. Die schwarze, lesbische Politikerin setzte sich für die brasilianische LGBT-Community, für Schwarze und Frauen ein und prangerte immer wieder öffentlich die Brutalität von Polizei und Militär in den Favelas an. Der Mord an Franco – sie und ihr Fahrer wurden in ihrem Auto erschossen – ist bis heute ungeklärt, vermutet wird ein Racheakt der Polizei.

Das Fest der einfachen Leute

Ende November laufen die Vorbereitungen in der Sambaschule Mangueira bereits seit Monaten auf Hochtouren. So leicht und locker alles scheint, wenn die Welt eine Woche lang auf Rio schaut, so viel Arbeit steckt dahinter. Bruno Tenório, der Marketingleiter der Schule, erläutert den Ablauf: «Im Mai legen wir das Konzept fest, dann die Darbietungen und Prototypen der Kostüme. Im August bauen wir die Umzugswagen, im September nähen wir die Kostüme, im Oktober wird der offizielle Song gewählt, und jetzt sind wir gerade an den Skulpturen und der Dekoration.»

Eine Sambaschule ist übrigens kein Ort (wie die Bezeichnung vielleicht vermuten lässt), wo man lernt, Samba zu tanzen, vielmehr bereiten sich die Mitglieder das ganze Jahr über auf den Karneval vor. Die meisten bedeutenden Schulen befinden sich in den Favelas oder in deren Nähe. «Der Karneval ist ein Fest der einfachen Leute. Nicht die Reichen von Rio organisieren die grösste Party der Welt, sondern die Bewohner der Favelas», sagt Giônia Belmonte. Die Siegerprämien gehen in die Entwicklung der jeweiligen Bezirke.

Video: Die Tänzerin Queila Mara der Sambaschule Mangueira gibt eine Kostprobe ihres Könnens.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 22.02.2019 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Künstler an die Macht

    Wenn Gesellschaft und Politik versagen, dann bleibt die gefährliche Aufgabe an Menschenwürde und Mitgefühl zu mahnen, den Künstlern überlassen. Viel Erfolg wünsch ich Euch, Paradiesvögeln und Königinnen der Strasse.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 22.02.2019 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Künstler an die Macht

    Wenn Gesellschaft und Politik versagen, dann bleibt die gefährliche Aufgabe an Menschenwürde und Mitgefühl zu mahnen, den Künstlern überlassen. Viel Erfolg wünsch ich Euch, Paradiesvögeln und Königinnen der Strasse.