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Höhlenstadt in Italien

22. Mai 2019 17:54; Akt: 22.05.2019 17:54 Print

Das Wunder von Matera

von Laura Hüttenmoser - Einst galt die süditalienische Stadt als «nationale Schande» – 2019 ist Matera europäische Kulturhauptstadt.

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Matera liegt im Süden Italiens, in der Region Basilikata, und ist «europäische Kulturhauptstadt 2019». Bei dem Häusergewirr handelt es sich um die berühmten Sassi, die Wahrzeichen von Matera und seit 1993 Unesco-Weltkulturerbe. «Sassi» heisst übersetzt «Steine». Die in Tuffstein gehauenen Höhlensiedlungen wurden schon in der Jungsteinzeit als Behausung genutzt. Aufgrund der Überbevölkerung waren arme Bewohner ab dem 17. Jahrhundert erneut dazu gezwungen, darin zu leben. Und das bis zum Ende der 1950er-Jahre. Um eine bessere Vorstellung vom damaligen Leben der Menschen zu bekommen, ... ... können Besucher eine typisch eingerichtete Felsenwohnung mit Möbeln und Werkzeugen aus jener Zeit besichtigen. Auf engstem Raum und fast ohne Tageslicht oder frische Luft lebte die arme Bevölkerung gemeinsam mit den Nutztieren in den Höhlen zusammen. Die Betten waren hoch, um möglichst viel Abstand zur Feuchtigkeit des Bodens zu schaffen. Häufig befanden sich unter dem Bett auch Hühner. In der Kommode verstaute man Kleider und Alltagsgegenstände, nachts dienten die Schubladen als Bett für Kleinkinder. Eine Familie hatte zu dieser Zeit durchschnittlich sechs Kinder. (Aufnahme von 1956) Elektrizität oder fliessend Wasser gab es nicht. Aufgrund der unhygienischen Zustände konnten sich Krankheiten leicht ausbreiten. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch. Ein Mann respektive ein Buch brachte die düsteren Zustände ans Licht. Carlo Levi, ein Schriftsteller, Maler und Antifaschist aus Turin, wurde 1935 in die Provinz Matera verbannt. Im autobiografischen Roman «Christus kam nur bis Eboli» schilderte er die prekären Lebensbedingungen im scheinbar von Gott verlassenen und vom Rest Italiens vergessenen Süden. Bei seinem Erscheinen im Jahr 1945 erregte das Buch grosse Aufmerksamkeit und wurde kurz darauf zum Welterfolg. Drei Jahre später besuchte Palmiro Togliatti, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, die Stadt und nannte sie «la vergogna nazionale», die «nationale Schande». Der damalige Ministerpräsident Alcide de Gaspari sah sich zum Handeln veranlasst und erliess 1952 ein Sondergesetz, mit dem er die Umsiedlung von etwa 15'000 Sassi-Bewohnern anordnete. In den folgenden zehn Jahren wurden fünf neue Viertel am Stadtrand errichtet. Viele Bewohner begrüssten die Umsiedlung in die komfortablen Wohnungen, für andere war es ein Schock. «Für viele Sassi-Bewohner fand das Leben vor allem draussen statt, in Gemeinschaft mit anderen Familien. Nach der Umsiedlung waren sie plötzlich in getrennten Wohnungen, das war für viele traumatisch», erzählt Reiseleiterin Anne Demay (l.). Filmemacher erkannten das Potenzial Materas als biblische Filmkulisse. Über 50 Filmproduktionen entstanden hier, unter anderem Mel Gibsons «Die Passion Christi» (2004) und das Remake von «Ben Hur» (2016). 2019 steht Matera ganz im Zeichen der Kultur. An verschiedenen Orten in der Stadt finden sich ... ... Skulpturen des spanischen Künstlers Salvador Dalí. Die geschmolzene Uhr gehört zu seinen bekanntesten Motiven. Die meisten Skulpturen sind in den Höhlen eines ehemaligen Dominikanerklosters ... ... eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die tiefe Schlucht des Flusses Gravina trennt Matera ... ... von der Hochebene Murgia. Funde belegen, dass Menschen bereits im Paläolithikum hier durchgekommen waren. 80 Prozent des Gebietes waren von Wäldern bedeckt, die Grotten dienten als natürlicher Unterschlupf – beides Faktoren, die das Überleben ermöglichten. Seit 11'000 Jahren ist Matera besiedelt und zählt damit zu den ältesten Städten der Welt. Aus praktischen Gründen wurde die Stadt auf der anderen Seite der Schlucht gegründet. Von der Murgia aus bietet sich daher die imposanteste Aussicht auf Matera. Die Murgia ist Teil eines 8000 Hektar grossen, archäologischen Naturparks, der unzählige der berühmten Felsenkirchen beherbergt. Über 150 in Tuffstein gehauene Gebetshäuser gibt es in und um Matera ... ... viele von ihnen mit Fresken aus dem 17. Jahrhundert. Später wurden die Kirchen umgenutzt und dienten als Wohnräume, Werkstätten oder Ställe. Bei Nacht ist Matera besonders magisch und erinnert an eine beleuchtete Weihnachtskrippe. 2019 werden bis zu einer Million Besucher erwartet, ... ... in einer Stadt, deren Bewohner noch vor kurzem befanden: «Hier gibt es nichts zu sehen.» Der Wandel vollzieht sich in einem unfassbaren Tempo, das viele Materaner überfordert. Die meisten aber sind froh um die neuen Arbeitsplätze und Möglichkeiten, die der Tourismus mit sich bringt.

Fehler gesehen?

Im Labyrinth aus engen Gassen, steilen Treppen und den farblosen Häusern verliert man sich schnell, alles ist Ton in Ton. Den einzigen Kontrast bildet das Blau des Himmels, das die Felsenstadt wie ein Gemälde erscheinen lässt. Die ganze Szenerie ist absolut surreal und atemberaubend – aber auch seltsam. Es ist gespenstisch still (für italienische Verhältnisse), die Bewohner und ihr Lebensalltag fehlen.

Aber verlassen ist Matera nicht: Touristengruppen schlendern umher – wie durch ein Museum, bleiben alle paar Meter stehen, bewundern, machen Fotos. Sie alle haben von der aussergewöhnlichen Geschichte der Stadt gehört, die bereits zur Jungsteinzeit besiedelt war – und den Sassi. Sassi bedeutet «Steine» und bezeichnet die Felsenhöhlen, die das Bild der Stadt prägen. Im Laufe der wechselvollen Geschichte Materas nutzten die Menschen die Grotten immer wieder als Behausung – zuletzt in den 1950er-Jahren.

Zwangsumsiedlung

Von Adel und Kirche unterdrückt, blieb armen Leuten und Kleinbauern damals keine andere Wahl, als in den Höhlen zu wohnen. Ohne Elektrizität, fliessend Wasser, Tageslicht oder frische Luft, auf engstem Raum mit ihren Nutztieren. Die unhygienischen Verhältnisse führten dazu, dass sich Krankheiten wie Malaria schnell ausbreiten konnten, die Kindersterblichkeit war hoch. Die italienische Regierung nannte Matera «la vergogna nazionale», die «nationale Schande» und ordnete 1951 die Umsiedlung der Sassi-Bewohner an. 15'000 Menschen mussten in den folgenden zehn Jahren in Neubauwohnungen an den Stadtrand umziehen.

Danach waren die Sassi lange Zeit verlassen, eine Geisterstadt, die man sogar abzureissen erwog. Ende der 80er-Jahre entstand ein Umdenken, die Denkmalpflege schaltete sich ein und 1993 erklärte die Unesco die Sassi von Matera zum Weltkulturerbe. Es war jedoch die Auszeichnung im Oktober 2014, die den Hype auslöste: Matera wird zur Kulturhauptstadt 2019 ernannt und im Zuge dessen weltweit beworben, Blogger und Influencer berichten über die äusserst fotogene Stadt.

Vor 20 Jahren gab es kaum eine touristische Infrastruktur, heute buhlen über 400 Restaurants, 20 Hotels und über 500 Gästehäuser um Besucher – bis zu einer Million werden 2019 erwartet. Ganzjährig finden Events statt wie momentan die Ausstellung von Dalí-Skulpturen. Im August wird die Intro-Szene des neuen James Bond hier gedreht.

Das geht alles sehr schnell für eine Stadt, die bis vor kurzem noch kaum jemand kannte. Viele der versprochenen Verbesserungen und Investitionen in die Infrastruktur sind nicht rechtzeitig fertig geworden. Auch bei einem Besuch der Dalí-Ausstellung schleicht sich das Gefühl ein, Matera sei noch nicht bereit für den Ansturm. Eine Gruppe von etwa 50 Schulkindern und drei Betreuungspersonen drängt durch die Höhlen des Klosters. Die Lage ist unübersichtlich, die Skulpturen sind weitgehend ungesichert, ein Kind stösst versehentlich gegen den fallenden Apfel der Figur «Homage to Newton» und bricht diesen ab.

«Es gibt hier nichts zu sehen»

Die Basilikata ist eine der ärmsten und am wenigsten besiedelten Regionen Italiens mit knapp 600'000 Einwohnern und viel Land, aber wenig Perspektiven. Bis zum «lucky strike», wie Biagio Spagnuolo die Ernennung zur Kulturhauptstadt nennt. Der junge Unternehmer kehrte nach zehn Jahren in Rom in seine Heimatstadt zurück, wo er nun das Luxushotel Sant’Angelo führt. «Bevor sich der Tourismus hier entwickelte, zogen viele meiner Freunde weg, weil sie hier keine Arbeit fanden. Nun kommen sie nach Matera zurück und versuchen, hier etwas aufzubauen. Das ist wunderschön.»

Reiseleiterin Anne Demay zog vor 24 Jahren in die Heimatstadt ihres Mannes. Damals hätten die Bewohner zu ihr gesagt: «Wieso kommst du nach Matera? Es gibt hier nichts zu sehen.» Sie seien sich der Aussergewöhnlichkeit ihrer Umgebung nicht bewusst gewesen. Es wirkt fast so, als entdeckten die Bewohner Materas ihre Stadt erst dieses Jahr so richtig – gemeinsam mit einer Million Touristen.

Openair-Museum

Das ist das Verrückte daran, 2019 in Matera zu sein. Andere historische Orte sind längst bis in die letzten Winkel erschlossen, erkundet und vermarktet. Diese Stadt befindet sich mitten im Übergang. Noch gibt es Stadtteile wie Casalnuovo, den sie das «Albanerviertel» nennen, weil hier im 16. Jahrhundert Albaner, Serben und Kroaten auf der Flucht vor den Osmanen Unterschlupf fanden. Er liegt auf der Schattenseite der Schlucht, ist heruntergekommen, die Sassi stehen leer.

In den nächsten Jahren soll Casalnuovo saniert und ans touristische Zentrum angeschlossen werden – als eine Art Freilichtmuseum, womit es gut zum Rest der Stadt passen würde. Noch immer leben 4000 Materaner in den Sassi. Wie lange noch, wenn es rentabler ist, seine Wohnung an Gäste zu vermieten? Eine Touristin formuliert es so: «In Matera zu sein, ist, als würde man das Kolosseum besichtigen und als hätte es noch einen Burgherr und einen Gladiator, der einmal die Woche antreten muss. Und einen Tiger. Der ist aber auch schon alt und hat Gicht.»

Es nimmt kein Ende: Matera im Panorama:

Anreise

Mit dem Bus («Freccialink») in 1.5 Stunden ab Bari oder 3 Stunden ab Salerno. trenitalia.com
Unterkunft

Im Sant'Angelo Luxury Resort können Gäste mit hohen Ansprüchen in den traditionellen Sassi übernachten. Deluxe-Zimmer ab 330 Euro pro Nacht. Zur Website >>
Tourguide

Es gibt nichts über Matera und die Basilikata-Region, was diese Frau nicht zu wissen scheint: Die sympathische Anne Demay bietet Touren auf Deutsch, Englisch, Italenisch und Französisch an. annedemay@alice.it, +39 3293155583
Unterstützung

Diese Reise wurde ermöglicht durch Enit, der italienischen Zentrale für Tourismus, und Trenitalia.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • oli am 22.05.2019 18:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    städtetrip

    ich werde ende august für 3 tage die stadt besuchen. freue mich drauf

    einklappen einklappen
  • Antella am 22.05.2019 18:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wunderbar!

    Eine wirklich faszinierende Stadt, deren Besuch sich sehr lohnt. Eine Führung von Einheimischen ist ein Muss, um die ganzen Umstände der Geschichte, die Wiederentdeckung und die eindrücklichsten Winkel dieser Stadt kennen zu lernen.

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  • Aloheysi am 22.05.2019 18:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Passion Christi

    Wunderschöne Stadt. Mich nimmt es Wunder, ob der zweite Teil von "die Passion Christi" in Matera gedreht wird.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rüdiger am 31.05.2019 11:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es war einmal

    Vor 25 Jahren war das ein langweiliger Ort mit vielen Junkies und Möchtegerne-Mafiosis. Würde mich interessieren, wieviel sich geändert hat.

  • Materaner am 23.05.2019 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    Bin da geboren ...

    und kann jetzt eigentlich nicht mehr hingehen. Aus-die-Maus. Für so viele Leute sind die Gassen, Treppen und enge Durchgänge einfach nicht gemacht. Die Hotelier drehen völlig am Rad - derart überrissene Preise. Jetzt erlebe ich das erste Mal was Massentourismus wirklich verursacht. Schlimm.

  • cardetta am 23.05.2019 09:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ginosa, Matera

    Und ein wenig östlich von Matera liegt Ginosa in der Provinz Taranto Apulien, und auch dort gibt es eine Gravina. Und auch dort wurden Jesusfilme gedreht, nich nur in Matera. Matera ist einfach grösser!

    • Dolcelucana am 23.05.2019 19:20 Report Diesen Beitrag melden

      Auch den Lucani mal was gönnen?!

      Hat auch niemand behauptet, dass es nur in Matera Gravine hat und Filme gedreht wurden. Gönnt doch auch mal den Lucani was. Wir waren lange genug eine Geistergestalt Italiens.

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  • unglaublich am 23.05.2019 08:43 Report Diesen Beitrag melden

    aber wahr

    Die Region Basilikata war einmal arm. Heute ist es aber nicht mehr so. Weinproduktion Aglianico der Weltweit exportiert wird Das FIAT Werk in Melfi das tausenden Menschen Arbeit gibt der Pasta Hersteller Barilla wovon der Federer sogar Werbung macht und die Landwirtschaft hauptsächlich Tomaten und Oliven Export.

  • Major Tom am 23.05.2019 07:44 Report Diesen Beitrag melden

    Na toll

    Hat man wieder einen neuen Ort gefunden, der vom Massentourismus zu Tode getrampelt werden kann. Und Influencer berichten nicht davon. Die stellen sich hin, machen ein paar perfekte Bilder von sich selber und verduften dann wieder.

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