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Lois Gibson

22. Oktober 2018 21:40; Akt: 22.10.2018 21:40 Print

Überfall-Opfer half 1200 Verbrechen aufzuklären

von Meret Steiger - Nachdem eine junge Frau von einem Unbekannten angegriffen und vergewaltigt worden war, wechselte sie den Job – und half seither, über 1200 Verbrechen aufzuklären.

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Das ist Lois Gibson (68). Als junge Frau wurde sie Opfer einer Vergewaltigung und wäre fast gestorben. Der Drang nach Gerechtigkeit führte zu ihrer Berufung: Phantombild-Zeichnerin. Dank ihr konnten über 1266 Verbrechen aufgeklärt werden. Darunter bekannte Fälle vermisster Kinder: «Baby Grace» wurde tot im Wasser aufgefunden, Lois zeichnete eine Skizze, wie das Kind vorher ausgesehen haben könnte. Nach nur drei Tagen wurde das Mädchen von seiner Grossmutter identifiziert und die Eltern des Mädchens festgenommen. Nachdem Lois Gibson Anfang der 1970er-Jahre angegriffen worden war, dauerte es aber nochmals rund zehn Jahre, bis sie begann, als Phantombildzeichnerin zu arbeiten. Zuerst arbeitete Gibson als Zeichnerin für Touristen. «Ich habe über 3000 Touristen gemalt – ein besseres Training hätte es gar nicht geben können. Die meisten habe ich einmal porträtiert und dann wieder vergessen. Einer blieb mir aber in Erinnerung: In den habe ich mich verliebt ... ... und bin mit ihm nach Houston gezogen.» Dort begann Sie in den 1980er-Jahren als Freelancerin für das Houston Police Department Verbrecher zu zeichnen. Erst 1989 bekam die Phantombildzeichnerin eine Festanstellung. Diese junge Frau hatte ein Baby aus dem Spital entführt. Die hysterische Mutter beschrieb die Frau gegenüber Lois Gibson. Bereits nach wenigen Stunden fand die Polizei die Gesuchte – das Baby war wohlauf und ist zurück bei der Mutter. Dieser Mann war an einem Banküberfall beteiligt. Die Zeugin sagte gegenüber Gibson und der Polizei mehrfach, sie habe das Gesicht des Täters nie vollständig sehen können – und doch gelang Gibson dieses Porträt. Donald Eugene Dotten, der Mann auf diesem Bild, hat einem Polizisten, Paul Deason, in den Kopf geschossen und ihn überfahren. Das Opfer überlebte schwerverletzt und gab noch im Krankenbett eine Beschreibung ab. Wenige Tage später wurde Dotten bei einem Ladendiebstahl erkannt, festgenommen und wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt. Die erfolgreichste Phantombildzeichnerin der Welt hat aber nicht nur Verbrechen aufgeklärt: Gibson hat auch geholfen, den Soldaten auf dem berühmten Kussbild vom Ende des Zweiten Weltkriegs als Glenn McDuffie zu identifizieren. Heute zeichnet die 68-Jährige noch immer für das Houston Police Department und gibt Kurse für angehende Phantombildzeichner.

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Lois Gibson ist heute 68 Jahre alt und gilt als die beste Phantombild-Zeichnerin der Welt. Zu diesem Job kam sie allerdings durch eine Tragödie: Als junge Frau wurde Gibson von einem Unbekannten angegriffen, vergewaltigt und fast erwürgt.

Der Angriff

Während der 1970er-Jahre war Lois Tänzerin in Los Angeles. Auf dem Heimweg wurde sie von einem Mann angegriffen und vergewaltigt. Der Unbekannte würgte sie mehrmals so stark, dass sie ohnmächtig wurde, nur um seinen Griff danach wieder zu lockern. Lois sagt gegenüber Medien, dass sie sich sehr genau an sein Gesicht erinnern konnte – und an die Freude, die er empfand, als er sie leiden sah.

Lois überlebte den Angriff, traute sich aber nicht, den Täter der Polizei zu melden. Sie überlebte einen Suizidversuch, war depressiv. Sechs Wochen später passierte etwas, was Lois als «Wunder» bezeichnete: «Ich war in meinem Auto unterwegs und hatte plötzlich das Bedürfnis, diese eine Strasse zu nehmen, auf der ich vorher noch nie war. Es war, als wüsste mein Auto, wo es hinmöchte, und als ob es mich führen würde.»

Lois erreichte einen Parkplatz, auf dem die Polizei gerade einen Verdächtigen umstellt hatte. Lois war sofort klar: Das war der Mann, der sie angegriffen hatte. «Ich habe an diesem Tag zwei Dinge gelernt: Erstens, dass ich diese Sache hinter mir lassen kann, und zweitens, dass es Gerechtigkeit gibt – und diese fühlt sich toll an», sagt die forensische Zeichnerin in mehreren Interviews.

«Das beste Training»

Lois war klar: Künftig wollte sie zur Gerechtigkeit beitragen und mithelfen, Verbrechen aufzuklären. Phantombildzeichnerin wurde sie aber keineswegs über Nacht: Lois beendete ihre College-Ausbildung, Hauptfach Kunst, und zog nach San Antonio. Dort arbeitete sie als Sketch-Zeichnerin für Touristen.

«Ich habe über 3000 Touristen gemalt – ein besseres Training hätte es gar nicht geben können. Die meisten habe ich einmal porträtiert und dann wieder vergessen. Einer blieb mir aber in Erinnerung: In den habe ich mich verliebt und bin schliesslich mit ihm nach Houston gezogen», sagt Lois.

Das erste Phantombild

Eines Tages sah Lois den Bericht über eine vergewaltigte Tanzlehrerin – es gab kein Bild des Verdächtigen. «Das war ein schrecklicher Moment – ich habe meine eigene Vergewaltigung noch einmal erlebt und ich wusste, dass ich etwas unternehmen musste.»

Mit einer Freundin machte Lois den Test: Die Freundin ging zur nächsten Tankstelle und beschrieb Lois anschliessend den Verkäufer so lange, bis er sich selbst auf dem Bild erkennen konnte. «Mir war sofort klar, dass ich eine Berufung gefunden hatte», sagt Lois.

Der Jobwechsel

Etwa ein Jahrzehnt nach ihrem Angriff setzte sich Lois Gibson mit dem Houston Police Departement in Verbindung und bot ihre Dienste als Phantombild-Zeichnerin an. Es war nicht leicht: Sie wurde am Anfang nicht ernst genommen und gemobbt. Zehn Jahre lang war Lois nur Helferin, bis das Houston Police Department 1989 schliesslich fest anstellte.

«Es war manchmal hart. Ich hatte ein kleines Baby zu Hause und der Druck war sehr gross. Einmal wollte ich schon aufhören – aber am nächsten Tag habe ich einen Anruf bekommen, dass der Memorial-Park-Mörder mithilfe meiner Skizze gefasst werden konnte – und ich wusste, dass ich weitermachen musste», sagt Lois Gibson.

Lois Gibsons Erfolge

Wie viele Verbrechen mit der Hilfe von Lois Gibson aufgeklärt wurden, lässt sich nur schwer feststellen. Sie selbst hat bis vor einigen Jahren mitgezählt: 1266 gelöste Fälle und gefundene Verbrecher waren es zu diesem Zeitpunkt.

Darunter waren auch viele bekannte Fälle: Gibson zeichnete das Phantombild von dem Mann, der Pornosternchen Stormy Daniels auf einem Parkplatz angegriffen und bedroht haben soll. Gibson war auch für die Skizze von «Little Jacob» verantwortlich, einem unbekannten Vierjährigen, der an eine Küste angespült wurde. Mit ihrer Zeichnung wurde das Kind als Jayden Lopez identifiziert, seine Mutter und deren Freundin wegen Mordes festgenommen.

Die erfolgreichste Phantombildzeichnerin der Welt hat aber nicht nur Verbrechen aufgeklärt: Gibson hat auch geholfen, den Soldaten auf dem berühmten Kussbild vom Ende des zweiten Weltkriegs als Glenn McDuffie zu identifizieren.

Heute arbeitet Gibson immer noch für das Houston Police Department und gibt in ihren Ferien Kurse für angehende forensische Zeichner. 2017 wurde sie vom Guinness-Buch der Rekorde zur «erfolgreichsten forensische Zeichnerin der Welt» gekürt.